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Israelitische Wochenschrift · 1894-11-16 · 46 (16.11.1894) · p. Seite 356

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 356 (sequence 2)
Language
German
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da der Antisemitismus unvernünftig ist, so hört er alsdann von selbst auf. Zum mindesten erfordert der Antisemitismus eine Beschränktheit, welche selbst für einen Torsschulzen fast schon zu groß wäre. Ein höherer Beamter, der einen größeren Bezirk mit den mannichfachsten Interessen und buntgemischter Bevölkerung zu verwalten har, kann gar kein Antisemit sein, sowenig wie er ein Anti-Katholit oder Anti-Protestant, sowenig wie er ein Feind des Städters oder des Landbewohners sein kann. Der neue Reichskanzler hat eine umfassende diplomatische und politische Thätigkeit hinter sich, er gilt für einen vornehmen Staatsmann und Grandseigneur, für einen solchen Mann ist dem Antisemitismus, der einen Ahlwardt erzeugt hat, das Urtheil längst gesprochen. Wir Juden blicken auch auf den neuen Reichskanzler mit dem festen Vertrauen, daß er gleich seinem Vorgänger und vor allem gleich unserm Kaiser ein Hort des gleichen Rechts für alle sein werde. Von dm Ultramontanm und Hochconservativm — von der Couleur der ,Kreuzzeitung" — wird der neue Reichskanzler mit recht geringer Freundlichkeit begrüßt. Letztere möchten chn mit thunlichster Beschleunigung fortgraulm. Sie rechnen darauf, daß wmn Fürst Hohenlohe abdankm sollte, an seine Stelle ein Mann ganz nach ihrem Herzen kommen müßte, der auch vcrstehm würde, die von der ,Kreuzzeitung" längst ersehnte conservativ-ultramontane Allianz zu stiften. Hierzu ist Fürst Hohenlohe, ganz abgesehm von seiner persönlichen politischen Richtung, durch seine Vergangenheit nicht geeignet, und wohl auch nicht zu haben. Tik äiiitrit ul Sniriimii Irr litijrRitn. Bon Dr. Sing er-Koblenz. Ahlwardt hatte Recht, als sein Organ die Eisenacher ,Verbrüderung" verhöhnte und versicherte, daß bei dm verchiedenen sittlichen Anschauungen der Judengegner an eine Einigung nicht zu dmkm sei. Zwar sprach die Verbissmheit aus ihm, weil man in Eismach dm Rector aller D ... m zum Abgeordneten zweiter Ordnung degradirte, aber Recht hat er doch, wmn auch mit der kleinen Einschränkung, daß die Berschiedmheit ihrer Anschauungm auf unsittlicher Basis beruhe. Es kann uns sa einerlei sein, mit welcher Sauce sic uns verspeisen möchtm, aber eigeuthümlich nimmt sich die »Einigkeil" doch aus, wmn an demselben Tage der Eine der gleichen Brüder — Liebermann von Sonnenberz — in Frankfurt a. M. seinm christlichm Standpunkt dahin präcisirt, daß er ,als christlicher Mann nichts gegen die Religion der Juden habe", und der Andere — Stöcker— in der religiösen Angelegenheitm gewidmeten Gmeralsynode bei Wiederholung der sogmanntm Eidesnvth-Debattr aus religiösen Rücksichten verlangt, daß ein Christ nur in die Hand eines christlichm Richters einm — Meineid schwöre. Und es ist ihm gar nicht einmal emst um die Sache, denn er will es ja gnädig zulassm, daß dem Bwölkerungs-Procentsatz mtsprechend auf hundett christliche Richter je ein Jude komme; daß der bisherige Zustand hiermit derselbe bleibe, übersieht der fromme Mann, der damit bekundet hat, daß aus ihm weder Religion noch Socialpolitik, sondern ausschließlich der Haß spricht, und auf eine Handvoll Widersprüche kommt's dem unvorsichtig» Mann ja nicht an, dem gerade das Herz vor Freud« schwoll, daß soeben * die Mainzer Stadtverwaltung die Hergabe eines Platzer für ein Heinedenkmal vcrweigett hat. So wmig auf» regend der letzterwähnte Beschluß für das Judenthum-auch, ist, für das als solches ein Heiaedmkmal gmau dasselbe Interesse hat, als handelte es sich um eine Kriegsanleihe für Ehina, ist er doch pfychologisch-.charakteristisch, daß Stöcker in seinerHerzmSwonne mit einem jüdischen otthodoxm Tmttal-Hetz-' organ sich begegnet, wodurch seine heiße Liebe für die otthodoxe» Judm sich jedenfalls erhöhen, dmcn er deshalb wohl auch dm hundettstm Richterposten reserviren wird — die Orthodoxm bleiben sich ebm überall gleich und sind einander würdig, und die evangelischen Antisemiten stehen auf gleicher Höhe wie die jüdischen.