Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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295 Gefterreich,Ungar« LkUtberg, 9. September. Der Vorstand der israelitischen Eultusgemeinde sainmt dem Rabbinate erschien unter Führung des Präsidenten Samuel Horowitz und des Vice-Präsidenten Abg. Tr. Emil Byk zur Audienz beim Kaiser. Auf die Loyalitäts-Versicherung dieser Deputation antwortete der Kaiser: ״Ich bin von der Treue und Anhänglichkeit^ Ihrer ׳Glaubensgenosse» überzeugt und rechne'' stetsauf dieselben." Huldreich nahm der Kaiser den Segensspruch der Rabbiner Schmelkes und Dr. Caro entgegen pnd wendete sich dann in leutseligster Weise an die einzelnen Deputations-Mitglieder. Dem Vice-Präsidenten Abg. Tr. Byk sagte der Kaiser: ״Sie haben als Reichsraths-Abgeordneter eine schöne patriotische Anfgabe, die aber für Ihren Brruf gewiß mit sehr viel Zeitverlust verbunden ist. Sie kommen bald wieder nach Wien zur Arbeit." Lemberg, 127September. Ter Kaiser wohnte gestern der Eröffnnng des neuen israelitischen Waisenhauses bei.1 Der Erzherzog Leopold Salvator, der Ministerpräsident. FürsH Windischgrätz, sowie die Minister Graf Falkenhayn und Jaworski, der Landmarschall Sanguszko mit dem Landesausschusse und der Vorstand der jüdischen Gemeinde erwarteten den Kaiser, der, von der zahlreich anwesenden Volksmenge jubelnd begrüßt, um 10'/. Uhr mit dem Statthalter eintraf. Nach einer kurzen Ansprache des Vorstandes Horowitz betrat der Kaiser den Fcstsaal, wo die Prediger Segenswünsche für den Monarchen sprachen (Schmelkes in hebräischer und Tr. Earo in polnischer nnd deutscher Sprache), ihn als den Beschützer der Armen und Elenden, als den Vater seiner Völker nnd als Friedenssürsten preisend. Der Kaiser unterhielt sich hierauf mit beiden Rabbinern. Nach eingehender Besichtigung des ganzen Hauses verließ der Kaiser unter dem Ausdruck der vollsten Befriedigung die Anstalt. Ter Kaiser trug auch seinen Namen in das aufliegende Gcdenkbuch ein. Das Waisenhaus ist aus Gemeindeinitteln mit einem Kostenaufwand von 100,00t) Gulden erbaut. Budapest. 6. Scpt. Der ״Magyar Allem" greift in rineni heftigen Leitartikel die Regierung wegen der Ernennung des israelitischen Orientalisten Goldziher zum ordentlichen Professor an der angeblich katholischen Universität von Budapest an und erklärt, ähnliche Versuche seien von dem früheren Fürstprimas stets verhindert worden. Ter jetzige Primas aber opfere die Kirche seiner Devise: ״Friede»". Das Blatt fordert den Episcopat auf, die Angelegenheit im Parlamente vorzubringen. (Als ob die Devise ״Frieden aus Erden!" nicht eine echt religiöse wäre!) Wkuestt und vkrmischle Nachrichten. Magdeburg, 10. September. In Berlin ist gestern Mittag der berühmte Aegyptologc, Legationsrath Prosesser Heinrich Brugsch-Pascha einem Herzleiden erlegen. Mit ihm hat die Aegyptologic ihren bedeutendsten Vertreter verloren. Er stand im 68. Lebensjahre. Neben LepfiuS gebührt Brugsch-Pascha der Ruhm von deutschen Gelehrten am meisten für die weitere Ersvrschung der bildlichen und sprachlichen Denkmäler Egyptens, für Geschichte und Philologie gethan zu haben. Durch seine Forschungen, von denen der Verstorbene uns viele bereitwilligst zum Abdruck im ״Lileraturblatt" zur Verfügung stellte, haben viele biblische Angaben über ägyptische Verhältnisse die richtige Erklärung und Bestätigung gefunden. Berlin. Der hiesige Ahlwardt-Moniteur berichtete jüngst aus Wongrowitz, daß der Besitzer D. Mühldradt seinem 16jährigen Dienstmädchen das Genick umgedreht hat. Das Blatt macht hinter den, Namen die Klammer (David?) — Aus Breslau berichtete man von dem Schneidermeister Hesse einen Fall haarsträubender Aussaugung der Arbeitskraft. Eine Anzahl antisemitisch« BlSU« «achte hint« ״Hesse" die Klammer (Jude). In beiden Fällen handelt cs sich um Christen von durchaus christlicher