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Israelitische Wochenschrift · 1894-01-01 · 41/42 (14.10.1894) · p. Seite 330

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
41/42 (14.10.1894)
Article
Beilage zu Nᵒ 41-42.
Date
1894-01-01
Page
Seite 330 (sequence 2)
Language
German
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der seliqe Professor Dillmann eine seltene liebenswürdige Beschcidenheit. Ich war in den Jahren 1870/71 ein Hörer seiner Vorlesungen an der Universität Berlin und nahm aus diesem Anlässe oft Gelegenheit, den liebevollen Professor in seiner Wohnung aufzusuchen. Bei solchen Gelegenheiten wiederholte der bescheidene große Gelehrte oft, cs freue ihn besonders, wenn jüdische Theologen seine Vorlesungen über die biblischen Schriften und die biblische Alterthumskunde mit Interesse hören und einigen Nutzen von seinen Erörterungen ziehen. Gelegentlich eines Besuches zeigte er mir einmal ein Heftchen betitelt: ,Tie französiche Akademie und die .Geographie des Talmuds'" — von Tr. I. Morgenstern — dieses Heftchen habe ihm der Blasser (Morgenstern) verehrt, doch er traue sich in talmudicis nicht das geringste Urtheil zu und frug mich, was ich von der Brochüre halte. Die Brochüre soll nach des Verfassers eigenem Geständnisse eine Verurthcilung der ,Geographie des Talmuds" von Adolf Neubauer sein. Ich sagte, daß ich mir kein Urtheil zumuthe, da mir Neubauers Buch nicht zur Verfügung stehe; jedenfalls aber sei die Brochüre »cum ira« geschrieben worden. Daraufhin bemerkte Professor Tillmann, er habe mit Bedauern die Erfahrung geviacht, daß die jüdischen Gelehrten einander nicht die gebührende Achtung entgegcnbringen und gegenseitig der Unwissenheit zeihen. Wie sollen die christlichen Gelehrten den Arbeiten der jüdischen Gelehrten Vertrauen ent - gegenbringen, wenn die maßgebenden jüdischen Autoritäten einander das Wissen absprechcn. Ich erwiderte, daß dergleichen auch unter christlichen Gelehrten vorkomme und wies auf den heftigen Schriftenwechsel zwischen Trendelenburg und Kuno Fischer über Kant hin, der damals die Gemüther sehr erregt hatte. Hieraus bemerkte Dillmann: das seien Ausnahmssälle, die allerdings Vorkommen, es bliebe aber dann noch eine ganze Schaar unparteiischer hcworragender Autoritäten, welche einen entscheidenden Spruch fällen könnten. Was aber bei den wenigen maßgebenden jüdischen Gelehrten nicht der Fall sei. Er wies hierauf auf die Kritik Geiger's über Frankels ,Einleitung in den jerus. Talmud" und auf die scharfe Antwort hin, welche damals ein Schüler Frankels, welcher jetzt ein Hauptmitarbeiter an der ,isr. Wochenschrift" ist, in der Grätz'- schen Monatsschrift enheilte. Eine wohl zu beherzigende Lehre! Beachtenswerth ist auch, wie der selige Professor Dillmann über die ,rituelle Blutbeschuldigung" geurtheilt hat. Ersucht ein Gutachten abzugeben, daß die Behauptung der Antisemiten zur Zeit des Tisza-Eßlarer Prozesses, daß die Juden zu rituellem Gebrauche Christenblut benöthigen, eine grund- und bodenlose Lüge sei, antwortete der selige Professor Dillmany, er gebe gerne das gewünschte Gutachten ab; aber er glaube nicht, daß mit der geplanten Gutachtensammlung etwagewonnen werde. Denn sowohl die Verbreiter des ,Blutmährchcns" als auch diejenigen, welche angeben, daran zu glauben, wissen ganz gut, daß das ,Blutmährchen" eine elende, lügenhafte Erfindung sei; solchen Leuten gegenüber nützen keine wissenschaftlichen Gutachten, solche Leute können nicht überzeugt werden, weil sie nicht überzeugt werden wollen. Dr. Goldfah». Berichte und Lorrelponöenjkn. $«Uattb. Amsterdam, im September. Die hiesigen Blätter erzählen folgenden, echt menschlichen Zug von unserer Königin: Ein russischer Jude, M . . . ., der in Folge der ÄuS- Weisung seine Heimat verlassen mußte und dessen Hab und Gut vorher ein Raub der Flammen geworden war, kam mit Frau und drei Kindern nach den Riederlanden, wo er nach langem Suchen als ReligionSlehrer in Keinen Ort« eine Existenz fand. Rach einiger Zeit erhielt er den Antrag von einem Wurstfabrikanten in Groningen, bei H ih:u gegen gute Belohnung den Posten eine- Aufseher» zu 3 übernehmen: Er acceptixte den Antrag, der ihm eine