Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 37 (1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
37 (1894)
Date
1894-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-8722849-5962403--2461-5376648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches ♦ . k. 87. 1804. J i H^ausgegeben von Dr. M. Kammer in Magdeburg. |ur UMkrhallung und Kelehrung für die israklitischr Kamilie. Var »,IS»tfch« Fo—Uieeeblat«-- erschein» wSchentlich, als MratirBeilage zur N>««ch n,fch»ift--. Je»»» Mkifift» A«»b»»««I UH* »icftM Blatte ist mtlcrfugt. — vi« Einzelnummer kostet |0 ^|g. bei der Expedition der .Irr. lvochenschr.- ' Dör auferftcrndene Rabbi Kulturgeschichtlicher Roman aus.dem jüdischen Leben in Galizien. Bon,Isidor Brüstiger. IL »Nun hast Du schon den Roman durchgelesen, welchen ich Dir vorgestern anempfohlen habe, nicht wahr, daS ist ein Meisterwerk in der Romanliteratur?" fragte Josef, als er eben inS MirjamS Zimmer eintrat. Mirjam saß tiesbetrübt in einem Lehnstuhle vor sich hin. -brütend und ein ganzes Chaos kummervoller Gedanken durchschwirrte ihren Kopf, denn sie hatte das zwar trauliche, aber laute Zwiegespräch ihrer Eltern, die in nächtlicher Einsamkeit über ihr Schicksal entschieden, das nunmehr besiegelt zu sein schien, im anstoßenden Schlafzimmer mitangehört. Joses kam ihr also jetzt gerade zu gelegener Zeit. Bei seinem Anblick erwachte sie auS ihrem wachen Träumen und, um ihren Geliebten ihren innern Kummer zu verbergen, gab sie ihm mit gezwungenem, allerdings bitterem Lächeln die Antwott, daß sie den Roman bereits durchgelesen und an dessen Lektüre . sich wohl unterhalten habe. .Höre doch einmal an, was mir gestern widerfahren ist . . .' begann iloses, — »Auch ich habe gestern ettvas Unerwartetes und Außer- /mckentlicheS in Erfahrung gebracht"— erwiderte sie ein- - fallend — »doch erzähle Du mir zuerst, waS Dir begegnet ist, dann will ich Dir auch mein Geheimniß mitthrilen." Josef begann seine Erzählung: »Gestern vor Abend ging ich in's Freie hinaus, um jBid) an der Herrlichkeit der Natur zu ergötzen, wie es an höncn Maiabenden stets meine Gepflogenheit ist. Der linde ' Zephyr fächelte mir die Wohlgerüche der Frühlingsblumen zu und so jpaziette ich auf u»d ab, bis sich die Sonne gegen -Hörsten zum Unter zange 'Neigte, um in Neptuns Schooße von > ihrer mühseligen Tagesregentschast auszuruhen. Als ich eben im Begriffe war nach Hause zu ellen, drang plötzlich ein schwacher Hilferuf a» mein Lhr. Ich nähette mich dem in dieser Gegend ’ sich weilhin'rrstrcckcnden romantischen Thale und sab zu meinem Süßten Erstaunen, daß ein krästtger Bauer den Sohn des csigen Todtemvächters Reb Zodrk sehr arg zurichtete. Als ' der Hällunke meiner gewahr wurde, lies er hastig davon. Der Knabe dankt« mir herzlichst und auf meine Frage, was denn den B«iuer eigentlich veranlaßte, ihn so mörderisch zu prügeln, gab er mir zu verstehen, daß dieaus keinem andern Grunde, als auS angeborenem Judenhaß der hiesigen Bauern- ^völkerung, geschehe. Der Knabe entfernte sich dann und ich lg nach Hause." »Fürwahr, das ist eine edle That einem Menschen das Leben zu retten!" sagte Mirjam mit leidenschaftlicher Erregtheit. »Keine edle That das," erwidette Josef, »es ist vielmehr Pflicht eines jeden Menschen, seinem Nebenmenschen in Gefahr beizustehen." »Keine edle That?" — wiederholte Mirjam ironisch — »wer weiß, ob Du, wenn es Dir gelungen wäre, das Leben eines schönen und die Empfindungen des Herzens anregenden Mädchens zu retten, dies auch als keine edle That bezeichnet haben würdest?" »Willst Tu mit mir etwa Scherz tteiben?" fragte Josef wehmüthig, »isss Dir denn nicht genug bekannt, daß nur Du meine Gedanken stets beschäftigst, daß nur Dein Bild in meinen Träumen lcbt und daß mein Leben nur an Deinem Besitze hängt? Wozu sollte ich noch Liebe bei anderen Mädchen suchen, wenn sie noch so schön und mit vergänglichen Reizen ausgestattct wären? Nein, so widerspricht sich die wahre Liebe nicht! ... Tu stutzest, liebe Mirjam! Jnteressire ich Dich vielleicht nicht mehr, dann sage es mir frei heraus, damit ich mein bitteres Schicksal kenne und mich keinen Illusionen hingebe." »Josef, Josef! Ich machte mir nur einen kleinen Spaß nnd Deine leicht erregbare Phantasie malt Dir denselben als Ernst, Du solltest doch schon längst die Ueberzeugung gewonnen haben, daß unsere Herzen mit den heiligen Banden der Liebe unzerttennlich an einander gefesselt sind und unsere Seelen ivie zwei Flammen ineinander greifen ... Doch wo sind wir hingerathcn? Es ist keine Zeit jetzt, unsere Herzen zu offenbaren, ich wollte Dir mittheilen, was ich gestern in Erfahrung gebracht habe . . . fasse Muth! . . . Wer weiß, ob wir fürderhin noch solche liebliche Stunden werden verleben können, wie jetzt? .... Diese Worte drangen wie ein Pfeil tief in Josefs Herz; jene aber fuhr fott und sprach: »als Tu gestern von mir gegangen warst, benutzte >ch die Mußestunde dazu, den mir von Dir anempfohlenen Roman zu lesen, welcher mich auch in fortwährender Spannung erhielt, so daß ich Abend spät, noch vor dem Schlafengehen, darin las. Da vernahm ich plötzlich die Stimme meiner Mutter, welche dem Vater darüber sttenge Borwürfe mochte, daß er mich nicht mit dem Sohne des Rabbi von Z. . . verlobt und Dir nicht unser HauS verweist. Wehe! zu meinem größten Unglücke winkte ihr auch der Vater seinen Beifall zu. Gesagt, gethan und heute Morgen schrieb er auch an den Rabbi, hierher zu kommen mit seinem Söhnchrn an der Seite, um die Parthie zu schließen. Ja, einem solchen abscheulichen KlauSzögling will man mich preisgebcn! Ich zöge vor, »nan möge mich mit gebundenen Armen vor einen Löwen hiuwrrfen, che man mich einem solchen Dickschädel in die Arme tteibtl WaS bleibt nun für mich zu thu« übrig, lieber Joses? Steh« mir mit D<nnem Rache

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.