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Israelitische Wochenschrift · 1894-07-27 · 30 (27.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
30 (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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kannte Kirche) begründe. Pfarrer Deckert -hatte nämlich behauptet, daß im Talmud blaSphemistisch« Arußerungen über Christus «nthalten seien, die er anführte und deren Wiedergabe in einem, Blatte, wie die Staatsanwaltschaft feststellte, die erwähnten straf-' baren Handlungen begründete. Dr. Pfenner erhob gegen die Eonfi-eation den Einspruch, über welchen heute ein Senat deS Lande-- a-richteunter dem Vorsitze des LandeSgerichtS-Bice-Präfideuten Dr. Ritter v. Holzinger verhandelte. Staatsanwalt« - Substitut Dr. Baron Distler, welcher die Staatsbehörde oertrat, beantragte die Bestätigung de« ConfiscationS-ErkenntniffeS. da. wenn auch nicht anzunehmen sei, daß ein Pfarrer eine Gotteslästerung degehen werde, doch die Wiedergabe jener Aeußerungen objedio eine solche begründe, und daß, wenn behauptet wird, solche Stellen seien im Talmud enthaten, damit jedenfalls gegen eine gesetzlich anerkannte Kirche (?) ausgereizt werde. Der Bcrtreterder Beschwerde, Dr. Radenlechner beantragte die Aufhebung der Beschlagnahme, ha weder Pfarrer Tr. Deckert noch Dr. Pfenner daran dachten, eine Gotteslästerung zu begehen. Der Gerichtshof gab jedoch dem Anträge de« Staatsanwalts Folge und bestätigte die Beschlag» nähme. (Damit ist implieit« auch die Predigt Deckers als gotteslästerlich verurlheilt. Wie«. Die Gemeindevertretung wird binnen kurzer Zeit den Verlust eines ihrer hervorragendsten, thätigften und angesehensten Mitglieder zu verzeichnen haben. Wie dre amtliche ,Wiener Zeitung" gemeldet, hat der Kaiser den bei der technischen Abtheilung der Post- und Telegraphen-Sentral» leitupg in Verwendung stehenden Baurath Josef KareiS zum Ober-Baurathr bei der Post- und Telegraphen-Direktiou in Prag ernannt. Ober-Baurath KareiS ist eine Autorität auf rlektro-technischem Fach« und hat er bin den Telephon- Anlagen in Oesterreich hervorragenden Antheil genommen. Sein Scheiden von Wien wird nicht nur auf den! Gebiete der Technik schwer empfunden werden, er wird auch im Gemeinderathe eine große Lücke zurücklasjen, die nicht so bald auSgefüllt werden wird. Stdrai wurde aus dem zweiten Be» zirke entsendet und wird ti sehr schwer fallen, einen Mann voo solcher Bedeutung als Ersatz zu finden. Sr»tzbrita«nten. London, 18 Juli. Mit 89 gegen 37 Stimmen nahm, wie in vor. Nr. berichtet, das Oberhaus gestern Lord SaliSbury's Vorlage zur Beschränkung der Einwanderung mittelloser oder gefährlicher Ausländer in zweiter Lesung an. In ein' weiteres Stadium dürfte die Bill allerdings schwerlich tteten. Lord Salisbury's Anttag war ein Versuchsballon, um zu sehen, ob im Volke eine für derartige Einschränkungen günstige Strömung vorhanden sei. Auch der konservative Führer wird sich a»S der Ausnahme, welche seine Vorschläge im Lande gefunden, überzeugt haben, daß eS vergebliche Mühe wäre, auf einer weiteren Brrathung seiner Vorlage zu bestehen. Im Oberhause würde er dieselbe natürlich gegen das winzige Häuslein der zur liberalen Regierung stehenden LordS lercht zur endgültigen Annahme bringen können, aber doch nur, um selbst einmal an sich zu erfahren, daß auch da» Unterhaus kurzer Hand die Beschlüsse des Oberhauses vernichten kann und sicherlich auch wird. In Bezug auf die Einwanderung mittelloser Ausländer machte Rosebery von den inzwischen vom Handelsamte veröffentlichten Zahlen, welche wir in voriger Nummer bereit» näher besprochen, den ausgiebigsten Gebrauch. Diese klaren Beweise, daß die Einwanderung, der russischen Juden — denn um diese haudelt r» sich ja fast allein — einmal im steten Abnehmen begriffen und andererseits keineswegs zu einer Vermehrung der Armenlasten englischer Gemeinden führte, machten die Be- Hauptungen Lord Salisbury's gegenstandslos und der letztere vermochte die überzeugende Kraft solcher statistischen Angaben in keiner Weise zu erschüttern. Er deckte seinen Mckzug schließlich noch mit der Behauptung, daß er selbst diese Frage der Einwanderung Mittelloser nicht für augenblicklich besonder» dringlich halte, daß solche Maßnahmen aber leicht in naher Zukunft dringlich werden könnte». Eine ähnliche Warnung