Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Soften de» Diellstgrwehre» die Thür ein und betrat die Wohnstub«. Der Bauer wusch sich eben die Hände, die ganz blutig waren.Al» der Bauer de» Händler» ansichtig wurde, ries er entsetzt au»: ״Ich Hab« dich ja erschlagen!"י Der Gendarm nahm sofort den Bauer fest, durchsuchte da» Hau» und fand den Sohn de». Bauers, der mit durchschnittenem Halse in der Scheune lag. Adam Gawryso wurde dem hiesigen Landesgerichte eingeliefert. goa&on» 15. Juli. TaS Handelsamt veröffentlicht den üblichen ״Jahresbericht über die Einwanderung nach England," dessen Inhalt gerade jetzt, wo Lord Salisbury diese Frage von neuem im Parlament angeregt hat, von besonderem Interesse ist, soweit wenigstens der Antrag des Führers der Konservativen sich auf eine Beschränkung der Einwanderung mittelloser Ausländer bezieht. Der Bericht widerlegt Lord SaliS- -bury's Bedenken in , fast allen wesentlichen Punkten. Statt der behaupteten fortdauernden Zunahme in der Zahl der Einwanderer hat thatsächlich eine erhebliche Ab näh me stattgefunden. So landttcn mit der Absicht in England zu bleiben, .im Jahre 1891: 12,000, 1892: 11,500, 1893: aber nur 6000 Ausländer von Osten her. Dieselben sind fast ausschließlich russische und polnische Juden, an deren Mittellosigkeit allerdings kaum Zweifel bestehen können und die sich in London zusammendrängen. In drei Gemeindebezirken des OstcndeS leben nach einer speziell vorgenommenen Zählung gegenwärtig rund 22,00 derselben meist in den am schlechtesten bezahlten Zweigen der Schneider-, Schuhmacher- und Tischler- Industrie beschäftigt. Alle Bemühungen der Londoner jüdischen Gemeinde», dieses Zusammendrängen ihrer Glaubensgenossen auf einem so beschränken Distrikt zu vereiteln, haben sich als vergeblich erwiesen. Einmal ist eS nur natürlich, daß diese der Landessprache und Sitten Unkundigen es vorziehen, inmitten ihrer Landsleute zu leben, und andererseits finden sie auch gerade in diesen Distrikten am ehesten Beschäftigung. Deu größten Erfolg aber haben die hiesigen Juden in ihrem Kampfe gegen die unter diesen Einwanderern herrschende Armuth aufzuweisen. Lord SaliSbury'S Behauptung, daß diese Ausländer den Armenbehörden Englands zur Last fallen, wstd durch solche Stattsttken zur Genüge widerlegt, daß unter den 5240 Personen, welche 1893 im Armenhaus zu Whitechapel Aufnahme suchten, nur 40 russische Juden waren. Schwieriger zu entscheiden bleibt die Frage, ob diese jüdischen Einwanderer infolge der geringen Löhne, für welche sic arbeiten, die englischen Lohnsätze herunterdrücken oder gar eingeborene Arbeiter auS einzelnen Industrien verdrängen. Die Meinungen find hierüber sehr gttheilt. Die Fabrikinspektoren und Sachverständigen des Handelsamtes sprechen sich jedoch gegen eine solche Annahme aus. ״Die fremden Juden", heißt es in dem Bericht, ״sind zumeist in der Herstellung der billigsten Schuhe, Stiefel und Kleidungsstücke beschäftigt, Artikel, welche sich zu den niedrigsten von englischen Arbeitern verlangten Löhnen nicht mehr mit Aussicht auf Profit in London Herstellen ließen und ohne diese jüdischen Arbeitskräflc wahrscheinlich vom Ausland« würden bezogen werden." LtMdon, 17. Juli. Bei Erörterung der Fremdenbill im Obechause crklätte der Premierminister Lord Roseberry in längern Rede, die Regierung könne die Vorlage nicht annehmen; rechtfettigende Gründe seien weder für den ersten Theil, detreffend die armen Einwanderer, noch für deu zweiten, betrefsend die anderen Einwanderer, vorhanden. Trotzdem nahm das Oberhaus in zweiter Lesung die Fremdcnbill mit 89 gegen 37 Stimmen an. Neueste unö vermischte Nachrichten. Magdedur». Die Hauptautorität de- Antisemiti»muS, E. Dühring, bttcht in einem neueren Auffatz mit folgenden Watten den Stab über die jetzt herrschenden Richtungen deS Antisemitismus: ״Während rin jeder, der da» Bolkswohl wirklich vertritt, ein unbedingter Gegner de» agrarischen Feudalismus sein muß, sehen wir den osficiellen Partei an tisemitiSmu», der doch auch eine BolkSpanei vorstellen will. Arm in Arm >uit diesem Todfeind de« Bottes für