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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 36 (1894) · p. Seite 142

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
36 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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Rabbinstsohn, wenn auch gegen ihre» Willen, zu versprechen, sie ist ein Kind und muß gehorchen, nur auf diese Weise wirst Tu sie den Armen jenes Setzers und für immer dem Fegefeuer entreißen! Merke Dir es wohl, Ephraim, der Wahn ist kurz, aber die Reu' ist lang." Diese Worte wirkten wie ein Zauber auf sein ohnehin zerknirschtes Gemüth, sein Gesicht ward bleich, denn er hatte in seinem Innern einen gar heftigen Sampf zu bestehen, und er stotterte mit kaum vernehmbarer Stimme: „Ich fühle den Stachel der Reue tief in meiner für den Chassidismus warm schlagenden Brust darüber, daß ich ihr eine so moderne Erziehung habe angedeihen lassen, daß ich überhaupt dem ruchlosen Josef Eingang in mein Haus gewährt habe. Nun, so Gott will, es wird anders werden! Ihm, dem Apikores gomur'), werde ich sofott wein Haus verweisen und morgen will ich auch an den Rabbi von Z. . . ein Schreiben richten lassen, wie Tu es verlangst." .Also, dabei bleibt es," — erwiderte Sarah — .das ist das Beste, was wir thun können und sollen." * * * * Reb Ephraim war ein reicher, handeltteibender Mann von chajsidischem Schlage. Sein seliger Vater, der sich bei Leb-,eiten ganz dem Dienste Gottes geweiht hatte, mischte sich nie in das Geräusch der geschäftigen Welt, er lebte stets isolitt für sich und seinen Gott. Bon ihm hieß es, daß er keine Zuras Matbea') kannte. So kam eS denn, daß er von seinen Stadtleuten das Ehrenprädikat .Tauwje Choßid" *) er» hielt. Sarah, Reb Ephraims Ehehälfte, war aber auch eine Mejucheßes4) und stand ihrem Gatten nicht nach. Sie war nämlich die Tochter eines in der Stadt vielgerühmten Gemore- Melameds?) Da sich Reb Ephraim noch dazu ein bedeutendes Vermögen erworben und allenthalben als Schoßkind Fortuna's und deren Favorit gegolten hatte, so versteht es sich von selbst, daß er sich in der Gemeinde eines nicht unbedeutenden Ansehens und Einflusses ersteute. Woher kam es nun aber, daß Reb-Ephraim, einSprößling vom altehrwürdigen, chasfidischen Stammbaume, seine einzige Tochter Mirjam ausbildm und ihr die Früchte vom Baume der Erkenntniß reichen ließ, um sie dadurch in die Helle zu stürzen? Wird er denn dafür nicht verantwottlich sein an jenem Tage des Bnhör's,. welches einst vor der obersten und höchsten Instanz stattfinden wird, wo die Engel als Geschworene nnd der Weltenrichter als Präsident fungireq? Folterte ihn sein gottessürchtiaes Gewissen nicht, seine einzige Tochter durch den Giftbecher der Bildung zu tödten und sie gleichsam mit eigenen Händen in Pluto's Reich zu führen? WarNm erfolgte die Reue erst so spät, nachdem Mirjam schonvom Giftpfeile des WissknS getroffen war? Solche und ähnliche Fragm werden sich gewiß dem geneigten Leser aufgedrängt haben. Allein wem einmal die Gelegenheit geboten war, sich in der chasfidischen Welt umzusehen, der weiß es nnr zu gut, daß hier nur die Söhne, die sogenannten unh durch ihre wilde Ausattung bestbekannten Bochurim aufs strengste be- - wacht werden, um ja nicht vom Baume der Erkenntniß irgend welches Früchtlein zu pflücken, die Töchter aber können sich desto ungenirter jedem, beliebigen Studium widmen, da ihnen doch nach ihrer Verehelichung die Pflicht obliegt, sich selbst und den ftommen, gottesfürchtigen Gatten, der ja kein Geldstück kennt, zu ernähren, und somit alF Geschäftsfrau unvermeidlich mit der West in Verbindung steten müssen. Da wir nun Reb-Ephraim als glühenden Chofid kennen gelernt haben, der, den asten Traditionen gemäß, einen KlauS-Bochur und Rabbinerssohn sich zum Schwiegersöhne auserlesen will, wird er uns nicht mehr Wunder nehme», daß er seiner einpgeu Tochter eine moderne Erziehung hat angedeihen lassen. An- ') Vollständiger Ketzer. *) Aussehen rinn Münze. *) Dder fromme Tobias. 