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Israelitische Wochenschrift · 1894-12-21 · 51 (21.12.1894) · p. Seite 396

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
51 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 396 (sequence 2)
Language
German
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Duden auf dem Schlachtfelds. Eine Erinnerung aus dem Kriege vom 1870 zum Mackabäerfeste. .Ja jene« Lagen, um diese Zeit." Zu dm Verdächtigungen und Anklagen, dir gegm die Judm so vielfach erhoben werden, gehört der heutzutage mit ganz besonderer Vehemenz und Gehässigkeit gegen sie geschleuderte Vorwurf der Feigheit, der mangelnden Tapferkeit «nd Kaltblütigkeit im Kriege. Man ist blind gegen die zahlreichen Zeugnisse der Geschichte des grauen Alterthums und des finstern Mittelalters, taub gegm die Stimme der Heerführer der Neuzeit, und ist uncrmündlich im Erfinden und Unsammeln von Lügmbenchtm und Spottgedichten, um die jüdische Tapferkeit in Prosa und Poesie zu verhöhnm und lächerlich zu machm. Auch dm ״jüdischen Militärarzt" hat man sich m jüngster Zeit vorgebunden und ihm Mangel an Pflicht- «rfüllung und Unerfchrockmheit auf dem Schlachtfelde angehaftet. Da kommt dmn gerade zur rechtm Stunde von völlig unpatteiischer Seite ein Bericht, der jmes schmähende Bor- - mteil in schlagendster Weise widerlegt. Zum ,Ehrentage der Hanseatm" (den 2. Dezember 1870) wird der ,Magdeburger Zeitg." ein Bericht über dm Sieg von Loigny aus Hamburg eingcsandt, den sie in der Meinung, daß^eS einen Magdeburger Bürger betrifft*), jüngst veröffmtlichte und aus dem wir den nachfolgenden Thal-hier folgen lassen; er schim uns gerade zu dem Feste, welches uns die ,lichtstrahlenden Gestaltm der heldrnmüthigm Makkabäersöhne vorfühtt, besonders als Beleg dafür geeignet, daß jüdische Tapferknt, Kaltblütigkeit und Unerschrockmheit sott und sott lebt ,wie in jenm Tagm, so in dieser Zeit." Nachdem der Berichterstatter dm Heldmmuth des tapfem Führers des 2. Bataillons 76. Regimmts, Majors von Gayl, im Kugelrrgm geschildett, der, selbst von einer Kugel S:offen, unter stechenden Schmerzm noch Befehle ettheilt, tt er fort: Wenn auch vierundzwanzig Jahre im Strome derZeit dahingeschwunden, die einstigen jungen Krieger, die als gereiste Männer an der Lebensgrenze stehen, nie wird ihre Begeisterung sich mindern, wenn sie deehrenreichen Tagevon Loigny und ihres heldenmüthigen Führers von Gayl gedenken. Rathlos blickt die Nein« Schaar der hülssberetten SanitätS- ■ cvlonne auf das ungeheure Zerstörungswerk. Wo zuerst beginnen? Klagerufe folgen? Zuviel des Elend's ist's für die wenigen rrttmden Hände. Das von ollen Seiten hörbare Jammem der stöhnenden Menge droht die Thatkrast der wenigen Menschen zu erdrücken. Nur Einer ist's. der mit hoheitsvoller Hingabe und erhebmder Nächstenliebe dem Schmerz gebietet, eine säst übermenschliche Anstrengung entwickelt, dessen unendlich segensreiches Wirken dir wenigen Männer vom ״Rothen kreuz" zur höchsten Anspannung und Hülseleistung entflammt, der Qual und Schmerzen, soweit es menschlich« Kraft vermag, zu lindern und zu mildem sucht — dem nahenden Tode die sichere Beute noch entteißt. Euch, Kameraden vom 2. Bataillon, die das feindliche Geschoß auf ner «iserstarttm Wahlfiatt niederstrcckte, Euch bleibt der Name Eures Retters unvergessen. Aber auch in den Herzen aller Augenzmgen lebt die dankbare Berehmng sott für unseren Oberstabsarzt Dr. R o se n t h a l, den siegreichen Helden am Schmerzenslager. Der Mann der Wissenschaft glänzt nicht durch eine stattliche; Erscheinung: er giedt auch nichts auf Aeußerlichkeiten. Ein mlli- "»risches Auge wird von dem Anblick de» kleinen, unscheinbarm Manne» kaum befriedigt. Die größte Schwierigkeit berrittt dem Gelehrten das andauemde Reüm. Lächelnd schaut die Mann- ף Da« hat sich als Jrrthu« heianSgeftellt, der Sacker« soll vielmehr