Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1894-01-01 · 30 (1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1894
Issue
30 (1894)
Date
1894-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6492351-8722849-5962394--2426-5376618
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30. JüdlsHrs 1894. H«ausgegebm von Dr. M. Rahm«» in Magdeburg. Hur Unlerhaltung unö Belehrung für öie israelitische Mmilie. va, „ANötsch« erscheint wöchentlich alt aratt»>Netlngr zur ,.Z»r«elitts«che>> rveechemstchrt^. Jede» »»bef»-«« ZXmdftntt au* »lese«, vlntt« ist »etersagt. — Die Einzelnummer testet >V pjg. bei der Ezpeeition. .. ... ... Die Ausgewiesenen. Eine Erzählung aus der Gegenwart. Bon <k. Berg. 13] - sFortsexung.) Was nun folgt, ist ein Straßenkampf von fürchterlichster Erbitterung. Salmon, Kaminski, Benno mit den Chorknaben und Boromäern, dem herbeiströmcnden Volk und Stroyniken im Handgemenge, den alten Liedertrost herausznhauen, die Wagenrcihe gerät in Unordnung — die meisten der Equipageu flüchten mit den vor Angst halb ohnmächtigen Frauen nach der Stadt — die Leichenträger setzen nieder, werfen den Sarg herunter, laden den leblos liegenden Popen auf die Bahre und tragen ihn unter den Droh- und Weherufen der Menge nach dem Kloster des heiligen BoromäuS. Der Sarg liegt auf der Straße, die Erschütterung hat ihn geöffnet. Niemand kümmert sich um das tote Kind. Ja, doch Jemand. Selbstverständlich seine Mutter. Sorglich hat sie die kleine Leiche herausgenommen, nun sitzt sie auf einer HauSschwelle und hält das Kind in ihrem Schooß. Wie Goldchen ein Jahr alt war, ein überaus schönes lichtes Kind, da lachte die glückliche Mutter ihren Gatten an: Schön ist sie, klug wird sie, reich ist sie auch — ein Prinz muß kommen, eh ich sie Einem gebe —. . und wenig über Jahresfrist, sitzt sie wie eine Bettlerin am Wege, eine Leiche auf ihren Knien. Aber Frau Helsia ist ein stolzes Weib, sie weint nicht, es würde auch nichts helfen, das'Kind ist'ja doch tot. So sitzt sie allein und wartet. Das Volk hckt sich verlaufen, .die Straße ist leer. Ts wird immer dunkler — da kommt Claudia atemlos herbei — sie bringt Nachricht: die kämpfenden Männer sind nach der Wache gezogen, was werden wird, ' weiß man. nicht. .Und der Pope?" .Er lebt. Aber eS steht schlimm um ihn. Er wird erblinden." .Blind? Ganz blind?" .Auf beiden Augen. Er sieht nichts.". .Gott sei Dank!" .Weib, bist Du wahnsinnig!" ruft Claudia und schüttelt sie vor Entsetzen; »hörst Du nicht, daß der Mann blind-ist?" „Eben darum. Ich Hab« eS chm gewüufcht," sagt Helfia ' mit grausiger Ruhe, .«.hatte mich getauft." j Da erinnerte sich Claudia, in wttcher Weise die russischen Laufen geschehen und im Gefühl chr« eigenen Keuschheit be» griff sie jetzt Heksta'S unversöhnlichen Haß. Helfia stand auf. .Hast Du Mut?" fragte sie, .willst Du mir folgen?" .34 geh«, «o .Komm." Eie, die Leiche »nt« Wm,Mantel und schlug mit Claudia einen Seitenweg ein; denn sie merkte, daß zwei russische Bäuerinnen hinter ihr h« gingen. Ab« die guten Frauen dachten gar nicht daran sie zu verfolgen. .Sieh mal, Kachinka, den schönen Sarg!" Die andere sah und schlug die Hände zusammen. .Nein, was diese reichen Leute übermüttg-sind!—Da werfen sie solche gute, schöne Särge auf die Straße." .Es ist eine Sünde", jammnte die andere, „eine schw«e Sünde, mein« S«le, ja." .Weißt Du, Kasia, mein Paulu ist lange schon siech, das arme Würmchen, w« weiß, was geschieht! Ich wnde daS Särgchrn mitnehmen, uns« Ein« kauft es doch einmal nicht so schön. Sie nahm ihr großes Bortuch ab, wickelte den Sarg hinein und ging mit ihm davon. Nntrrdeß schritt Claudia mit Hcksia üb« eine Stunde einen ihr ganz unbekannten Weg entlang. Sie wollte' d« Freundin daS Kind abnehmeu, ab« die winkte:-. .Laß nur. Ich Hab' eS einst länger gettagen als heut." Claudia dachte: Ja, da war es wohl nicht so schwer. Ab« sie wagte nicht zu sprechen, sie weinte nur sttll. BiS sie an einen kleinen Bach kamen, da machte Helsia Rast. Dn Bach heißt die Dobra, ein schmale», ab« ungemein tiefes Wäsierlein, das in Regenzeiten heftig überschwillt, all«. Hand Schaden am Ufn anrichtrt und schon manches Menschenleben gefordert hat, dah« das tückische Gewässer von dem ab«gläubischen Volke beschwichttgend: die Dobra, daS heißt „die Gute" genannt wird. Helsia entkleidete da»-Kind schnell, badtte es behutsam in d« Flut, nahm dann ein seidenes Tuch vvn ihrem Halse und rieb da» Körp«chen sanft und leise damit ttocken. "Darauf warf sie das Tuch sammt dem kostbaren, gestickten Sterbrkleidchen des Kindes ins Wass«. Nun riß sie ihren Schlei« vom Haupte, wickelt: daS Kind hinein und verbarg eS wird«, untn ihrem Mantel. Ueber die Dobra führt ein schmal« Laufsteg; .ach' achtsam!" rief Helsia hint« sich, .die Dobra giebt Keine» wieder." Jenseits des Ufer», fünf Schritte entfernt,. da liegt d« Friedhof d« Juden. Die Mutt« de» Totengräber» ist ein stocktaubes, vor Alt« halb blödsinnige» Weib. Helsia muß lange rufen und schreien, ehe sie hött, überdies ist jcht Sahbach, sie "steht am Zaun, um den Fried- Hof zu schließen. .Wa» wollt Ihr? frägt sie mürrisch. Helfia öffiktt ihren Mantel und zeigt ihr daS Kind. .So kommt man nicht zu unS", sagt, die Aste brummend, .wo find die Leute von d« Gemeinde?" Ohne zu antwotten, eilt Helfia in» Haus, d« Toten» gräb« ist junger, man kann sich mst chm verständigen. Ab« auch er schüttelt dm.Kopf. ... * ' .Da» dürfen wir nicht, nein, o nein.- Wenn «S rau», kymmt, müssen wir. nach Sibftiei. Ouält mich nicht, ich kanp

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.