4) Boa einer guten Familie abftnmmeud, von jüdische» Adel. *) Talmndlehrers. , fangs schien ihm sein hoffnungsvoller Reffe Josef der Hand j seiner Tochter würdig, dieweil er in den Gelehrtenkreisen als r' ein guter, ja, man kann sagen, als ein feiner Sopf gast und seine Melamdim (Lehrer) sich von ihm viel versprachen. Der eine wiegte sich in optimistische Hoffnungen und meinte, er werde einst Kreisrabbiner lverden, der zweite, etwas pesfi. mistischer Natur, wollte in ihm wenigstens einen zukünftigen Dajan (Rabinatsassessor) erblicken, der dritte zum allerwenigsten einen Paußek Melamcd,') jedenfalls eine Stufe höhn als Reb-Ephraim's Schwiegervatn selbst, dn doch nur ein einfacher Gemore-Melamcd war. Als sich abn Joses nachher vom guten Wege abgemendet hatte, und den angestammten Traditionen hohnsprechend, sich als Abtrünnign dem Studium, fremder Sprachen und modernn Wissenschaften widmete, wurde im Herzen des Onkels ein Gefühl dn Bnachtung gegen seinen Neffen wach, so daß n abn endlich auf Veranlassung seinn frommen Gattin, wie wir gesehen haben, den festen Entschluß faßte: Tn Liebe seinn Tochter zu ihrem Cousin Trotz zu bitten, Lctztnem das Haus zu verweisen und den Schiddech mit dem Rabbi von Z . . . zum Abschluß zu bringen, um Mirjam's Schritte vom Vnderben abzulenken und Josef mitsammt seinen fluchwürdigen Studien ihr aus dem Kopfe zu schlagen. _ «Fortsetzung folgt.) Weine Meise mit Ur. Kall Käme. Bon S. R. MargulieS. - lSchlug) Widmeten wir auch den größten Theil dn Zeit unsere- Aufenthaltes in dn intnesfanttti Polenstadt vem Studium des jüdischen BolkSstbens und dem Verkehre mit den russischen Emigranten und trieben uns tagsübn viel im Sazminz, dem eigentlichen Judenstadttheil, herum, so durchstreiften wir auch die Umgchung durch die Kreuz und die Quer und nahmen Gelegenheit, Land und Leute kennen zu lernen. Ein.specielles Jnteresie boten für Herrn Caine die polnischen Denkmäler; mir waren dieselben schon vpn frühst bekannt. Das alt» Schloß auf dem Wawelfelsen, die einstige königliche Residenz, die Grabmältt dtt polnischen Könige, das Denkmal Sosciuszko's und die Bildergalerien, für die die größten polnischen Künstln ihr Bestes geliefnt, fesselten besonders unsere Aufmerksamkeit. Wenn man die großen Wandgemälde Jan Matejko's, die die wichttgsten historischen Momente aus der polnischen Geschichte darstellen, ansieht, begreift man den Schikinz und zugleich das stolze Gefühl einer Nation, die auf eine so große Bergangenheft zurückblickt und die jetzt ‘ in Rußland fast ebenso unterdrückt wird, wie die jüdischen Untetthgnen, wmn man sie auch nicht nach Argentinien auSwandern läßt. Das hrltzcnüiüthige Polevvolf vttdlcnt gewiß ein besseres Schicksal al» die ihm stammverwandte russische Rasse, die ihm einst botmäßig war und die jetzt ihren plumpen Bärenfuß auf seinen Nacken setzt, chm bereitet. ' , Einen ganzen Bormittag verbrachten wir auch uiit.der Besichtigung derdurch die Baron Hirsch'sche Stiftung gegründeten jüdischen Hakidwerkerschule, und Herr Caine, der selber Techniker ist, verfolgte mit Interesse die Arbeiten der Schüler in den verschiedenen Werkstätten, durch die unS die Lehrst geleittten und unS bereitwilligst die nöthigen Etklärungeu j gaben. Bon den ersten Anfängen, bis zu den vollendetsten Zeichnungen und Ausführungen konnten wir die Leistungen dn Schulst verfolgen und die günstigen Resultate wahrnehmen, '< die überall erzielt wurden. So manches nyt Säge, Hobel 1 und AmboS angefertigte Schülerwerk zeugte von beharrliche« Fleiße, von anerkennenSwnthst Sorgfalt in Conceptton und ' Vollendung, sowie von entschiedenem Talent und strafte daj noch vielfach geltende Borurtheil Lüge» daß dn Jude sich j nicht zum Handwerk eigne. In gleicher Weise wird eS sich A auch — ichglaube und hoffe eS auf.das Bestimmteste — mit dem Ackerbau geigen, für den dem Juden ebenfalls, die 51 *) Schulchml-amch-Letzr«.

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