Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 23 (8.6.1894)
- Date
- 1894-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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legen unseres Regierungsbezirks waren bedauerlicher Weise nur 18 anwesend. Die Herren DDr. Silberstein.Wiesbaden und Landau-Weilburg, die Ehrenpräsidenten unseres Bereins, Kreisvorsteher Leopold Rosenthal, wie auch der ‘ Waiienvater H. Kaddcn aus Diez erftcuten uns durch ihre Gegenwart. Der Vorsitzende Herr S. L o m n i tz - Diez begrüßte mit einer längere» Ansprache, die mit einem Hoch auf de» Kaiser ' schloß, die Anwesenden und gab Herrn Tr. Landau das Wort zu seinem Vortrage: ״Ter Unlerricht in der Rcligionsschule nach dem Grundsätze des kleinsten Krastmaßes/ Ter einstündige Vortrag, an den sich eine rege Tebatte knüpfte, war eine in jeder Beziehung hervorragende Leistung; er war dreifach gegliedert: ׳ l. Anwendung des kleinsten Kraftmaßes beim Unterricht in der hebr. Sprache (Lesen, Ucdersetzen und Grammatik). Ter Vortragende begründete seine Forderung, daß äußerste Korrektheit .bei Erlernung der hebr. Sprache unerläßliche Bedingung sei, in so evidenter Weise, daß die seitens des Herrn Lomnitz dagegen , gemachten Einwändc für hinfällig erachtet werden mußten. Herr Lomnitz vertrat nämlich die Ansicht, daß es bester sei auf der untersten Stufe das Lesen schnell, aber ohne grammatische Regel» zu lehren, als auf den Unterricht destclben de» größten Thcil der Zeit zu verwenden, da nämlich die Eltern der Kinder, welche das richtige Lesen in der Regel ja doch nicht zu würdigen wüßten, dem geläufigen, beim Beten i» der Synagoge zur Anwendung gelangenden Lesen, den Vorzug geben. — Hiergegen machte» die Herren Tr. Silberstein-Wiesbadcn »nd W. Frank-Westerbürg mit Flachdruck geltend, das, wenig und gut bester sei, als viel und schlecht. Herr Frank hob noch besonders hervor. daß in Bettest des Religionsunterrichtes in Nastau den Eltern der Kinder kein Unheil über die Lcistungeii der Religionsschule znstehe, da dieses allein Sache der Schulinspcction sei. Schließlich wurde folgende, von Herrn Tr. Silbcrstein formnlirte These: ״KorrcktcS Lesen ist mit dem Beginn des Leseunterrichtes anznstreben," angenommen. 2. Was nun das Ucbcrseycn anbclangt, so ist dieses aus Grund des korrekt erlernten Lesens, verbunden mit Einprägung der wichtigsten grammatischen Regeln durch alle Klauen zu Handhaben »nd auch hier gilt wieder der leitende Grundsatz: ״bester $ wenig und gründlich, als viel und oberflächlich". Taster wurde auch einstimmig die These angenommen: ״Ter Ueberseyungsstost ist in korrektester Weise zu behandeln und mit grammatikalischen Uebungcn zu verbinden". 3. Tie Ausführungen des Herr» Referenten ans dem Gebiete der b 1 bl. Geschichte gipfelten in der Forderung, daß mit Zuhitfenahine einer guten Karte von Palästina ebensoviel Werth aus die Namen- und Sacherklärung, als ans die.Hervorhebung der in der Bibel so tzihllos vorhandenen ethischen Momente Rücksicht׳ zu nehmen sei. Nach einer kurzen TcbaNe wurde nachstehende These fast einstimmig angenommen: ״Ter bibl. Geschichtsunterricht ninß mit Hervorhebung der ethischen Momente in stusenmäßiger Folge mit Namen- und Sacherklärung crtheilt werden." 4. 'Schließlich hob der Redner mit Nachdruck hervor, daß es ganz unstatthaft sei, durch mechanisches Auswendiglernen ans dem Rcligionsbnchc das Gedächtniß der Kinder zu überbürden. Ter systematische Religionsunterricht soll jedoch, da er׳ aus der Schule nicht gänzlich zu verbannen sei, indem er in ethischer Beziehung zusammcnsasse, was an der Hand des Pcntateuchübersetzens gelehrt wurde und.somit den Bau des ganzen Religionsunterrichtes kröne, mit Zuhilfenahme eines Rcligionsbnches nur in die Oberstusc verlegt werden. Hiergegen machte Herr Greis-Schwalbach seine Ansicht dahin geltend, daß der Geist unserer heiligen Reliflioii nicht,durch den Pentateuchuntcrricht, wohl aber durch den ystcmatischr» Religionsunterricht in die Seele deS Kindes cinzuziehen vermöge. Tiefe unhaltbare und falsche Behauptung rief allgemetncn Widerspruch hervor, so daß die These zur Annahme gelangte: ״Ter׳ fystematstche Religionsunterricht soll nur in der Lberstuse an der Hand eines Lehrbuches ertheilt werden". _________ (Schluß Neueste unö vtrmischrk Nachrichten. Magdeburg. Aus dem. soeben erschienenen 38. Heste der ״Mittheilungen.des T. I. G. B." czilnehme» wir die erfreuliche Thatsach«, daß die Zahl der BundcSgemeinden im letzten Jahre h, um 36 gewachsen ist, und die ׳Jahresbeiträge der Gemeinde aus ',10,602 Mk. gestiegeü find, also 1232 Mk. mehr als im Vorjahre. Berlin. 