ein gleichnamiger Professor an einer deutsch«» Universität sei». schast dem unbeholfenm Besteigm seine» großen, starkknochigm Pferdes zu. Bon manchen Lippm tönt e» bei diesem yicht allzu leichten Streben harmlos scherzend: ״Wmn he man erst obm iS — denn hrt de Schimmel ok da» Slimmste öberstahn." Doch wenn derKampf beginnt, die heilige Pstichst gebietet, dann vollzieht sich in dem gelassenen Wesen des hochverehrten Arztes eine kaum geahnte, Willensstärke Umwandlung. Gleichgültig gegen die schwirrenden Geschosse lenkt er sein Pferd bis -in die Schützenlinie, um dott die ersten Verwundeten mit Gefahr deS eigenen Lebens sogleich zu verbindm und fottzuschaffen.' General v. kottwitz muß eS wiederholt befehlen, bevor Dr. Rosenthal au« dem Sattel steigt. Jndeß zum Niederlegeu kann er sich nicht mtschließen, obgleich der General fürsorglich gebietet: ״Aber, lieber Dottor, ich muß ernstlich bitten." — ״ES ist wirklich einettei, Herr General, ob liegend oder stehend. Ist'» einmal so bestimmt, dann schützt doch keins von beiden." - Niemals sah Man Dr. ׳Rosenthal während de« Gefecht» in gebückter Haltung oder gar im Schutz der sicheren Stellung. Gleich dem unerschrockensten Führer blieb er aufrecht, stehmd vom in der Front — im stärksten Kugelregen. Solch tapferes Benehmen deS ״Nichtcombättanten" läßt schon annähemd die tiefdurchdrungene Pflichttreue und volle Hingabe erkennen. Allein in ihrer ganzen bewundemngsvollen Größe zeigt sie sich erst Jenen, die dem edlen Manne in namenlos schwerer Arbeit nahe standen. Kaum hat der Kampf vom 2. December begonnen, da liegm auch schon die blutenden Opfer gleich dunklen Puntteu auf der weiten Rund«. Dem ärztlichen Mühen gitt zunächst die hilflose Anzahl in schützende Räume, und sei eS auch nur ein Stall oder Scheune, zu schaffen. Der eisige Wind und bittere Frost droht Jedem sicheren Tod. der blutend auf der Wahlstatt liegen bleibt. Erst die erstürmtm und nicht vom Feuer zerstötten Häuser gewähren den erwünschten Raum. Wenn auch die Jammermfe auf der wetten Ebene nicht ganz verstummen, so mindett sich doch nach Stunden heißer Arbeit da» herzerbebende Aechzen der Schwerverwundeten; sie wenigstens sind nothdürstig unter Dach und Fach geborgen. Zunächst gilt des Oberstabsarztes heilige Pflicht naturgemäß den eigenen Londrskindem: doch gleichen Antheil haben auch die ganz verlassenen stanzösischen Verwundeten auf sein, von wahrer Menschenliebe bewegte« Herz. Ein gräßlich Wüthrn ist der Krieg — doch solch' hellstrahlend humanes Witten mttdett seine größten Schrecken. — Dem edlen Manne gilt es gleich, in welcher Sprache der Angstms von den bleichen Lippen dttngt. ES ist ja meistens nur die eine Bitte, ein einzig Wott, aber so todeStraurig, so angstvoll flehend, wie Menschenlippm es nur je gesprochen. Bi» zum stützen Morgen wähtt die schwere, die zehnfach« Hülfe ersordemde Arbeit des Verbinden- und der Amputatton. Inmitten deS qualvollen ärztlichm Beruf», unter den wimmernden und jammemden Hausen der blutenden Krieger bricht Dr. Rosenthal, körperlich und seelisch vollständig erschöpft, da-hülsedringend« Jnfttument noch krampfhaft in der Hand, ohnmächtig nieder. — Wie mancher Invalid« vom 2. Bataillon verdankt die Erhaltung seine» Leben» diesem hingebungsvollen Manne. Nicht minder glänzt fern ritterliches Verhallen, da er de« Feind« schutzlos entgegenkat. Nach dem unensschiedenen Kampst vom 2. Dezember blieben unsere Verwundeten, 8S an der Zahl, unter dem Schutz des genfer Kreuzes in der Ferme Pettt Boynes zurück. Am frühen Morgen des neuen Tage« naht wuthentbrannt die feindliche Kolonne. Da» rothe Kreuz wird nicht b«. achtet. Der brutale Haust ttotzt den Besthleu der eigenen Offiziere. Gegen jedes Völkerrecht ettlätt mau die Verwundete» zu G«. sangen«! und entreißt ihnen di« genüge Habe. Wer sich dich»»- ,

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