Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1894
- Issue
- 8 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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»Doch wie", hör' ich Dich fragen, „ist Trauer denn und ' Seelenschmerz »ein faßbar Ding, begrenzt nach Zeit und Stundeumaß? .Dreißig Trauertage — nicht weniger, nicht mehr? .Hat Seelenleid ein körperlich Gewicht und gleicht .dem Kleid, bald eng und kurz, bald lang und weit, »das sich des Trägers Leibe nach Stoff und Zeit .und des Wuchses Forderung anbequemen muß"?!? — Mit Nichten, Freund! Wir alle hörten ja und fühlten es, welch wucht'gcn Schlag, welch tiefen Riß das Verhängniß. dies „böse Verhängniß"" der Allgemeinde des Volkes Israel bereitet hat-als Aaron starb. Und M o s es war'S, der den Aaron tief beklagte, an seiner Bahre schluchzend stand. Da hörten wir von beredtem Munde die Worte, wie sie ein qualzerwühltes Herz nur eingegeben: .Er war ein Hoherpriester, gleich jenem, dessen Namen er getragen-"" So nannte den einen Priester der andere. Er. sein Bruder in Apoll — verzeih', mein Freund, dies heidnisch Wort und laß es ruhig gelten — er, der selber groß als Priester und Gelehrter, an Geist und Kraft der Rede so eindringlich klar und überzeugend, ja in der schweren Kunst .des Gedankens reichen Inhalt in des Wortes engsten Raum zu faffen"" — man darf es kühnlich sagen — von Keinem noch erreicht, er sprach so, neben Aaron sich selbstverläugneud und gering sich haltend, dem Propheten gleich, dessen Namen er auch trägt. Mosche Rabbenu. Und als das Wort gesprochen war, da ging ein zitternd Weh durch die Seele der Gemeinde und jeder fühlte was mit des Priesters Aron Tode ging verloren. Doch mir, o Freund, geschah gar seltsam! Inmitten meiner Andacht, in feierlicher- Stunde drängte jetzt ein längst verklungenes Wort sich mit Macht mir auf. Di« weil der Prediger vom Hohenpriester sprach. und ich den Worten lauschend folgte, knüpfte ein Gedanke still an den andern sich und hielt mich festgefangcn. Mir fiel das Schriftwort ein. das von Asylen handelt — von Miklat-Städten — wo von Hohenpriesters Tod die Rede ist und also die Satzung lautet: .Und 'in der Stadt seines Asyles bleibe er bis zum Tode des Hohenpriesters." Und ferner: .Und nach dem Tode des Hohenpriesters kehre er zurück".-Unklar erst < und nebelhaft verschwomnirn. tauchten allmählich Gestalten auf, die das dämmernde Bewußtsein mit Einemmale begriffen hatte. Ein Heer von Unheilstiftern zog an meinem Sinn vorüber, die alle in einem Miklar sich geborgen halten, so lang auf Erden ein großer, hoher Geistespriester lebt- Du kennst, mein Freund, die Dunkelmänner, die das helle Licht der Urim-Tumim nicht crtragen können und scheu im Schatten eines Asyles weilen, das weitab vom Pulsschlag geistigen Lebens, weitab van Freiheit, Licht und Wahrheit, nur von träger Beschaulichkeit aufgebaut, ihnen die ganze, große Welt bedeutet! Da sah ich manchen ftommen Uebelthäter. der »aus Berfchn" die heilige Wahrheit tödtct: »Er weiß es nicht und hat sich schwer verschuldet." Da sah ich manchen Eiferer, der lästernd dem Zeitgeist flucht, weil des Schwingen auch das Indenthum.berührt: .Er weiß es nicht und hat sich schwer verschuldet." Da sah ich ferner — es sind jene noch die ärgsten Uebelthäter nicht— Tie Schlcppttäger einer misverftandcnen Gottesfurcht, sogenannte ftomme Juden, welche die »Kelipha" essen und das .Tocho" von sich werfen, umgekehrt wie Rabbi Merr. Die Buchstaben-Sklaven, die Helden der .Dinim", die fttengcn Sveisegesetz-Beobachter — sie alle -tauchten vor meinem Auge auf, wie sie alle in ihrem Miklat leben