6. Juni. (Or. Lorr.) Gestern Abend hielt Herr Tr. Louis LeweS an» München aus Einladung des Centtal-Vereins D. St. j. Gl. im Saale des Handwerker-Vereins vor sehr zahlreicher Versammlung einen »nt großem Beifall ausgenommenen Vortrag über ״Gabriel Rießer, ein deutscher Pattiot". (Ten Bericht in nächster Nummer.) Breslau. 3. Juni. Hie׳, starb am Freitag im 80. Lebensjahre der bedeutende Philologe Tr. Wilhelm Freund. Er war der Berfasier der an allen Gymnasien Tcutschlands vcrbreiteten Ucbcrsetzungcn lateinischer und griechischer Klassiker. In Kempen (Posen) an, 22. Januar 1806 geboren, war er lange Zeit als Gymnasiallehrer in Frankfurt und als Direktor der höheren Gemcindeschule in Gleiwitz thätig. Er galt für einen hervorragenden Kenner der alten Sprachen und besonders fiir einen tüchtigen Lexikographen. Sein lateinisches und griechisches Lexikon wird sehr geschätzt. Er schrieb auch ״Präparationen" zu mehreren Theilen der hebräischen Bibel. Ehre seinem Angedenken! Kanowitz. 31. Mai. In der heutigen Sitzung der Stadtvcrordneten erfolgte die Einführung des neugewählten Stadtraths Salomo» Wiener durch Bürgermeister Schneider, der dabei auf das große Vertrauen hinwics, dessen sich der Gewählte, solange er Bürger hierorts ist, erfreute. Ter neue Stadttath bekleide m der ihm nahcsteheudcn Religionsgesellschast das erste Ehrenamt und sei lange Stadtverordneter gewesen. Stadtrath Wiener leistete nun de» vorgeschriebciien Eid aus die Berfastung und sür die Erfüllung seiner Pflichten. Beuthcn. 4. Juni. In der Nacht zni» Sonntag wurde in die Synagoge ein Einbruch verübt. Der Einbrecher, der wohl identisch mit dem Patron sein dürste, der in Königshütte in die Synagoge einvrach, wurde indessen von dem neben der Synagoge wohnenden Gastwirth und einigen Gästen erwischt und nach der Polizei gebracht. Aus Zchirvelbein wird gemeldet: ״Zwo» zu wiederholten Male» sind von!»»gen Bursche» die Fensterscheiben in der Lnnagoge eingewurfcn worden. Am vergangenen Areiiag traf ein solcher Wurf ein Synagogensenster während des Golicsdienstes »nd zeririiminerie eS. Ueberhaupt scheint es, als ob sich die Bursche» insbesondere jüdisches Eigenthuni sür ihre Zerstörung»- wurh anseriehc» haben." (Wollen die ״tappcren Pommern" ein zweites ״Neustettin" aus Schievclbein mache»'?) Würzburg. Zum Empfang Sr. Kgl. Hohheit, deS Prinzregentc» Luitpold war am Bahnhof auch Herr Rabbiner Bambcrger anwesend und wurde von Sr Kgl. Hohheit mit einer?lnspräche beehrt. Bürzburg, 20. Mai. Karl Zöllner von Fürth, der sich voriges Jahr als Gründer der hiesigen antisemitische» Gesellschaft bemerkbar machte, veröffentlichte vor einige» Tage» in allen hiesigen Lokalblättern eine Annonce, worin er behauptete, aus dem Wege zur Post ca. 18,000 Mark in 6 Geldbriesen u. s. w. verloren zu haben: natürlich glaubt ihm dies kein Mensch. Er ist heute wegen Betrug und Ilnterschlognng verhaftet worden. Bamberg. 1. Juni. Hier hat sich ein Gcflügelzuchtverein gegründet, der dieAusiiahme von Juden ansschließt. (Möchten die Leute nicht lieber einen Mcnschenzuchtverein gründen'?) München. In der Abendsitzung des hiesigen städtischen Arinenvflegschastsrathcs vom 31. Mai führte der Stellvertreter des ersten Bürgermeisters Herr Rechtsrath Steinhänßer den von dir hiesigen israelitischen kultusgcmeindc abgeordnetcn, Vorsteher Herrn Privatier Nuß bäum als neues Mitglied init einer freundlichen Ansprache ei». Mannheim. Tie konservativ-antisemitische ״Bad. Landpost" beschuldigt Böckcl ״der lügnerischen, ehrlosen Verleumdung, jüdischer Frivolität »nd jüdischer Frechheit." Rom. 1. Juni. I» Folge des SchächtverbotS, welches in der Schwei; erlassen ist, gestatteten die italienischen Behörden den Schweizern, in Como und Luino die Errichtung von Schlachtereien, in denen nach jüdischem Ritus geschlachtet wird. Petersburg. TaS Ministeriuni des Innern hat an alle GouvcrnenrS Umlaufschreibcn versandt, in welchen erklärt wird, daß aus Grund des vom Kaiser bestätigten ReichräthSgnlachteiiS vom 24. Mai v. I. die Stadt Jalta nn Taurischen Gouvernement aus der Zahl derjenigen Ortschaften gestrichen ivorden ist, welche den Juden zum Auicnthaltsurte.-bestimmt sind! Da trotzdem die Juden sorlfahren, Jalta als Curort auszusuchen, sind" die ürtlichen Behprden gezwungen, die Heilungsbedürstigrn. aus zuweisen, weil nach den bestthendcn Gesetzen Juden nur imch Ktem zur Lur fahren dürfen. (DaS ist griechisch-kathxlische Humanität!)