Anerbenrecht, Setreidemonopol, Doppelwährung. Getrcidezölle, für reaktionäre Volksschulgesetz« und ähnliche Ausgeburten der feudalistischen Unverfrorenheit und ähnliche Ausgeburten der feudalistischen Unverfrorenheit und Begehrlichkeit tämpsen. Hiermit hat dieser ParteianlisemiliSmuS einfür allemal den Stab über sich gebrochen und sich in Bezug aus vorgebliche Bolksanwaltschasten bloßgestellt." Berti«. Professor P. Förster schreibt anläßlich der Bennigsen- Feier in seinem Blatte über den ״Altteichskanzler": Einen ״Staats mann", der mit Laster, Bamberger. Bleichröder u. A. von einem Jrtthum in den andern tappt und hinterher die Schuld au» seine ״unfähigen" (von ihm selbst gewählte») Mitarbeiter wälzt, den laffen sich gutgläubige Zeitgenoffen als ״groß" gefallen, die Geschichte nicht. — (Das ist der Dank für die Vaterschaft deS Anttsemitismus! Auch da» hat der AntisemittsmuS mit der Auarchie gemein: beide führen zum Batermord!) Berlin. Ahlwardt hat den Chestedatteur der ״Dresdener Nachrichten" Dr. Max Lohan wegen verleumdettscher Beleidigung verklagt. Bisher sind über 30 Personen zu der Angelegenheit, die unt dem sogenannten ״Ahlwardt-Fnnd" in Verbindung stehen soll, kommissarisch vernommen worden. (Was wird da wieder alles an den Tag kommen!) Bettin. Der jugendliche Schachmeister Em. Laster, der kürzlich, wie wir berichtet, dem bisher unbesiegten W. Steinitz eine Nied.rlage beigebracht hat, wird am Montag, den 23. d. M. im großen Festsaale des KaiserhoseS eine Vorstellung im BlindlingSspiele geben, d. h. er wird gegen mehrere Gegner gleichzeitig ohne Ansicht de» Brettes spielen. Der Gesammtettrag ist ausschließlich für den Verein für Kindervolkskücheu bestimmt. Eintttttskatten find erhättlich im Bureau deS Kaiserhofs bei Hr. H. Abraham Alte Jacobstraße 57—59. Bettln. Dr. phil Salomon Kalischer von der technischen der Elektrotechnik. Kalischer, der aus Thorn stammt, studitte zuerst Philosophie. 1868 erhielt er von der Berliner Universitär für die Lösung einer Aufgabe über die Philosophie des AttstoteleS einen Preis. Nachdem er im selben Jahre zum Doktor promovitt hatte, ging er auf ein Jahr als Hauslehrer nach Amsterdam. Nach ferner Rückkehr von dott bezog er von neuem die Universität, um nunmehr Natunviffenschasten zu studiren. Zu seinem Sondergebiete wählte er die Physik. Hauptsächlich beschäftigte er sich mit experimentellen Studien zur Elekricitätslehre. In weiteren Kreisen bekannt geworden ist Kalischei durch seine Arbeite» über Goethenaturwistenschastliche Schriften. Man verdank ihm außer einer zusammensuffendcn Darstellung der Leistungen Goethes in der Naturforschung zwei Angaben der naturwissenschaftlichen Werke Goethes. Im Lehrfache sttht Kalischer seit 1876, wo er sich an der damaligen Gelverveakademie als Pttvatdocent hadilititte. Straßduro (Elsaß), Herr Fr. Landauer. Privatdozent an der hiesigen K. K. Universität und Bibliothekar der hiesigen Universität»- und Landesbibliothek ist wegen seiner außerordentlichen wiflenschastlichen Verdienste um die arabisch-jüdische Litteratur aus Vorschlag von Proseffor Dr. Noeldecke zum Honorar- Profesior an der hiesigen K. K. Universität ernannt worden. Herr Dr. Landauer ist ein geborener Oesterreicher. London. Die jüdische Hochschule Jew» College hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, ohne den Hochsinn der Herren von Rothschild und Karl Samuel's wü.ve sie schon längst nicht mehr bestehen können. Man beabsichtigt, dieselbe nach Lxfott zu verlegen, wenn die Mittel es erlauben. — London. Bei dem letzten Empfange am hiesigen Hose wurde Frau Samuel Montagu durch die Gräfin von Kimberley, Frau Nathaniel Louis Lohen durch Frau Douglas Powel der Königin vorgestellt. — Am Geburtstage der Königin wurde Samuel Montagu zur BaronettSwürde erhoben. Petersburg. 14. Juli. Wie die ״Nowoje Wremja" erfähtt, wird beim Depattement für geistliche Angelegenheiten fremder Konfessionen eine besondere aus einem Präsidenten und vier jüdischen Mitgliedern hgßkhende Kommission gebildet werden, welche spezifisch jüdische Religionsfragen zu entscheiden haben wird.