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Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 30 (1894) · p. Seite 120

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
30 (1894)
Date
1894-01-01
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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lebten. Bevor ich mich aber über die Bekanntschaft mit dem gedachten englischen Schriftsteller näher verbreite, muß ich, da meine Schilderung fich ohnehin zu einem bunten Kaleidoskop von Bildern gestalten wird, in meine früheste Jugend zurückgreifen und einer andern, viel älteren Bekanntschaft mit einem in d« gebildeten Welt schwerlich gekannten Manne, der damit in einem gewissen Kausalnexus steht, erwähnen. Dieser Mann ist aber kein anderer, als der einstige Buch- und Autiqnariatshändler in Brody, bekannt unter seinem Namen „Reb Salmon, Mancher Seforim". Noch steht er mir vor Augen, der schlichte, doch ehrwürdige Greis mit den röthlich-weißen Locken und der edelgeformten Stirne, dessen hohe Gefüllt ein weiter Kaftan, von einem breiten Gürtel um die Hüften befestigt, umhüllte, wie er Sommer und Winter, allen Unbilden des Wetters ttotzend, auf offener Sttaße vor einem schwrrbeladenen Tische vom frühen Morgen bis spät in die Nacht die mannichfachsten, in den buntesten Einbänden über- und nebeneinanderliegenden Bücher und Schatteten den Vorübergehenden feilbot. Was wurden da nicht der lernbegierigen Jugend für reiche Schätze de» Wissenvon dem braven Manne für ein paar .Sechser!" bloß, bloß um, wie er sich ausdrückte, .ein paar Löffel Geköchts" (d. h. ein warmes Abendbrot) zu verdienen, angeboten! Wie arm war der Mann, wie genügsam und wie grundbrav! Reb Salmon war auch der Liebling aller jungen Leute, die gern mit Bücherr zu thun hatten, und selbst christliche Studenttu verkehrten anständig mit ihm, moquitten sich, was viel sagen will, gar nicht über seine langen .Peies" und sein seltsames Habit und kauften ihm für manches .Sechserl" etwas von seinem gelehrten Kram ab. Der Antisemitismus lag zu jener Zeit allerdings noch in den Windeln und entwickelte sich erst später zu dem, was er, dank guter Pflege, jetzt geworden ist. An mir hatte er (der Reb Salmon, nicht der Antisemitismus) einen seiner besten Kunden, da mich meine fluten Eltern stets mit einem ausreichenden Taschengelde veraheu und die Reb Salmon'schen Schätze auf Mich immer eine große Anziehungskraft ausübten. .Hier habe ich ein Buch für Sie", sagte er mir eines Tage-, nachdem er mich den Abend zuvor mit .Menschenhaß und Reue" von Kotzebue, dem Euklides und einem Band von Schiller descheett hatte. .So ein Buch kann einem zum "Glück verhelfen, eS ist eine .engalifche" (englische) Grammatik; wenn Sie die gut in Ihren Kops, hereinbekommen, können Sie daun, wenn Sie ein erwachsener Mensch sind,, nach London gehen und Sie brauchen nur mit alten Büchern zu handeln, so haben Sie fich in einem Jahre ein großes Vermögen gemacht. Sie wissen gar nicht, wie groß London ist; ich habe gehött, es ist noch größer als Krakau, ja noch größer als Lemberg; dott erfindet man alles, die Eisenbahn, den Telegraph und alle sind so großartig gelehtt, und auf Bücher giebt man dott an einem Tage soviel aus, als ich im ganzen Jahre einnehme:" .Ich selbst", fügte er wehmüthig hinzu, .bin leider schon zu alt, um .Engalisch" zu lernen und lebe übrigens mit zwei Sechserl den Tag ganz gut.". Ter vielen Anpreisungen bedurfte eS aber auch nicht, ich kaufte das Buch, wie ich damals über. Haupt allerlei Bücher gerne kaufte, wenn es auch gar nicht meinem Ideale entsprach, ein Londoner .Reb Salmon Mancher Sefottm" zu werden. So wurde durch einen geringfügigen Umstand die Grundlage zu meinem Selbststudium der englischen Sprache gelegt, das mir später durch Erschließung der