Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 41/42 (14.10.1894)
- Article
- Beilage zu Nᵒ 41-42.
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 329 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Briefe. Bon L. S. Wenn Du in Wien ein Buch benöthigst, dann bist Du lieber Leser sehr bedauernswerth. Die hiesigen jüdischen Buch- Händler (sit venia verbo) resp. Siderl- und Talishändler haben für die Literatur des Judenthums kein Verständniß. Was diese Herren nicht auf Licitationen als Maculatur sehr billig haben können, das wirst Du auch vergebens in ihren Läden suchen. Der einzige Lippe hat noch in früheren Jahren etwas für die Literatur gethan. Der Mann ist aber heute ein hochbetagtcr, kränklicher Greis, der sich nunmehr auf den Verkauf von Esrogim, Gebetbüchern und jenen Producten der neueren jüdischen Literatur beschränkt, die schon seit anno dazumal bei ihm Ladenhüterdienstc verrichten. Dieser Mann hätte ivohl die Fähigkeiten, die jüdische Literatur in Oesterreich zu verbreiten, aber es fehlt leider auch da an Energie; riesige Verluste haben diesen sttebsamen Mann ganz apathisch gemacht. Run wirst Du wohl sagen, mein lieber Leser, wozu sind denn in Wien Bibliotheken? Ja, wozu eigenllich in Wien Bibliotheken sind, daß kann ich wirklich nicht recht beantworten! Für den einen ist die Bibliothek ein warmer Stall, der ihn mit dem nöthigen Futter versieht. Für den zweite» ist die Bibliothek ein Zeitvertreib, um ׳ in gehöriger Muhe seinen Ruhegehalt zu verzehren und nebenbei doch der Welt, Sand i» den Augen zu streuen, indem man durch den Titel Bibliothekar glauben machen will: ״Obwohl ich meine Pension ruhig genießen kann, muß ich euch dock beweisen, daß ich meine Muße dem allgemeinen Wöhle unv der Literatur widme". So könnte ich Dir lieber Leser 100 Beweise bringen, wozu in Wien Bibliotheken sind und Du wirst doch daraus nicht erkennen, daß das sich für die Literatur interessirende Publikum nur den denkbarsten Vortheil auder Existenz dieser Bibliotheken zieht. Tie Hofbibliothek kauft seit Jahren keine Hrbraica und Judaica. Sie beschränkt sich, ebenso wie die Universitätsbibliothek, auf die Pflichtexemplare der in Oesterreich erscheinenden Publikationen. Die Gemeindebibliothek, das einzige Institut in Wien, das nach Möglichkeit sämmtliche neueren Publikattonen der Wissenschaft des JudcnthninS berücksichtigt, dieses Jnstttut ist nur dreimal, sage dreimal in der Woche, zu je 2 Stunden geöffnet! Der sogenannte Bibliothekar dieses Justttuts ist ein alter kränllicher Mann, mit dem man sich nur schriftlich verständigen kann. Die beiden Bibliothekstunden vergehen daher meistenmit schriftlichen Anfrage» und schriftlichen Antwotten. Zeitweilig wird derselbe allerdings von einem der Herrn Religionslehrer vertreten aber offen gestanden, wie sehen unsere Herren Religionslehrer lieber in der Mußezeit am Studierttschel Man kann allerdings ein guter Bibliograph sein und kann auch nebenbei erfolgreich Religionsunterricht ettheilcn, aber soviel uns bekannt ist, sind die Herren Religionslehrer der Wiener iSr. Lultusaemeinde sehr brave Menschen, aber schlechte Bibliographen, sie taugen daher am allerwenigsten zur Bibliothek-Verwaltung. Der löbl. Vorstand beabsichtigt deshalb einen tüchtigen Bibllotheksbeamten zu angagiren. LS soll bereitfür diesen Posten Herr Dr. Münz, emerit. Bibliotheksbeamtcr der Wiener Universität, auSersehen sein. Wir können dem Vorstände zu dieser Acquisitton nnr gratuliren. Dr. Münz ist ein bcwähtter Bibliograph, der sicherlich im Interesse der Gemeinde und im Interesse des Publikums dieses Jnstttut leiten und heben wird. Die Bet-hamidrakch-Bibliothek soll zu diesem Zwecke mit der Gemeindebiblothek vereinigt werden, und dem Publckum die Benutzung dieser Büchcrsammlung täglich zur Verfügung gestellt werden. Wir möchten bei dieser Gelegenheit