Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 29 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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lige Schrift, schreibt uns diese heute zur Nochwmdigkeit ge-' wordene Mode mit den Worten: Uscbmartem es nafschaussachem .sorget für Euer körperliches und geistiges Wohl", klar und deutlich vor. Tie Vergnügungs- und Erholungsreisen sind heute derartig an der Mode, daß man glaubt, Bekannten gegenüber sich entschuldigen zu müssen^ wenn man die Sommerreise aus diesem oder jenem Grunde unterlassen muß. Diese Reisen verdienen jedoch in unserer anspruchsvollen, materialistischen Zeit, in dem unausgesetzten Jagen und Renne« nach Hab und Gut, in dem geistigen und körperlichen Schaffen und Ringen ihre volle Berechtigung, 'sie entsprechen ebensowohl der genannten biblischen Vorschrift wie der pädagogischen Lehre -vura, ut sit mens sana in corpore sano» .sorge, daß eine gesunde Seele in einem gesunden Körper sei". Tic Ruhe- und Feiertage — die heutzutage von so Wmigen nach Vorschrift gehalten werden — reichen darum nicht mehr aus, unseren abgespannten Kräften, unserem überarbeiteten Gehirn die Nöthige Zeit zur Erholung zu gewähren. So sehen wir, daß der Zeit entsprechend Verhältnisse sich entwickeln, die mehr oder minder einen Ausgleich zwischen Einnahme und Ausgabe, sei es in materieller, physischer oder intellektueller Hinsicht, herbeiführen. Ein Unrecht gegen, sich und gegen ihre Familie - begehen alle diejenigen, die auf den Mahnruf der Thora: .Sorgt für Eure Erholung" nicht hören. .Schüttle' ab den Staub (Deiner Berufsgeschäfte), erhebe Dich!"'— ruft der Prophet Jesajas und die Sabbathhymne Lecho Daudi wiederholt Dir allwöchentlich zu (Dip TCSO '"ISiTO). Und sind die Sabbathe und Feiertage zur Erholung nicht ausreichend, so müssen wir unseren aufreibenden Beschäftigungen für eine längere Zeit den Rücken wendeb. Glauben wir die gewünschte Erholung in dem Ort unseres Schaffens und Wirkens selbst nicht zu finden, um, gestärkt, von Neuem die körperliche und geistige Arbeit aufzunehmen, nun denn: Auf, erhebe Dich!-Hinaus ln die Ferne! Fern von dem Kreise unseres Wirkens müssenwir verweilen, weil daheim tausenderlei Sachen an uns täglich hcrantreten, denen wir nicht gleichgültig gegenübcrstchen können und eben dadurch unsere Erholung stark beeinträchtigt wird. Schüttle ab, den Staub Deiner Geschärte von Dir, erhebe Dich, bekleide Dich mit Deinem Reiscfleide und eile hinaus m Gottes freie Natur. * Willst Du nun, freundlicher Leser und freundliche Leserin, von Deiner Erholungsreise einen bestmöglichen Nutzen haben,' so begieb Dich an die große, weite See; da, wo eine so reine, gesunde, ozon- und salzhaltige Luft herrscht, die auf Luygc, Blut und Nerven, auf , unfern ganzen Organismus so wohlthüend und heilend wirkt, wirst Du neu belebt Dich fühlen und Deine geschwächten Körperkräfte gestärkt erhalten. Ach wüßtest Du, wied wohlig'ist , .' Hier auf diesem Grand, - Tu kämest her, wie Du dist . Und würdest erst gesund. , (Gölhe.) Es muß ein Unterschied zwischen der Wirkung der Ost- und der Nordsee gemacht werden. In der Nordsee ist der Salzgehalt ein doppelter gtgen den der Ostsee, der» Wellen-- schlag daher, beeinflußt durch lue zweimal des Tages ei»- ttetendc Ebbe und Fluth ein kräftigender. (, Unter den Nordseebädcm steht Ostende wohl in erster Reche.