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Israelitische Wochenschrift · 1894-11-02 · 44 (2.11.1894) · p. Seite 345

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
Seite 345 (sequence 7)
Language
German
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Hier wo all« Kunst aufhörk, wo keine Kunst daverstorbene l^Herz wieder schlagen macht und da» erloschene Auge wieder öffnet, ^ba roaUrt er seinetrostreichen Amte- und er erinnert unhier *daran, daß übermorgen in unseren Gotte-Häusern die Schilderung •»Hm dem Tode Mose » gelesen wird. Wie beginnt diese Schilyerung? Mit" dem Worte: .Dieist der Segen." Worin ikLeben, wenn eS.zu Ende geht, ans eine Fülle von Segen hin- ׳Hst. die egespendet, da ist der Tod überwunden. Und diese- Leben hat Tausenden reichen Segen gespendet, zunächst der ׳trauernden Gattin, die nach langer freudloser Zeit wenige glückliche Jahre an seiner Seite genoffen, die ihr nun um so glück- -sicher erscheinen werden, aleleider nur wenige waren; den hindern, die er zärtlich liebte, den Geschwistern und Angehörigen, /denen er der treueste Verwandte war. den Tausenden, denen Pine Kunst da- Augenlicht und die Gesundheit wiedrrgegebeii. Wenn er auch dagelobte Land seiner Sehnsucht nicht betreten hat, so hat er edoch Bielen bereitet, er ist Bielen theuer geweisen al« der beste, uneigennützigste Mensch, alder anhänglichste Hreund. Er war in sich selbst ein Segen und er wird ebleiben /durch sein Wirke», durch seine Forschungen, durch die Liebe und Herzensgute, die ihm Tausende verbanden. Darum wird sein Andenken gesegnet sein für alle Zeiten!" Schluchzen erfüllte die geräumige Halle während dieser Rede, die von ergreifender Wirkung war. Am offenen Grabe rachen hier noch der Decan der medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Weichselbaum, ferner Namens der Poliklinik Prof, v. Neuß und zum Schluß Namens der Schüler des Berflorbenen sein erster Assistent. Tiefen Eindruck auf die Trauer» Versammlung machten alle diese Reden, sowie nicht minder ״bcr herzerhebende Gesang unter Leitung des ObercantorS Singer. Rwtzland. Petersburg. Es ist bekannt, daß die jüdischen Zöglinge nur in einem Verhältniß zwischen 5—10 Prozent in den öffentlichen Schulen zugelassen werden. Bis jetzt war diese ^«»schränkungsmaßregcl nicht auf die Mädchenschulen ange- •wendet worden. ES sind vor Kurzem Befehle ergangen, daß sie auch bei diesen Anwendung finden sollen. Die beklagenS- /werten Folgen dieses Gesetzes sind besonders fühlbar in Städten mit 40, 50 u. 80 Prozent jüdischer Einwohner. Die folgende Thatsache, welche sich in Belay-Lzerkof zugetragen, beweist die merkwürdigen Folgen, welche es hervorbringen kann. Bei den Ausnahmc-Prüfungen für das Gymwafium jener Stadt hatten sich 37 christliche und 64 jüdische -Eandidaten gemeldet. Die Aufnahme sämtlicher christlichen :Schüler hätte die Aufnahme von vier jüdischen Schülern {10 - Prozent) zur Folge gehabt. Leider wurden aber nur 7 christliche Schüler für aufnahmefähig erklärt, so daß nicht «in einziger jüdischer Schüler ausgenommen wurde, da das Gesetz fordert, daß das Verhältniß der aufzunehmenden jübischen Zöglinge 10 Prozent der Gejaintausnahme uicht überschreite. Neueste und vermischte Nachrichten. ' ' Magdeburg. Zum Fall ״Leist" hat der Antisemitismus auch «ine Anknüpfung gefunden zu haben geglaubt. Wie Herr von :Mosch in dem Organ AhlwardtS versichert, soll Leist,, nach einer iLuschrift ״auguter Quelle", ״getaufter Raffenjude" sein. — Der '״Kreis. Ztg." aber wird berichtet, daß Herr Leist der Sohn einengelischcn Predigeraus der Provinz Sachsen.ist. (Wir können dabestätigen. Leist'- Vater ist Pastor in Mkrizendorf bei Magdeburg, ein Bruder desselben ist hier Rechts- ׳anwall und Schwiegersohn unsere- Herrn Oberbürgermeisters.) Berit». 28 Oktober. Die beiden Stipendien d« Ernst richenheim-Stifiung, dir der Fabrikbesitzer Ferdinand Reichenheim in Berlin zum Andenken an seinen verstorbenen Sohn, den Maler Ernst Reichenheim, gegründet hat und für junge befähigte Maler auden höheren Semestern der königlichen akademischen Hochschule für die bildenden Künste zu Berlin ohne Unterschied der Konsesfion bestimmt ist, wurden am 55. d. Mt-, vom Kuratorium dem Maler Sigmund LepinSki au- Graudenz mit 600 Mk. und dem Maler Georg Marschall au- Wittstock mit 600 Mk., dem letzteren zum׳ zweiten Male verliehen. VreSlau. 