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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 36 (1894) · p. Seite 143

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
36 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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"Fähigkeiten abqesprochm werden, wenn eS dem Baron Hirsch «elingt, die sich seinem großen Werke in Argentinien entgegen, stellenden Schwierigkeiten zn überwinden und die Colonisation wenigstens durch ri» Jahrzehnt »»gestört fortzusctzen. I» den Werkstätten herrschte auch überall eine musterhafte Ordnung, uud das gute Aussehen der Lehrlinge machte eine» ganz besonders erfreulichen Eindruck. Wir verließen befriedigt die der Arbeit geweihten Hallen und sprachen noch lange mit Bewunderung von jenem Manne, der dieses und noch so vieles Gute geschaffen und dessen segensreiches Wirken sich fast über de» ganzen Erdball erstreckt. Tie Antisemiten werfen den Juden immer ihre Rothschilds und alle die Wohlthäter, deren Reichthum ihnen so sehr in die Angen sticht, vor. Wir sind aber so naiv, uns einzubilde», daß ein Baron Hirsch, ein Rothschild und ein Montefiorc doch etwas mehr werth sind, als alle ihre Koryphäen ins» gesammt. Wir gönnen sie ihnen denn auch von ganzem Herzen, und sogar um den Prinzen von Lichtenstein beneiden wir sie nicht. — Unserem zuerst so weitgesteckten Reiseziele, sollte jetzt leider ein jähes ldidc bereitet werden. Bis zu den letzten Tagen hegten wir noch immer die Hoffnung, uns doch noch nach Rußland zu begeben, wenigstens in jene Districte, wo die Cholera noch, so zu sagen, mit Glaceehandschuhen auftrat. Man weiß aber, mit welch rapider Schnelligkeit die Krankheit auf einmal um sich griff. Wir konnten zuletzt ihren Laus auf der Karte gar nicht mehr verfolgen. Stand der Feind erst gestern vor den Thoren Astrachans, so wart er sich heute nach Elisabethgrad und morgen nach Berdyczciv, und der Telegraph, der sein Eintreffen bald da, bald dort meldete, konnte mit ihm fast nicht mehr gleichen Schritt halten. Waren wir beide auch nicht gar so ängstliche Gemüther, so gehört doch viel dazu, angesichts so drohender Gefahren und des fast sichtbaren Einschreitens des TodeSengelS seine Ruhe 4« behalten. Schon das allein war kein großes Vergnügen, sich fortwährend in einer Atmosphäre von Carbol und Chlorkalk zu bewegen und diese Düfte auf Schritt und Tritt einathmen zu müssen, die dazu diente, um andere, allerdings noch unangenehmere Gerüche zu verdrängen, die man sonst hier verspütte. Leider wurden die sanitären Maßregeln nicht überall stteng genug beobachtet. In solchen Zeiten scheint es fast, daß jeder Bürger seine eigentliche Beichästigung beiseite legen wüßte, uin sich selber mit der Kloakenreiniguug und TeSinficvung zu befassen, die von polizeiwegen nicht immer ausreichend besorgt wird. An übertriebenen und falschen Gerüchten fehlte'es natürlich auch nicht.' Go brachte rin Reisender im Hotel zuip Frühstück die Nachricht, die Cholera sei plötzlich in Breslau und Kattowktz aufgetteten und hätte dott schon tausend« von Menschen dahingerafft. Der Bericht stellte sich als falsch heraus, zugleich aber ergab eS sich, daß der Colpotteur dieser Nachricht für ein großes HauS ii» Carbol reise. Der Mann soll übrigens in didfrm Artikel ein Bombentefchäft gemacht haben, und wenn ihn die.Cholera auf nnen vielen Reisen nicht gar irgendwo selbst an 'den tragen gefaßt, ffo muß er jetzt wo als reicher Mann auf einer schönen Viya von seinen Carbolrenten lebe». * Rach und nach wurde es denn auch in Galizien selbst immer gruseliger. Für Freund Cäine und mir, die wir beide in unserer Lebensart so mäßig siyd, stand auch noch zu befürchten, wir möchten «ns zu dieser Zeit und in' diesem Lande noch zu gewaltigen Säufern vor dem Herrn auSzubilden. Die dottigen Lands- Icktte leisten schon gewöhnlich im Schnapstrinken ein Erkleckliches, geschweige denn in so anormalen Zeitläuften. Wo man hinkommt, ipird einem gleich ein SchnäpSchcn, worunter man aber eine ganze Collection verficht, angeboten, und es geschicht ta so einschmeichelnder, lichenSwürdiger Weise, daß eS kaum «ngcht, nicht Bescheid zu thun. Uebrigens habe ich später von einem Barbier irgendwo nt Deutschland gelesen, der sich aus Furcht vor der Cholera mit einem