Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 9 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M9. _ ' ' ' jüdisches 18M. ' Herausgegeben von 0r. M. Nah»« in Magdeburg. Zur Unterhaltung und Belehrung für dre israelitische Familie. E - . Das „«tun Kedrv nn&gfhgte Sa * MmuMen-Vlatt U|W, ittroife au» diesem Matte erscheint wöchentlich al» Ovaki»» Vellage zur ,,L»varlitislyen «ochenschotft' »latte ist untevsagk. — Die Einzelnummer kostet 10 Pf» bei der Eivedmon. Die moderne Krankheit. Lustspielin vier Akt en. — Bon S.N. M argu lie». (Fortsetzung.) Dessau». Edler Freund! Darf ich dir einen Rath ertheilen? Laß jetzt ab von diesen Dingen, die für da» Herz eine» Liebenden nicht» taugen. Wer wird sich nach einem feuchten Moo» bücken, wenn ihm die schöne Rose winkt? Laß den Antisemitismus jetzt bei Seite. Dein jetziger Seelen» zustand bedarf anderer Nahning, al» die Fragen, die un» gegenwärtig beschäftigen, dir bieten können. Du hast ohnehin in deinem Berufe und in den wissenschaftlichen Studien, die du, wie sonst kein Bolkischullehrer, noch nebenbei treibst, viel zu thun und zu grübeln. Wende einen größeren Theil deiner Zeit an deine Herzensangelegenheiten. Sei in deinen freien Stunden ganz Liebender, lebe dir selbst, genieße in vollen Zügen da» Glück reiner, wahrer Empfindung, da» selten einem Sterblichen zu Theil wird, schwärm«, jubele, dichte, und laß un», vorderhand wenigsten», ohne dich einer Sache nachgehen, die nur Galle und Ekel, Zorn und Abscheu erregt. Seid ihr nicht auch dieser Ansicht, meine Freund«? Struve. Ich muß unserem Doktor vollkommen recht geben. Schon die Bibel schreibt e» vor: Wer einen Weingarten frisch gepflanzt, oder sich ein Weib erkoren, der solle ein volle» Jahr ganz de» Freuden de» glücklich Erworbenen überlafien bleiben und zu Dienstleistungen im Heere nicht herangezogen werden. Der gütige Allvater will, daß der Mensch auch,die Freuden de» DieSseit» genieße, wenn diese Freuden einem edlen Quell entspringen .... Melchior. Da» ist wirklich in der heiligen Schrift schön und weise angeordnet. Ich bin auch dafür» überlassen Sie un» jetzt die Antisemiten und behalten Sie Ihre Schöne, obwohl ich gar nicht so ungern mit Ihnen tauschen würde. Arnold. Wa» muß ich denken? E» steht jabeinahe wie ein Complott au», steht ja au», al» ob ihr mich au» eurer Mitte verdrängen wolltet! Gerade jetzt, wo ich so glücklich bin durch die Macht der Liebe, die wie ein warmer Sounenstrahl mein ganze» Sein durchglüht, gerade jetzt, wo ich mit unserm großen Dichter autzrufen möchte: Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt! gerade jetzt fühle ich e» am stärksten, welchen Frevel dir Menschen an Gott und fich selbst begehen, wenn sie diese himmlische Flamme,' in welcher Gestalt sie fich auch zeigt, zu ersticken suchen. Der AntisemitiSmu» ist der Haß, und ob er nun al» Religion»- oder Rassenhaß aufgefaßt wird, der gemeinste Trieb, die häßlichste Leidenschaft, die, wenn fie weiter um fich greift, die edelsten HerzenSblüthen vernichten muß. Und ich soll müßig zusehen, wie Haß und Zwietracht genährt wird, iudeß mein Herz von Lieb« überschiumt? Wen» ich mir so denke, wir schlimm stände -» um meine Hoffnungen, wenn ich zufällig von jüdischer Abstammung wäre und sich meiner Liebe zu einer Christin unübersteigliche Hindernisse entgegenstellen würden. Oder warum nicht einen einfacheren Fall nehmen. Entzweit nicht der Antisemitismus selbst die Christen unter fich? Der Later meiner Selma ist zufälliger Weise ein schlichter, rechtschaffener, harmloser Mann. Wie, wenn er nun gerade ein enragirter Antisemit wäre und mir deshalb, weil ich e» mit den Juden halte, die Hand der Geliebten verweigeren würde? Schon der bloße Gedanke daran, wäre mir ja schrecklich! Melchior (für sich): Kinder, Narren und Verliebte reden die Wahrheit. Des sau er. Halt ein Freund! wir wollen nicht länger mit dir Versteckenspielen. Ich wollte dir vorderhand einen Schmerz ersparen, aber lange kann ja die Sache doch nicht geheim bleiben. Bester du erfährst e» gleich und kannst darnach deine Maßregeln treffen. Lie» hier (übergiebt ihm den «rief »esensiiel'») und überzeuge dich, wie wohlgemeint, nein, daran zweifelst du ja nicht, wie richtig unser Rath ist. Wir müffen auf deine Mithilfe verzichten, ja wir müffen sogar dafür sorgen, e» zu verbreiten, daß du nie unser Parteigänger warst. Und ich würde noch weiter gehen, und, so lieb mir dein Umgang ist, (e» bedarf darüber keiner Berficherungen zwischen un»), mich von dir zurückziehen; e» kann ja heißen: du hast dich mir mir überwovfen und ... und . . . Selma . . . kann noch dein sein. Arnold, (nachdem er llugere Zeit stillschweigend dageftanden, ernst und beweg») So erfaßt denn der thörichte Wahn, wie eine verheerende Pest, immer weitere Kreise. O, Himmel! auch du guter, schlichter Besenstiel fällst ihm zum Opfer. Und dich meine Geliebte, soll ich in dem Momente, wo ich mich erst auch deiner Zuneigung vergewissert, für immer verlieren? Ich muß e» ja nicht. Rur ein Wort vielleicht und wie leicht ist alle» wieder gut gemacht. Ich brauche ja nur einen Freund zu verleugnen, brauche ja nur nach der schmutzigen Fahne de» Antisemitismus meine Hand auSzustrecken und Selma kann mein werden. Wa» erreicht man nicht heutzutage, wenn man fich geschickt mit dem Mantel nach dem Winde zu drehen versteht? GlückSgüter, Reichstagsmandate, Popularität, abgöttische Verehrung ganzer Klaffen verblendeter, irregeleiteter Menschen! Wäre ich aber der Liebe eine» so edlen Wesen» werth, wenn ich mir den kostbaren Besitz durch eine Lüge, durch Berleugnnng de» Freunde», durch Verleugnung der wahren Prinzipien der Nächstenliebe erkaufen wollte? Unter den abscheulichen Axiomen der Jesuiten ist wohl keine» so verwerflich, al» der Grundsatz: der Zweck heiligt die Mittel. Nein! Rein! nimm« thue ich e»! Ehre und Gewissen stehen mir höher, al» selbst meine Liebe. (Pause). ES komme, wa» e» wolle, meine Freunde, jetzt s«he ich «st recht zu euch und trete für da» Judenthum und sein Recht offen in die Schranken!