25. Ottoder. . Der Hörer dehiesigen, jüd. theol. Seminar- Herr Dr. Joses Burstyn, Sohn Sr. Ehrwürdcn des Herrn OberrabbinerS P. Bnrschn in Screth (Bukowina) wurde einstimmig zum Rabbiner und Prediger der i-r. Lultu-gcnieinde in Rakonitz (Böhmen gewählt. Mainz,31 ׳. Oktober. D׳e Stadtverordneten lehnten in Heutiger Sitzung die Hergabe eine- Platzes für ein Heine-Denkmal ab. Aus der Schweiz kommt die Nachricht, daß eine antisemitische Agitation im Werke sei. um durch ein Jnitiativverfahren eine Volksabstimmung betr. Ausschluß der Juden von öffentlichen Aemtern hetbeizuführen. (L'app«tit vient en mangeant — d. h. hier: durch das Schlachtrcsp. Eßverbot). Württemberg. Durch Verfügung de- K. Ministeriums des Kirchen- - und Schulwesens vom I». d. M. ist daerledigte Rabbinat Laupheim dem Religionslehrer Rabbiner Dr. Treitel in Karlsruhe -übertrage» worden. * Meiningen. 27. Oktober. Der Viehhändler Jacob Nußdaum von Bettrnhausen wurde bei Trübes ermordet und auSgeraubt. Wien. T e letzte Rr. der ״Oesterr. Wochenschrift" ist wegen de» Leitartikel», ״die Goltesoffenbarung in öer Geschichte" confiScirt worden. Der Inhalt des Artikelläßt sich aus der Heberschrift — und einem Blick nach Livadia — leicht crrathen. London. 23. Oftoper. Bei der gestrigen Abendandacht anläßlich de- Feiertag-schlusseS im israelitischen Tempel in Eastend Londonkam cS zu einer bemerkenswcrthcn Scene. Die Riesen- Halle war biaus daletzte Plätzchen von armen Juden des Eastend, meisten« von aus Rußland vettriebenen Juden, gefüllt. Der Rabbiner vom Montefiore College, selbst ein russischer Flüchtling und in Eastend sehr einflußreich, hielt die Predigt und forderte knapp vor Schluß zu einem Gebet für die Genesung de« Czaren aus. Zuerst war allgemeines Murren vernehmbar, als jedoch der Rabbiner fortfuhr, riß er die Versammlung mit sich fort. Er sagte: Da die meisten Anwesenden Russen seien, so sei e« ihre Pflicht, dem Heiniallande in der Stunde des Unglücks ihre Sympathie zu bezeugen. Wohl seien die meisten der Anwesenden Opfer von Verfolgungen, aber die Religion gebiete, auch für die Verfolger zu beten. Ueberdies lehre die Religion, daß Verfolgungen ein Theil degöttlichen Plane« zum schließlichcn Guten sind und übrigens seien die Juden der russischen Regierung für den Schutz, welchen sie bei allen Schattenseiten doch Millionen von Mitgläubigen angedeihen lasse, zu Danke verbunden. Daher sei cs Pflicht, für die Genesung de« Ezareu zu beten, vielleicht, wenn er die Krankheit übcrstchc, werde sie sein Herz erweicht und ihn Milde 'gelehrt haben. Der Rad, biner sprach nun hebräisch das Gebet, welche« die Versammlung stehend anhörte. - Petersburg. 17. Oktober. Am 18. April d. I.. am 2. Osterseierrage, fand bekanntlich in JekatrinoSlaw ein gegen die Juden gelichteter Kraivall statt. Die ״Jache begann mit einein Streit S־ . Tie Arbeiter prügelten ,»erst alle Juden, aus -die sie stießen, schlugen dann unter Pfeifen und Johlen die Fenster in den von Jude» bewohnten Häusern ein, wobei auch verschiedene von Lhrfftcn bewohnte Quartiere beschädigt wurden. In einige Hauser drangen die Unruhestifter ein,' schleppten Sachen fort und zündeten schließlich auch eine Kneipe an. Die Unruhen wurden mit Hülse von Militär noch an demselben Tage unterdrückt und gegen 100 Personen wurden verhaftet. Der größte Theil-derselben wurde jedoch bald sreigelasie», da ihnen die Bctheiligung an dem Exzeß nicht nachgewiesen werden konnte, und so kamen schließlich nur 15 Personen aus die Anftagebank, die dieser Tage von einer Abtheilung des Odessaer Gericht« unter Zuziehung von ständigen Beisitzern abgeuttheilt wurden. Der Staatsanwalt ließ die Anklage gegen 4 Personen fallen. Die übrigen 11 wurden schuldig befunden, aber nur 6 Personell wurde» zu Gefängniß von 2 Monaten dis 1 Jahr verurtheilt.

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