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Israelitische Wochenschrift · 1894-07-27 · 30 (27.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
25 (1894)
Issue
30 (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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des wahren Lhriftenthums gehandelt. Durch diese schroffe Ungeduld hat man sich nicht bloß gegen die zunächst Betroffenen versündigt, sonder» auch in den Ländern, wo man so vorgegangen ist, in Deutschland und Oesterreich — Rußland mit seine» ganz verschiedenen staatliche» Formen und sonstigen Zuständen kann füglich außerhalb dieser Betrachtung bleiben — wenig höheren Beobachtungsgcist gezeigt, sich vielmehr nur von augenblicklichen und partiellen Empfindungen und Symptomenschätzungen leiten lassen. Trotz der in der Rasse liegenden zähen Natur haben die Juden von jeher doch in allen Ländern, wo man sie ruhig gewähren ließ, eine große Mgsamkeit und Anschmiegungsfähigkeit bewiesen und dann auch sehr bald angefangen, zu anderen Beschäftigungen und Berufen überzugrhen, als die wenigen waren, denen sie sich in Folge der sie von den meisten Betriebszweigen schroff ausschließenden alten Gesetzgebung widmen dursten. Dieses Assimilationsvermögen und Bestreben zeigt sich überall, wo sie ungestört sind, selbst in Einzelnheiten, wie z. B. Lombroso erwähnt, daß die Juden in Italien sich nicht blos als Italiener, sondern in Turin als Turiner, in Mailand als Mailänder, in Venedig als Venetianer fühlen. Nur unter einem Druck zeigen sie sich oppositionell und kehren zu dem alten AbschließungSversahren zurück, wie sie z. B. in Rußland sich erst wieder mit Inbrunst der Synagoge zugewendet haben, seit inan begonnen hat, ihnen das Leben und den gewohnten Erwerb sauer zu machen. Renan bezeichnet diese Eigenthümlichkeit sehr treffend mit der Bemerkung: ,Das Ghetto ist der Vater des Talmuds gewesen." Unter dem Truck, um so mehr, wenn er unberechtigt ist, erwacht wieder bei diesem merkwürdigen Polksstamme der alte, mächtige, bewundernswerthe Geist, der ihn seit der Zerstörung des Tempels, seiner Hauptstadt, seit der Vertreibung aus der lange bewohnten Heimath, ohne Kirche, ohne Priesterschaft, nur durch das starre Festhalten am Gesetze stark gemacht hat. Auch dem Staat, ihren jeweiligen Obrigkeiten, gegenüber haben die Judm sich eigentlich stets und überall als gute Unterthanen bewährt, wo beide ihnen eine milde Hand zeigten. Wenn sie vielfach als unruhige Köpfe gegolten haben, so zeigten sie als solche meist nur die allen städtischen Bevölkerungen innewohnende Rührigkeit, verbunden mit der Unstetigkeit der Handelsleute, zu denen sie nothgedrungen Jahr- Hunderte hindurch fast alle gehörten. Der Grund des Hasses und der Antipathie liegt demnach vielleicht nicht so sehr in den besonderen Fehlern der davon Verfolgten wie in der Mißgunst der Verfolger, die es ihnen nicht verzeihen können, wenn sie ihre geschäftlich leicht überwiegenden Fähigkeiten und Eigenschaften erfolgreich zur Geltung bringen. Ta, wo der Christ eben .so ruhig, eben so fähig, klug, sparsam und nüchtern und beharrlich ist wie der Jude, in Amerika, in Australien, spielen die Judm durchaus keine hervorstechmde Rolle, sondem gehen mit dm anderen Einwohnem und Geschäftsleuten ihren ruhigen Weg. Wenn auch ich nicht leugnm kann, daß von ihrer Seite ihr Uebergewicht häufig zum wesmtlichm und dauemden Nachtheil Derer bmutzt wurde und wird, mit denen sie in Berührung kamen, so habe ich mir zur Erklärung dieser Erscheinung eine Beobachtung aus dem Naturleben dienen lasjm: daß nämlich die Schmeißer und Würmer nur da sich rinfinden, wo Schwäche, Verfall und Fäulniß ist. Wo das eingeborene Volk selbst klug, ökonomisch, nüchtem, an Charakter und Willen stark ist, hat sich der schädliche Einfluß jüdischer Geschäftsleute meines Wissens niemals in gefährlichem Maßstabe fühlbar gemacht. Am heftigsten, in ausgeprägtester, unfeinster Forin zeigt sich der Antisemitismus heute in Deutschland. Die gesellschaftliche und wirthschaftlichc Seite des Antisemitismus kann ich mir durch die Menschennatur