Herrlichen Schätze dieser Weltlitteratur die genußreichsten Stunden bereitste. An stnem systematischen Unterricht war nicht zu denken, gab es doch damals in meinn Vaterstadt keine Buchhandlung, Englisch verstand Niemand, und meine, einzige Zuflucht blieb nach wie vor jenn Reb Salmon, d« sich über- Haupt als ein sehr eifriger Förderer mstner Privatstudien erwies. Eine englische Bibel, einige Bände von Byron, Hie vicar ofWakefield, ein kleines Wörterbuch, und noch mehren Werke, von denen die Titelblätter' fehlten, dtt « auS dem Nachlasse eines verstorbene« polnischen Geistlichen erstand, steckte st mir zu, und erkundigte sich jedeSmal mit großem Interesse nach meinen Fortschritten «m Englischen. Er schien auf die von mir stzielttn günstigen Resultate, als dsten Urhebn n sich bettachtete, stolz zu sein und gab wohl die Hoffnung nicht auf, in mir, den n in sstn Herz geschlossen hatte, daS Ideal eines londonn BüchervstkäusstS verwirklicht zu sehen. — Seit der Zeit ist so manchst Sommst und so manchn Wintn inS Land gegangen, dst brave. Reb Salmon hat inzwischen das Zeitliche gesegnet und ist in jene Regionen übstgegangen, wo man keine Büchst liest und auch keine für einen .Löffel Suppe" verkauft, und mit diesem Förderer dst englischen Littnatur ist auch der Eifn für das Englische bei mir nach und nach erschlafft. ES kam eine Zeit ernstnst Arbeiten, Existenzsorgen und Sorgen um das Schicksal ärmst, bedrängt« GlaubenSbrüdst. Das Jahr 1882 brach heran, mit ihm die schrecklichen Juden, ttawalle in Rußland, und Brody als russische Grenzstadt und als erstt Etappe d« von HauS und Hof vertriebenen Emigranten, die zu Tausenden sich mit Frauen und Kindern hierher flüchteten, bot ein hnzzetteißendes Bild menschlichen Elends dar. AIS Mitglied SeS von dst .Alliance iSraölitt" in Paris ernannten Eomites hatte ich vollauf zu thun, im Bneine mit mehrnen anderen Mitgliedern die Unglücklichen, deren Zahl immer zunahm, nothdürstig zu unterbringen, zu bespstsen, zu beklstden und für d«en Beförderung nach Amerika zu sorgen, wobst eS bald an distem, bald an jenem, Hauptsächlich ab«'an genügenden Geldmitteln fehlte. Rührende Szenen gab es da genug, und sstt jenen SchreckenStagen war mstn ganzes Dichten und Trachten darauf gerichtet, Mittel und Wege zu finden, jenen Unglücklichen wirksam aufzuhelfen und die Wiederkehr so brutal« Ausschreitungen zu verhüten. DeS RäthselS Lösung gelang mir leider nicht. — Uebrigen» haben sich alle jene Gräuelthaten, die bst ihrem ersten Auftreten so unglaublich vorkamen, gegen das grausame Borgchen d« russischen Reginung in den letzten drst Jahren, daS alle» Maaßüberschütt,' als stn wahres Kinderspiel erwiesen. Wa» waren die Krawalle in Baltä, Kiew, Elisabethgrad rc. gegen daS all« Menschlichkeit hohnsprechende System d« Berfolgungen und AuSwstsungen, da» jetzt vom russischen Staate selbst inauguritt wurde? (Fortsetzung folgt.) von der'Landstraße des Lebens. von Max Weinberg. Mein Nachbar Veit, da» ist stn Mann, ver sieben Sprachen sprechen kan», vie Länder untz di« Meere kennt - Und jeden Stern inst Namen nennt. Doch fragst vu ihn, mstn lieber Mann, . wo fängt vstne» Hause» Grenze an, Ist tief der Bach, die Brücke dicht? Sagt sicher er: Da» «stß ich nicht. wa» denkst vu nun von Nachbar vest? ver Maon ist klug «odl, aber nicht gefcheidt. - » * Au kldentsrnS «eitzen 2»»nenfchtrn«. ' Schirm, vor Sonnenbrand beschütze Stirn und wang' dem armtn Tropf, Venn wie lstcht steigt nicht die Hitze Adonifen in den — Hopf. Anhalt, Die «»s-ewlefenen.. Line LrMlung au« der «ege»- wart von L. «erg. — Meine Reise mit Mr. Hall Laine. 8m S. JT. Margulie«. — «»» Vst Landstraße »e« Leven». 8*m Peraustvortl. Redakteur M. Ratzmer, Druck Leiftaer t Dre»f«, «erlag Walther 8i

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