Heiknnst. Natürlich, keines dieser verlogenen Blatt« hat die, ״deutsche" Ehrlichkeit, seine Nachrichten zu berichtigen. l^leiwikz, Herr Lehrer Gvldstci» feiert in den nächsten Tagen seinen achtzigsten Geburtstag. Es hat sich hier ein Comitee gebildet, bestehend ans den Herren Fraenkl, K ochman», Zernik, Alex Stein nnd Kleczewski, um dem Jubilar an seinem Ehrentage ein sichtbares Zeichen der Dankbarkeit seitens seiner ehemaligen zahlreichen Schüler zu überreichen. Mannheim, 6. September. Am 7. September waren e« 50 Jahre, seitdem das hiesige WeltgetreidehandelshauS Jakob Hirsch u. Söhne in den alten Mannheimer .Handelsmatrikeln protokolliert wurd und zwar von de» Gründern des Hauses Raphael und Jakob Hirsch. Aus der Feder eines sachverständigen Lokalgeschichtsschrciber, des langjährigen Syndikus der Mannheim« Handelskam...«, Herr!! Tr. Jos. Landgras in Stuttgart, ist ans diesem Anlaß eine Denkschrift erschiene» mit dem Titel: ״Der Getreidehandel Mannheims in den letzten sünszig Jahren und das Geschäftshaus Jakob Hirsch u. Söhne." * Mannheim, 5. September. In Heidelberg und hier wurde heute die Rninmer 68 des ״Badischen Volksboten" vom t. Septemb.-r wegen eines gegen die Jude» gerichteten Gedichts beschlagnahnit. - - * Mosbach. 4. September. Ter 18jährige Sohn des Hc«n Bezirksrabbiners Dr. Löwe »stein badete allein in der Elzbach. Derselbe hat, wie es scheint, einen Krampf bekommen oder ist in eine tiefere Stelle geraten, aus der er nicht mehr herauskvmnien konnte. Ein später kvmmender Knabe ries de» vorübergehenden Hem, Pfarrer Knapp s von Fahrenbach zu Hilfe, welcher auch nicht säumte, den Verunglückte» sofort aus dem Wasser zu holen und Wiederbelebungsversuche anzustellen, welche er fortsetzte, di» ein Arzt zur Stelle war. Dieselben bliebe» leider erfolglos. Aus München den 7. September. Scho» vor mehr als Jahresfrist brachte Dr. Sigl in seinem ״Bayer. Vaterland" die Nachricht, daß in Buchau ein Bolksvcrein gegründet worden sei, dem ״wieder einmal ein Knoblauch-Jude" voistehe. Auf der im October v. I. stattgesundenen Verhandlung über die deshalb eingereichte Klage des Herrn KaustnannS M. Weil von Buchau, d« sich als Vorstand des Vereins und Israelit beleidigt fühlte, erkannte das hiesige Schöffengericht auf Freisprechung des Angeklagten, da zwar eine objective Beleidigung vorliege, dagegen der Kläger nicht individuell bezeichnet wäre. Gegen dieses Erkenntniß legte Weil Berufung bei der Strafkammer de« Königl. Landgerichts hier ein, und diese hob in der gestrigen Verhandlung da« erstinstanzliche Uriheil aus und verurtheiltc Tr. Sigl zur Geldstrafe von 40 Mk. Leitomtschl, 6. Septeniber. Anläßl'ch der Anwesenheit Seiner Majestät de« Kaisers in Landeskro» (Böhmen) war auch unser Raboiner Hr. Dr. C. K o h n zur Audienz beschieden. Nachdem derselbe den üblichen Segensspruch hebräiscy und deutsch gesprachen hatte, richtete der leutselige Monarch einige Fragen üb« persönliche und Gemeindeverhältnisie und entließ ihn sodann huldv allst. Paris, 10. Sept. Die Regierung ließ das Privatvermögen des Antisemitenführ«s Drumont beschlagnahmen, da dies« sich d« gerichtlichen Verfolgung wegen Beleidigung des Richterstandes durch seine Flucht nach Brüssel entzogen hat. (Das ist so echt antisemitisch, erst Juden und Nicht« beschimpfe», dann statt zu beweisen Reißaus nehmen!) ljinclnnatl. Die Einkommen-Steuer ist in Am«ika nun Gesetz. Es verlangt zwei Prozent jährlich vom Einkommen über viertausend Dollars. Hierzu bemerkt die ״Deborah": Die Lehrer vom ,Hebrew Union College" wie übnhaupt alle Lehrer und neuiizcbntel aller jüdischen Geistlichen sind von dieser Einkommensteuer beste׳!. Es war einmal ein Bäuerlein, das konnte seine Steuern nicht bezahlen und da wurde ihm seine Kuh aus dem Stalle genommen. In seinem Schmerze rief das Bäuerlein aus: Wie glücklich ist der Bauer, der keine Kuh im Stalle hat.