erklären, wenn ich sie auch größtentheils in ihrer Allgemeinheit unberechtigt finde und deshalb nicht billige. Die politische Richtung und Ausnutzung kann ich verstehen, dmn ich denke realistisch genug und habe lange genug dem parlamentarischen Treiben zugeschen, um zu wissen, daß iu der Politik nachgerade jedes Mittel bmutzt wird, um bei Wahlm und Gesetzberathungen zum Ziele kommen. Schön kann ich eS nicht find« und große Ach! vor dem kontinentalen ParlammtariSmus kann ich als Hänger der Monarchie auS innerster Ueberzeugung auch ui! dabei bewahren. Die Anhänger und AuSnutzer der an! semitischen Bewegung möchte ich darauf aufmerksam ma!' daß eine fanatische Verfolgungssucht von Majoritätm gegen! über den Minolitäten stets nur in niedergehenden Staa! geschichtlich vorgekonimen ist, während die Deutschen d«S Deutschen Reiches doch wohl sich in aufsteigmder Linie zu ' wegen wähnen.. Wahrlich nicht die Juden sind eS, die die Ideale aud! modernen Leben immer mehr verschwinden machm. Zu dieser! beklagenswerthrn Thatsache liegen die Thatsache» bei ga! anderen Faktoren des öffentlichen LebmS, in -der zuuchmen! Abschwächung mancher Elemente deS menschlichen Dasein-? für deren Erhaltung die christliche Gesellschaft mitunter sogar bei de» Juden Manches lernen könnte. Ich will nur dje» stark bewahrten Familiensinn, die Pietät im Verhältnis^ der Kinder zu den Eltern, die Bereitwilligkeit,'sich unter ein» ander zu unterstützen, neniim. Soll ich nun zum Schluß mich noch darüber äußern,' wie ich mir die mögliche Lösung dieser traurigen, in ihre» Ursachen und Wirkungen jedm Menschenfreund so ungemein betrübenden Frage des Antisemitismus denke, so Hab« ich darauf keine in einem Rath gipfelnde Antwort, sondern nur ׳ wieder Ansichten und Wünsche. ES bleibt nur zu wünschen, daß einmal die Juden auf dem bereithier und da betretenst £ Pfade größerer Bescheidenheit bei Verfolgung ihrer wirthschaft» ' lichen Thätigkeit und größerer Zurückhaltung bei Geltend,^ machung ihrer bürgerlichen und gesellschaftlichen Stellung verharren mögen, um die ihnen aus verschiedenen Gründe» feindlich gesinnten, sie angreifenden Elemente nicht ferner.-» reizen^ und daß zweitens aus Seiten der Verfolger der autisemitische Geist sich allgemach ausleben möge, wie alle rrligiösen und politischen Leidenschaften und Fanatismen. Rur so kann vermieden werden, daß daohnehin an mancherlei Jünglingsfchlern kränkelnde schöne deutsche Reich nicht für ' alle Zeiten in seiner Entwickelung von dieser sozialen Kraul,; heit bedrängt und in der Werthschätzung des Auslands durch seine eigenen Angehörigen herabgesetzt werde." " Wir haben schon lange nicht eine so ruhige, sachgemäß^- und darum wohlthuende Betrachtung über den Antisemiti-m»W gelesen, als es in dem hier fast vollständig mitgetheilte» Lri!' tikel des Grafen Wilding ist, doppelt wohlthuend, weil er a»S - der Hauptstadt des antisemitisch durchseuchtestesten deutsch«»' Landes, aus Sachsen, kommt. Wo man mit solcher Und«»- sangenheit und Sachlichkeit den Antisemitismus be- und ver urtheilt, kann es um unsere Sache nicht schlecht stehen. M Ditl «iltfrihr-toir. Bon I)r. Singer-Coblenz. II Es mag hier auch die liebevolle Fürsorge de- Herr»: Oberpfarrer gegen die Juden ins rechte Licht gerückt werden: Vom christlichen Staate verlangte er, außer den bereitvor. handrnen traditionellen Ausschließungen, daß er die Juden' von gewissen Aemtern ausschließe. Daß die christliche Ge. scllschast die jüdischen Mitbürger zu vielen zumeist gesellige»: Bereinigungen nicht zuläßt, denen sich noch täglich auch neue. gemeinnützige zugeseüen, dürste ihm bekannt sein, da er doch in Sachsen, dem altklassischen Lande der ,gemüthlichen" Int»»- leranz lebt, wo solche Absonderungen mehr noch wie in andere» Staaten die Regel bilden — wo sollen nun die Juden die i! angeblich unbekannte ,deutsche Sitte und Art" lernm? Und wenn diese Abschließuog, deren man gern die Juden besch! die aber thatsächlich von christlicher Seite auSgeht, eine nähere erfährt? welchen Jnde»gegenüber gflchichth

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