« Es ist eine irrige Ansicht, zu glauben, daß in Ostend» die Lebensweise eine allzu theuere sei: Jeder kan« hier seinem' Vermögen und seiner Gesundhett gemäß leben, Vergnügungen und Lustbarkeiten find für diejenigen, die sie suchen, reichlich vorhanden, aber auch lejchtere Zerstreuungen und vor Allem die wohlthumde Wirkung des Aufenthaltes .an der See. Eine Brücke, die ttef in's Meer führt, giebt uns Gelegenheit, die erfrischende und belebende Meeresluft direkt und in »ollen Zügen einzuschlürfen. Bon der Brücke auS bietet sich uns ein herrliches Panorama dar. Bon alle» Seiten 'von-der See umgebeq, blick» wir auf de» durch Hunderte palastähuliche- Billen geschmückten Sttand (kromenoir -de la digue).. Abend^ - 'sieht man. auf der See unzählige, feurige Wellen, eine Erscheinung, die Meeresleuchttn »pdospdorsseeno« des eaux«* genannt wird. Voll Erstaunen und Entzücken rufst Du hier aus: .Wie zahlreich sind Deine Weck, o Herr, alle hast Tu i mit Weisheit gestaltet, voll ist die Erde mit Deinen Erzeugnissen!" Bevor ich schließe, muß ich die Aufmerksamkeit der grsch. -Leser auf einen Uebelstand lxnken, der heute auch zut Mode geworden: ich meine das Unrecht, das'viele unserer Glaubens», genossen begehen durch die gänzlich« Bemachlässigung der jüdischen Restaurants und Hotels. . Welcher Unterschied zwischen früher und heute! Während in den früheren Jahre« die jüdischm Restaurants, die, obwohl sie damals gar vieles zu wünschen übrig ließen, dennoch eines recht regen Besuche» ' ' seitens unserer Glaubensgenossen sich zü erfreuen , hatten, werden heute die jüdischen Restaurants und Hotels, die in den meisten Fällen, namentlich in dm größeren Badeottm, der Neuzeit vollkommen entsprechen und zugleich eine gesunde, schmackhafte Küche bieten, so viel wie möglich gemiedm. Glauben denn die stolzirmdm Verächter ihres Glaubens daß ' -ihr Verdauungsasiparat im Laufe der Jahre ein anderer geworden als der uyserer Alten? daß ihr Magm eine Metamorphose erlitten und nicht mehr die koschere, der Gesundheit zuttägliche Speise vertragen können? Wie oft ist die trefe' Kost, an die euer Mägen nicht gewöhnt ist,'oder das trefe Fleisch . von ungesundem Vieh —, trotz aller Fleischbesichtigung.— ‘ die Ursache des geringen, mitunter völlig fehlgeschlagmen Erfolges eurer Kur! ' ' Gerade ' in jetziger Zeit. solltm die Jsrarlitm mger aneinander, halten; wir werden so vielfach sgxial zurückgesetzt, ausgeschlossen, angefeindet, hie und da auch verfolgt; warum wollt Ihr Euch dmn noch selbst gegenseitig ausschließm? Welches 'auch immer unsere, religiöse Anschauung sei, unser» moralische Verpflichtung muß, namentlich, in der heutigen Zeit,. in uns dasheilige Feuer anfachen, Wohlthängkeit auch .in der Still«", .indirekt" zu übm; dmn durch Eurm Besuch - wixd zahlreichen jüd. Restaurateurm die so nöthige Förderung zutheil, damit er sein kostspieliges Untemehmm auf der'Höhe »erhalten kann. Je zahlreicher mer Besuch ist, desto mehrwird er in dm Lage sein, seinm christlichen Kollegen, derm Hotels-ja ohnedies gmügmd frequentitt werden, nicht allein' Eonmrrenz zu bieten — dies ist heute schon der Fall — sondern auch ihn zu übeckeffm. Uno dieser Bortheil kommt' wiedemm eurem Magm und eurer Gesundhett zu gute. Wie aber die Verhältnisse jetzt meist liegm, kann der jüd. Restauratmr schwer auf seine Kostm kommm. Hier in Ostende - giebt eS zwei jüd. Hotels, die dm chriftlichm ebenbürtig zur , Seite stehm. . Der verstorbene geheime Eommerzimrath Mpritz '' Simon aus Königsberg hat, obwohl einer freien religiösen; Richtung huldigend, während seines Aufenthaltes in Ostende, im jüdischm Hotel Reinsberg nicht, allein seine Mahlzeiten» ‘ sondern auch sein LogiS gmommm und das zu dem Zweck, um einem iSraelittschen- Hotelier einm Verdienst -zukommm zu lassm.. Wmn jeder her jüdischm Kurgäste so henken und . handeln würde, dann übte er nicht allein ein gute- Weck gegm die jüd. Restauratmre und ihre Familien, sondem er « träge auch zur würdigm Erhaltung.und Verherrlichung der . jüd. Jnstuttttonm bei. Die Herrm Antisemitm würden an der Tafel von der so lästtgm Gegenwart der Jsraelitm befrüt und viele, dm : spotteüdm christl. Herrm Restaurateure der unangmehmm' - Aufgabe Mthobm sein, seinm israelttischm Gast oder Kundm bedimm zu müssm. Möge dieser Wink die gebührmde' Be» achtung findm! .- Jacques Finkelstein, «Swl. w«I. i« Osteutzel' Die - «a«f carirlrara. (fhu (Erd$(img an« ber 9eam> , »art um C. Bug. — »tu alte« hettttische« »edtcht Uä m» »k«lfteiu,Oft«W»».. BermNuortl. Neixckstur M. >aj««r, Druck Leistuer L.Drewf