auf den bewährten BibliothekSdiener, Herrn S al, die Aufmerksamkeit lenken. Dieser Mann hat durch seine vieljähttge erfolgreiche Thätigkeit in der Gemeindebibliothek sich eine derarttge bibliographische Praxis erworben, daß derselbe thatsächlich im Stande wäre, mit Hilfe eines guten Index dir Expedittons- und Registraturarbeiten der Bibliothek selbstständig zu übernehmen. Der Bibliothekar erhält von diesem Manne einen verläßlichen Adlatus. Bezüglich der Seminarbibliothek, die bekanntlich durch Spenden und durch Ankauf der berühmten Hebraica des seligen Predigers Dr. Jellinek eine der größten und reichhaltigsten Wiener jüdischen Bibliotheken zu werden verspttcht, also bezüglich dieser Bibliothek könnm wir momentan nur so viel mitttheilen, daß dieselbe sich derzeit unter bewährter Leitung befindet, daß dieselbe aber leider noch nicht catalogisirt ist und deshalb nicht allgemein benutzt werden kann. Herr Prof. Dr. Büchler, der nicht weniger als 23 Stunden im Seminar und in der Vorbereitungsschule unterrichtet, soll noch in seinen Mußestunden diese reichhalttge Bibliothck catalogisiren, registttren und sonst in Ordnung halten, eine Herkulesarbeit, die nur dann bewälttgt werden könnte, wenn mindestens zwei tüchttge Hilfsbeamte hierfür zur Verfügung stehen würden. Das löbliche Euratottum würde daher alle Freunde der Wissenschaft de- JudenthumS sehr erfreuen, wenn diese großarttge Bibliothek so rasch als möglich der allgemeinen Benutz»׳ g zugänglich sein würde. Wir glauben, daß zwei tüchttge Seminaristen im Stande wären, unter Leitung deS Prof. Dr. Büchler die Eatalogisiruug und Aufftellung der Bibliothek zu vollenden. Veckeiemo! Dr. August Dillmann. Der am 8. Juli er. verstorbene berühmte Professor der alttestamcntlichen Theologie an der Universität Berlins hat eS in vollem Maaße verdient, daß auch diese dem Leben und der Wissenschaft des JudenthumeS gewidmeten Blätter seiner in Ehren gedenken. Professor Dr. A. Dillmann hat durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der äthiopischen Sprache, namentlich durch seine äthiopische Grammatik, seine äthiopisch« Ehrestomathie, sein Lexicon linguae aethiiopicae und seine äthiopischen Textausgaben die wissenschaftliche Erforschung und Erkenntniß der äthiopischen Sprache angebahnt und begründet und, da die äthiopische Sprache mit der hebräischen und aramäischen Sprache stammverwandt ist, damit mittel» bar zur genauer» Erforschung und Erkenntniß des biblischen und des rabbinisch-talmudischen Sprachschatzes beigrtragen. Seine Bearbeitungen, Uebersetzungen, Erläuterungen der nur noch in äthiopischer Sprache vollständig erhaltenen Apokryphen: ״Das Buch der Jubiläen" und ״Das. Buch Henoch" haben auf zahlreiche jüdische Gelehrte, namentlich auf dm unver» geblichen Dr. Adolf Jellinek, einen nicht zu unterschätzmdm Einfluß auSgeübt. Der Letztere gesteht in dem ״Vorworte" zum sechsten Theile seines ״Bet-Ha-Midrasch, daß er durch Ewalds ״Jahrbücher" zum Studium der jüdischm und juden» chttstlichen apokalyptischen Literatur angeregt wordm war. Die meinstm einschlägigen Arbeiten in den ״Jahrbüchern" Ewalds stammm auS der Feder des seligm Professors Dr. Dillmann; im 2. und 3. Bande' der mir hier nicht zu Gebote stehenden ״Jahrbücher" erschien die Uebersetzung de- ״Buches der Jubiläen". Wer auch nur oberflächlich Jellinek- Einleitungen zu dm sämmlichm sechs Bändm des ״Bet-Ha» Midraich" liest, erkennt sofott dm Einfluß, welchen DillmannS Bearbtttungen deS ״Buche» der Jubiläm" und deS ״Buches Hmoch" aus dm seligen Jellinek auSgeübt hatte. Aber auch das biblische Schriftthum hatte an Dillmann einen tüchttge«, gründlichen Bearbttter gefunden. Seine Be» arbeitungcn des PentateuckeS, Josua, Jesaja und Hiob werden stets als Muster echter deutscher gründlicher Wissen» schaft gellen. Mit diesem großm gründlichen Wissen verband