-- Was sie sprechm, ist giftiger Haß, was sie athmcn, ist Unduldsamkeit. Doch auf besagten Hammel — wollt' sagm christlichm Eid vor christlichen Richte» — zurückzukommcn, so darf eS doch füglich Wunder nehmen, daß bei aller otthodoxen Neigung, so viele erleuchtete Köpfe in der Generalsynode von Stöcker sich nasführen lassm. Indem wir, nach der .Kölnischen Ztg.", wit Vergnügen constatirm, daß Herr Prof. Kahl-Bonn seine entgegengesetzte Anschauung im Sinne der rheinischen Synode vettreten hat, wollen wir die auffällige Erscheinung» daß die Gmeralsynode gegen die abrathende Stimme de- Justizministers sich auf den Standpunkt des Westfälischm und Kösener Tsungli Damen gestellt hat, eine Erklärung suchm und glauben sie in Folgendem gefundm zu haben: Der Mangel an selbsterworbener gründlichm Einsicht in die thatsächlichen Verhältnisse hat den unverantwottlichen Beschluß gezeitigt. Die frommen Herren wissen nicht, daß der Ausbau der Gesetzgebung, die Judm betreffend, in Prmßen immer noch der Erledigung harre; sie bedachten nicht, daß trotz aller behauptctm Gleichberechtigung die Richlrrcarriere allein es ist, welche jüdischen, intelligenten, jungen Leuten die Pforten geöffnet hält, und unrecht war es, daß kein Einziger in der Versammlung Hcrm Stöcker grgengefragt hat, ob auch in dm anderen Verwaltungen auf je hundert christliche Beamte ein jüdischer kommt? Bei befriedigender Lösung dieser Frage würde der Wunsch des Herm Stöcker, so sehr er an innerlicher Un» gerechtigkeit krankt, sich von selbst erledigen. Man wird uns erividern, die christlichm, jungen Leute gehen mit dem Zeugniß der religiösen Reife zur Uni» vcrsität ab, was bei den jüdischen, jungm Leutm nicht der Fall ist. Ja, aber an wen liegt denn die Schuld, daß die jüdischen Abiturienten nicht geprüft werden? Empfind», wir doch diese Thatsache nicht als einen Vorzug, sonder» vielmehr als eine mttvürdigende Herabsetzung und Zurück sctzung! Für die jüdischm Gymnasiasten ist der Religionunterricht durchweg facultativ, und Jedermann der die Bersj hältnisse kennt, weiß, daß halbwüchsige Burschen jedes sacultativc Lehfach, daß überdies nicht einmal, wie etwa da» Hebräische, Gegenstand der Prüfung sein kann, als eine erster sich darbietender Gelegenheit abzuschüttrlnde Last cmA pfinden, in welchem Bestreben sie von indiffermtm Elten» lediglich unterstützt werden. Warum sorgt der Staat ui6> dafür, daß auch den jüdischen Untetthane» die Religion etj halten werde? Ist die jüdische Religion nur zum BeschimpfW da? So geringschätzig solltm gottesfürchtige Menschm nid von einer Religion dmkm, welche Gott trotz aller Wandluugd in der Geschichte, trotz Zerstreuung und Verfolgung, trotz DM mütigung und Gehässigkeit seit mehr als 3000 Jahren lebenßW erhalten hat. So sollte man doch nicht von einer Religid denken, derm Anhänger gern allm staatsbürgerlichen Pflichld sich unterziehen, deren oberstes Princip ist, daß das StaaDW gesetz über Ceremonialgesetz stehe. Man sollte doch nid Religion mehr Beachtung schenken, in der u. A. schon vd 3000 Jahren ein Salomo bei Einweihung des ersten TemHd die Toleanz als Eckstein aller Religiosität hingcstellt haÜW Der Rabbiner bedmtet in der kirchlichen Staatsorganijat^W in Preußen eine Null, wenn er von der Behörde nicht al^W nicht gestützt, sondem auf Schritt und Tritt in seinem gehemmt wird —- und ist die minderwertige Beurteilung. redlichen Eifers seitens d«S Staates nicht eine schwere die er mit hörbarem Gerassel stets nach sich schlepp» die Achtung vor seinm Wottm und Lehren ucrmmbnt^^H seinen Einfluß zum Schadm für die allgemeine vernichtet? Hierbei soll die gerade-» jänuaeiclicheMgWW^^^

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