bessere Existenz in Aussicht stellte, und verließ die sehr kümmerlichdotirte Lehrerstelle. Zu seinem Unglücke hatte die Fabrik nach kurzer Zeit den Betrieb eingestellt, und so blieb der Arme neuerdings mit seinen Kindern brotlos. Ohne Keuntniß irgend einer Profession, der niederländischen Sprache kaum mächtig, »änderte er nach Amsterdam, wo er auf Anrathen und unterstützt von einigen Glaubensgenossen, da- EonfectionSfach zu erlernen versuchte. Mit dem größten Eifer arbeitete der Manu Tag und Nacht, uw seine Familie kümmerlich zu ernähre», so daß er augenleidend wurde und die Aerzte ihm die Fortsetzung dieser Profession unlersagten. Inzwischen hatte sich seine Familie um zwei Kinder vermehtt, er bewohnte in einer schmutzigen Straße ein dunkle- Zimmer in größter Roth. Eine- Mittwoch Nachmittags träte» '3 in dieses finstere Zimmer zwei Damen in Begleitung eine- “ Offiziers und erkundigten sich, ob hier Herr M. wohne. Nachdem die Damen sich von dem namenlosen Elend der Familie überzeugt hatten, griff eine derselben nach dem Kinde von fünf Monaten und küßte es; auf ihren Wink wurde der armen Mutter durch den Offizier 25 Gulden überreicht und ihr zugleich bedeutet, sich Freitag Mittag im Bureau einer näher bezeichneten Straße cinzustellen. Erst da machte die Frau die Entdeckung, daß die edle Helferin Ihre Majestät die Königin- - Regentin war, welche sich nicht scheute, die unansehnliche Sttaße und armselige Wohnung dieser armen Familie auszusuchen, um sich persönlich von dem Elend einer jüdischen Familie zu überzeugen und Linderung in der bedrängten Noch zu bringen. Im genannten Bureau wurde der Frau eröffnet, daß ihr im Aufträge Ihrer Majestät der Königin-Regeutin 3 - Monate lang 3 Gulden wöchenttich auSgcfolgt werden sollen. Nach Ablauf der drei Monate kam der Fra« eine mit dem kgl. Wappen versehene Katte zu, worin ihr initgetheilt wurde, daß in dem erwähnten Bureau noch 10 Gulden zu ihrer Verfügung bereit lägen. Amsterdam. — Moritz Scharf, der im Tißza-Eßlarer Proceß zu so ttauriger Berühmtheit gelangte Kronzeuge, der al- 12 jähriger Knabe von antisemitischen Verbrechern bearbeitet worden war, gegen seinen Vater falsche Beschuldigungen zu erheben — hat sich jüngst nach Ncw-Iork eingeschifft, nachdem er in Amsterdam, wo er sich zehn Jahre aufgehalten, das Diamanlenschleifen erlernt und ausgeübt hat. Sein Ehef, der die Schleiferei nach Amerika verlegt, hat ihn mitgenommen. In einem Abschiedsbriefe an seine Eltern schreibt er reumüthig: ״Meine Seele.ist für immer befleckt, stets wird der Wurm der Reue an meinem Herzen nagen, obwohl ich nicht begreife, wie ich gegen meinen «heuern, heißgeliebten Vater ein« so siech erlogene Aussage machen konnte, die nicht nur ihn, sondern auch eine Reihe unschuldiger Menschen in'S Verderben stürzen und alle meine Glaubensgenossen für ewige Zeit«! brandmarken mußte. Wie ich zu dieser Aussage gekommen — ich weiß es nicht, und mein Herz zuckt schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, daß mein Vater, daß die Welt annehmen könnte, die lästerlich« Anklage sei in meinem eigenen kindlichen Gehirn entstanden. Und obwohl ich täglich Gott dafür danke, daß die Folgen der Bosheit au-geblieben, die Gerechtigkeit gesiegt und die Wahrheit zum Durchbruch gekommen ist, so klopfe ich doch reuig an die Brust und spreche: ״Vater, ich habe gesündigt! Meiner Jugend Sünden und Vergehen wolle nicht gedenken, o Gott!״ Es ist mir unmöglich von hier zu scheiden, ohne Euch, theuerste Eltern und geliebte Geschwister, noch einmal ein Lebewohl zuzurusen. Gedenket d«S Getreuen, der im fernen Abendlandc weilt, deffen Herz mit unlöS baren Banden der Treue an Euch geknüpft ist. Schmerzlich empfinde ich eS, daß es mir nicht gegönnt ist. Euch vor meine» 3 Scheiden noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sihen. Euch ' an de» pochenden Busen zu drücken und die segnende Hand der Eltern auf meinem Scheitel zu spüren. Lebet wohl. Geliebt«, der Allmächtige send« Segen nnd Gelingen in alle« Werk Eurer Hände, zu ihm wollen wir hoffen, daß er un» wieder vereinige, die wir doch einander so enge augehören. Lebet wohl!"

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