und nun, dieweil der hohe »Geiitcsvriester tobt, mit frommem Augenaufschlag auf die Bekehrung in ihrem Sinne — harren. Und ferner eine andere Schaar von Unheilstiftern, die den zerstörten Altar des Herrn zu heilen wähnen: Ncologen nennt man sie — du kennst sie Freund — Leute, die mit ihrem Latein schon längst zu Ende find und mit dem hebräischen" und »Jüdischen" fürwahr, noch gar nicht angefangen haben- Lauter schmucke Prophetenjünger, die ihren Meister nur kopieren können, gleich ihm Talar, Baret uud Talith ttagcn, doch herzlich schlechte Münze als gut Metall der Predigt geben- Ich sab die große Sttcberschaar mit seichten Köpfen und engen Herzen, deren Kunst auf leerem Wortschwall ruht, worin du nichts als Spreu und kein Körnchen gesunder Nahrung findest: andre wieder, die geschmeidig auf der Kanzel dem Volk die schönsten Hymnen bringen und an uns Juden nur edle, gute Seiten sehen — die Kaleidoskopiker nenn' ich sie — weil sie stets dem Volke schönthun, von ruhmvoller Vergangenheit reden, die Wunden aber, woran das Judenthum an Haupt und Gliedern krank, aus zarter Schonung oder in — Verblendung nicht sehen wollen. Und jene noch im letzten Nachttab zogen heran, die zum Volke gar nicht zählen, wie im cgypt'schey Auszug — das »gebildete Gesindel". stark belesen: Die jüdischen Arier sind'S, vom Geschlechte der Lobaniten directe stammend, weil sie am liebsten daS Judenthum »ganz entwurzeln" möchten- -Mich faßle, Freund, ob dieser flüchl'gen Heerschau, die ungewollt ein Augenblick heraufbeschworen ein Schauer des Entsetzens!-Sollen diese nun zur Herrschaft kommen? Kehren die Boten des Verderbens wieder in düs Land zurück, woraus ein besserer Geist deS Judenthum^ sie mit dem Flammcnschwcrt der Vernunft und Wahrheit längst gebannt? — Mir war'S. als ob die Fruersäule zurück gewichen und an ihrer statt dir dichte, trübe Wolkensäule sich gelagert hätte. Hinter ihr da» kommende Geschlecht. Was wird daS Lo» der Nachwelt werden?!? — Aus wachen Träumen fuhr ich plötzlich auf, die Antwort suchend ES hing mein Ohr am Wort deS Nekrologen und bannend alle Schreckgestalt rief sein Wort mir tröstend zu: I» ulman Isriel! »Noch ist Israel nicht verwaist!"" »Der Hohepriester ist tobt, cS lebe der Hohepriester"! rief ich beherzt in die Versammlung Noch ist die Allgcmeinde Israels in Deutschland reich an Männern, die den heiligen Eiod tragen dürfen. Noch blickt besonders unsere Cultusgemeinde diese herrlichste der Gemeinden in Israel, mit Stolz auf ihre Lehrer, Priester, Prediger und Führer, auf jene Männer alle, die der alten Garde Kämpen — streiten, ringeu, siegen sahen. Ihrem Beispiel folgen diese und von den Kanzeln der Gemeinden Gottes erstrahlt das Licht der Urim und der Tumtm im Geiste der Weisheit und der Einsscht, des Rathes u. der Stärke des Fortschrittes und der Erlösung von Tyrannei und geistiger Knechtschaft. So ttöstet der Herr seine Gemeinde uuter den Trauernden um Zion und Jerusalem! Wien, 31. Januar 188t. I. Beruh. Strasser. Lehrer der deutschen, französischen und englischen Sprache und Literaturwissenschaft in Wien. Die ■•ktrae Kra,kheit. Lustspiel in vier Akten. Bon S. R. M a r g u l i e ». (Fo,tsetzung) — Die Berdtld«, de» jüdisch», Lehrer» i» Se»i»ar. Lehrer-Eonferenz-Bortrag von H. R e u ß, tn Reustadt-Göden». (Schluß) — Bi» zum Tode de« Hohen» p r ie fle r». Epilog zur dreißigjährigen Trauerseier um Dr. Adolph Jellivek in einer Epistel an einen Freund. Bon B. Str asser. (Rachdruck au« diesem Blatte ist vervolea.) Verantwort!. Red^eur: Or. Ra hmer Magdeburg. Druck:Friedrich Rasche AlLo-, Magdeburg. Verlag: Robert Friese Leipzig