hatte ja auch Rrsebery erst noch im vorigen Jahre geäußert, »nd wie eben die HandelSamtS-AuSweisr zeigen, hat man im Ausland diese Warnung wohl zu Herzen genommen. Neueste unö vermischte Nachrichten. Berit». Herr Reuschotz aus Jassy, der hier lebend«Litterarhiftoriker und Feuilletonist, Hot einen Ruf für deutsche Sprache und Litteratur nach Bukarest «»hatten und angenommen. Reuschotz, der vor etwa sechs Jahren unter Mitwmung der königlichen Dichtern! Earmen Sylva «ine Zeitschrift (.da» litterarische Ru- «äuieu") herauSgegede» und 'sich durch seine Arbeiten in deutscher und rumänischer Sprache um dir rumänische Litteratur verdient gemacht hat, gedenkt nach etwa zwei Jahren nach Deutschland zurückzllkehren und fich als Doeent für rumänische Sprach« »nd Litteratur an einer deutschen Fakultät zu habilittren. ArnSwald«, 23. Juli. Hier hat fich der Führer der Antisemüen und Freund AhlwardtS, der Uhrmacher Walther mit einem jüdischen Mädchen, der hier weilenden Weise Herinannsohn aus Reuwedel, verlobt. Letztere bleibt ihrer Religion tteu. (Was man doch alle« aus Liede thut.) Burgstädt (Sachse»), 21. Juli. Im benachbarten HeierSdarf wurde dieser Tage der Lehrer Klitzsch, ei» Führer der Antisemiten in hiesiger Gegend, plötzlich verhaftet. Er ist beschuldigt, sich seinen Schülerinnen gegenüber schwerer Sittlichkeit«- verbrechen schuldig gemacht zu haben. Das ist ein schwerer Schlag für unsere Antisemiten — schreibt dir .Zittauer Morgenzeitung' — denn Klitzsch, der noch vor wenigen Tage» öffentlich gegen die Sittenlofiakeit der gottverleugnrnden Sozialdemokraten zu Felde gezogen ist, war eine der vornehmsten Stützen der antisemitischen .Reforni'-Bewegung in hiesiger Gegend. Witten. 20. Juli. Ein würdiger Sprößling der Antisemiten zierte gestern die Anklagebank de» hiesigen Schöffengericht», nämlich der Veterinär-Schüler Hugo Wegrmann aus Berlin, welcher fich zur Zeit bei seinen hier wohnenden Eltern aufhält. Der Angeklagte hatte in der Nacht zum 30. April d. I. im Lokal« de» WirthS Rheker hierseldst mit verschiedenen Juden Händel äugeknüpft und dieselben thätlich beleidet. Nachdem er alsdann zum Brrlaffen de- Lokale» aufgesordett und vom Witth di» zur Thürr hinausgeleitet worden war, hatte er diesem draußen vor der Thür plötzlich mit einem Spazierstocke, welcher eine Hirschhornkrücke trug, einen wuchtigen Schlag auf den Kops versetzt, der den Schädel zertrümmerte; infolge deffen ist der Schwerverletzte noch heute nicht hergestellt und wird nach dem Gutachten des Arzte» wohl zeftlebens zu leiden haben, da demselben einige Knochensplitter ins Gehirn gedrungen waren. Der Gerichtshof erkannte mit Rücksicht aus die rohe Thal de« Angeklagte», welcher sich doch aus einer .höheren Bildungsstufe" befände, auf eine Gefängnißstrake von 9 Monaten und eine Geldbuße an den in seinem Berufe schwer gestdädigten Witth von 3000 Mark. Wien. 19. Juli. (Or.-Lorr.) Unter zahlreicher Betheiligung auallen Kreisen wurde gestern Vormittag Frau Josephine von Wertheimstein zur Erd« bestattet. Eine Dame von seltener HerzenSgüte und Mrnschensteundlichkeit verdanken chr viele Leute, die heut» sehr angesehene Stellungen einnehmen, ihre Existenz; durch ihre MildthMigkeit, die aber niemals der Oeffentlichkeit bekannt gemacht wurde, hat die Verblichen«, welche ein Alter von 74 Jahren erreichte, unzählige Thrönrn getrocknet und Litern und Kinder zu tausendsälttgem Danke verpflichtet. Im Trauerhause, wo Oderkantor Singer unter Assistenz de» Tempelchores in ergreifender Weise die Ecremonie begann, erblickte man den Reichsgericht»- Präsidenten Joseph Ungrr, Bürgermeister Raimund Grübt, RegierungSrath von Kuh, di« Baron« Heinrich und Wichelm KönigSwarter u. a. m. Aus dem Friedhose w'dmttr nach Beendigung der vorschriftsmäßige» Gesänge Rabbiner Dr. Schm re dl der Dahingeschiedenen einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er der vielfache, Tugenden und Vorzüge der 8erstorbenen in beredten Wotten gedachte. Hierauf wurde der Sarg in dir Gruft gesenkt, an welcher noch Ferdinand ». Saar und Dr. ». Körper; Letzterer Namen» de» Kinder-Asylr« in ZillingSdors. deffen Förderin die Heimgegangene gewesen, Abschied nahmen. Frau Josephine von Wettheimstein war eine Schwester der Baronin Sofie TodeSro. Ihr Andenken bleibe gesegntt!

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