Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 27 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hcrausgegeben von Dr. 21t. Rabmrr in Magdeburg. Aur Mnlertzaltung ünö Kelehrung für öik israelttifchr Mmilie. Vas ,,IN»»sch« F»«,ilte«blatt-- erscheint wSchentlich als «ratls.veilag« zur „)»ea«lltts«chen wech««schrttt--. Jeder »»«bes»-t« Nach»»««» ««« »lese«, Via««, ist «ntersagt. — Die Einzelnummer koste» t« pfg. bei der Expedition. 12] ' Die Aüsgewiesenen.. (Lüne Erzählung aus der Gegenwart. Bon T. B e r g. - . <F°rtse»uug.) Die ganze Nacht wachten Helsia und Claudia an Goldchens Bett. Die junge Frau kauerte auf einem Schemel und hatte den müden Hopf in der Freundin Schloß gelegt. Thräne um Thräne fiel aus den Augen Llaudia's auf Frau Helsia's weiches Haar. Tie jnnge Mutter weinte nicht. Trocknen Blickes startte sie nach der kleinen, unablässig zuckenden Gestalt. . .Warum habt Ihr eS gethan?" flüsterte Claudia. »Salmon. sagte, wir müßten es thun, wir würden sonst ausgewiesen." »Da es Dir so schwer fiel — an Deiner Stelle würde ich ihm nicht nachgegeben haben." »Liebst Du nicht Jemilian?" »Wie Du ftagst." »Würdest Du nicht Jüdin werden um ihn?" »Ja, gewiß mit tausend Zreuden." »Nun, siehst Du! Wenn man einen Mann liebt, begeht man tausend Sünden für ihn." Sie richtete sich-auf und horcht« nach dem'Atem des KindeS. »Meinst Du nicht, daß es besser geht?" . »Sie scheint mir auch ruhiger." »Wie werden wir dem Schwiegervater verbergen, daß sein Liebling krank Ist!" seufzte die junge Frau. .„Darüber kann ich Dich beruhigen," erwidette Claudia sanft »Benno war vorhin.hier.' »Er ftägt alle Stunden nach, der gute Junge." -»Ja. Er berichttte, sein Bater wäre > heut Abend nach Warschau gefahreu." . - »Das ist recht gut," rief Helsia erleichtert,' »dort bleibt er längere Zeit, und-bis dahin.ist Goldchen längst genesen.» Abraham Hatte nach jener Unterredung mit Salmon in fieberhafter Eile das Notwendigste zusammengepackt und war mit dem nächsten Zuge nach Warschau abgereist, er mochte nun sein Vorhaben, den Gouverneur um eine tolerantere Behandlung seiner Glaubensgenossen zu bitten, auch nicht eine Minute länger verzögern. Selbstverständlich' war ein so großer 'Herr, wie der Gouverneur, nicht so leicht für unfern alten Abraham zu finden. Zwar Abraham wußte, wie man sich mlt Hofbeamten» personal zu verhaltin habe, er spatte weder Versprechungen noch Gold, nichts destoweniger vettröstete man ihn von einem Tag auf den andern, von einer Woche auf die andere. Heute fuhr der Gorvcrneur zur Parade, morgen zu einem Galadiner, übermorgenwar der. großmächtige Vertreter des Zaren wegen einer Tage hatten Excellenz keine Lust, Audienzen zu etteilen, oder gar überlästige Bittsteller zu empfangen. Es war noch viel, daß die dienstthuende Ordonnanz sich u Erklärungen gegen Abraham herbeiließ. Vielleicht dauette en Diener der alte Mann, der Tag um Tag zu bestimmter Stunde im Palais erschien und mit schier unerschöpflicher Ge» duld sein Anliegen vorbrachte. Wochen vergingen. Die beiden andern Vorsteher der Loschen Gemeinde, welche Abraham nachgefolgt waren, wurdm ungeduldig; sie versäumten ihre Geschäfte zu Haus und suchten schließlich auch Abraham von der Erfolglosigkeit seiner Mission zu überzeugen. Aber Liedettrost war zähe, »er würde den Gouverneur sprechen, und wenn er bei Nacht zu ihm eiudringen sollte," sagte er. Wieder verfloß eine Woche nutzlosen Harrens, peinlichen Anttchambrierens und endloser Verttöstungen. Eines Tages erklätten die beiden Vorsteher, sie wollten nach Hans. . »Fahrt mit Gott," sagte Liederttost, »ich bleibe." »Nun, Du könntest wahrhaftig schon mitkommcn," brummt« der alte Günzburg; »wir sitzen hier wie die PfeffeMchler bei verregnetem Markt, und Du allein wirst auch nicht die Sonne hervörholen. Auch weiß ich nicht, was Du für ein Herz hast, Mann, Tein Enkelkind ist gefährlich erkrank . . ." »Ich bleibe," rief Abraham hartnäckig. „Ich habe für mehr kanke Kinder zu sorgen, als die meines Sohnes." »Das Hemd ist mir näher als der Rock," eifette der Andere. „Wisse nur, daß Du aus der Hut sein magst . . Wir haben in Erfahrung gebracht, Kaminski verwickle Deinen jüngern Sohn in böse Dinge. Er wäre nicht der Erste, der durch Kaminski's Ränke ein ttauttges Ende nimmt." Abtaham erschrak. Er kannte seinen schwärmettschen, tollköpfigen Jungen. Gewiß, seine väterliche Schwäche hatte Benno allzugroße Selbstständigkeit eingeräumt, ihn allzuviel ftemden Ernflüsscn überlassen. Nun, da wird er Wandel schaffen, wenn er zurück kommt. Er besann sich kurz und sagte: »Es handelt sich vielleicht noch um wenige Tage, bis ich meine:, Zweck eneiche. Wenn Ihr durchaus nach Hause müßt, erweiset mir die Liebe und berathtt meinen Sohn, als wenn es Eurer wäre." Der alte Günzburg war so unendlich gewissenhaft daS seinem Freunde abgegebne Versprechen zu erfüllen, daß er sich noch am Morgen seiner Heimkehr Benno holen ließ und ihm gutgemeinte, und wie wir nur gleich hinzufügen wollen, auch . nicht unverdiente Vorwürfe machte. »Wozu sitzen Sie noch hier?" schloß er ägerlich seinen Strafsermon; warum kehren Sie sich nicht nach Deutschland zur Beendigung Ihrer Studien zurück. Verfügen Sie über mich, über jede Summe, welche Sie bedürfen, nur machen Sie sich au» dem Staube." , Sie. legen mir eine höchst unvndiente, politische Be»