Rasirmcsser den HalS lbgeschnitteu, und so muß es doch noch schöner sein, sich tobtuniakrn. — Mch sechswöchentlicher Durchwandcrung eine» großen TheilS von Galizien, ttatcn wir eines schönen Morgenunfern Rückweg an. Der Abschied von Krakau, wo wir neben ttaurigcn Scenrn auch viel Angenehmes gesehen Und erlebt, machte uns das Herz schwer, unser» Beutel aber der Abschied vom Grand Hotel leicht. Herzlich leid that eS uns, daß wir auf den Besuch am Hose deö Wunderrabbi von Sadagora, der noch auf unserm Programm stand und von dem wir uns viel Amüsantes ver. svrachen, verzichten mußten. Die Wallfahrten dorthin wurden aber von der österreichischen Regierung der Cholera wegen verboten, und ohne die große Pilgcrschar, die sonst dort immer zn sehen ist, ging ein großer Theil der Anziehung verloren. Auch meine Heimathstadt, das altehrwürdige Brodq, die GebuttSstätte so vieler jüdischen Größen, mit all seine» schönen Anstalten, seinen guten Menschen und seinen guten jüdischen Bonmots, mit. seiner stolzen Vergangenheit und seiner tristen Gegenwart, sollten wir mcht mehr sehen. Nur von der Ferne streckte ich nach den Freunden die Hand zum Gruße aus. Bis Berlin reistcn wir noch zusammen, und im selben Zimmer deS ,KaiserhofS*, dessen Wände mein erstes englisches Lallen vernahmen, ttcnnten sich die nun miteinander so verttaut gewordenen Reisegefähtten mit einem von beiden gleich warm gebotenen kure well, but not for ever! Es war in der That kein Abschied für immer, denn einige Zeit hernach überraschte mich Herr Caine, der mit seiner Familie Dänemark bereiste, mtt seinem Besuch und nahm mit seiner liebenswürdigen Gattin und einem munteren Knaben bei mir Absteigequattier. Die Verttaulichkeit stellte sich zwischen den Damen und den Kindern, ttotz des Sprachenübclstandes, bald ein und eS zeigte sich, daß Zuneigung und Sympathie für die Verständigung das beste Volapük abgeden. Und wiederum nach einiger Zeit trafen wir in London zusammen, wohin Herr Caine, der sonst auf seinem Gute in Keswick wohnt, für die Wintermonate gewöhnlich übersiedelt. Hier war es, wo ich ihn im Mittelpunkte des geistigen englischen Lebens seine hohe gesellschaftliche Stellung und seine Liebenswürdigkeit so ganz entfalten sah. Obwohl noch verhältnißniäßig jung, aber bereits einen hervorragenden Platz in der Literatur behauptend, ist er ein warmer Beschützer jüngerer Schriftsteller, und zeigt sich gefällig gegen Alle, die irgend einen Dienst von ihm beanspruche». Im Auslande wird viel von dem steifen, ceremoniellen Wesen der Engländer gesprochen, und es cursiren darüber soviele Anekdoten, die dieses Uttheil bestätigen sollen. Ich glaube aber man macht sich hier ganz falsche Begriffe von der vermeintlichen Steifheit und Unzugänglichkeit der Briten. Wenn man im Lande ist, findet man vielmehr, daß der Engländer höflich, zuvorkommend, theilnehmend und gastfreundlich ist, ohne gerade auf Phrasendrescherei und Schönthuerr'i viel Gewicht zu legen. Man wünscht sich bei Tische dott nicht gesegnete Mahlzeit, dafür aber hilft jeder dem andcm sich die besten Bissen wählen, und das piuw äesiäerium wird dott mehr in eine nützliche Handlung umgesetzt. Und so sind alle gesellschaftlichen Formen und Bräuche mehr auf das Praktische gerichtet. Für fremdes Leid zeigt sich der Engländer sehr theilnehmend, und ein Freund von mir, der erst kurze Zeit dott wohnt, erzählte mir, als er einmal an Zahnschmerzen litt und mit verbundener Wange ausgehen mußte, wurde er von vielen Vorübergehenden mitleidig angesprochen, die ihm sogar irgend ein Linderungsmittel anriethen. Mir waren auch alle Personen, mit denen ich in der Themsestadt verkehtte, höchst sympathisch, ebenso gefiel mir das ganze dortige Leben. Nur mit dm mglischm fbggs, mit diesem undurchdringlichen Nebel, der fast nie eine schöne, klare Sonne erblicken läßt, könnte ich mich, wie ich glaube, niemals befreunden. Interessant war, daß ich, der Jude, gerade durch Herrn Caine, in die höchsten jüdischen Kreise, in denen er viele Freunde zählt, eingefühtt wurde. Da lernte ich so recht kennen, was wahre jüdische Aristokratie ist, jmer Adel der 'Herzen-, von dem unzählige mildthätige Anstalten, der Pttvatwohlthätigkett gar nicht zu gedmkm, die beredtsten Zeugnisse

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