Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 16/17 (20.4.1894)
- Article
- Beilage zu Nᵒ 16-17.
- Date
- 1894-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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rwwpi»n. Bettage zu Nr. 16/17 der ״Jsr. Wochenschrift". Wie«er Briefe I. Die Wiener CnltuSgemeinde Umsatz« ctn Grdie« von 19 Bezirken mit einer Familienzahl von circa 20 Tausend Mitgliedern. Lind 33 Cultusvorstcher nicht genug mächtig, um alle religiösen Bedürfnisse der CultuSgemrinde zu überblicken? . Wir besitzen in dieser groben Gemeinde 7 arößere Synagogen, die an gewöhnlichen Wochentagen und Sabbaten kaum je zwei Mrnjanim zusammenbringen, da» Segen an den Festtagen in saoüätswidriger, orfahrdrohrnder lrt derart überfüllt sind, daß kaum ein Drittel der EultuS- «meindemitglieder dem Gottesdienste beiwohnen kann. Da giebt es nur einen Ausweg! Bauet Tempel oder richtet den Gottesdienst so ein. dag in jeder der bestehenden Synagogen S oder 4 mal derselbe Gottesdienst abgehalten »erd«, wie dies bei unseren christlichen Mitbürgern der Fall ist. An Funckionären ist kein Mangel in Wien! Keine Lultusgemcinde der Weil dürste so viele vaeiereade Rabbiner, Äanurci. und Gemrindld»cner beherbergen, wie dicS bei uns der Fall ist! Wenn nun so ein Functionär io den Landgemeinden irgendwie die Last, die Bürde und Würde seine» Amte» schmerzlich verspür», so rennt er ja »it Lind und Krgel sofort nach Wien. Die Tultus- Snein de wird in Wien sich auch seiner annehmrn. Dte ulpflichtigen Linder wird ihal der Therrsientrruzeiverein bekleiden, mit Requisiten versehen und eventuell beköstigen. Den ZinS werde» ihm die Zimmerherren bezahlen. Die Allianz wird auch mit Unterstützungen nicht bei Seite stehen. Kurz, ein solcher den Chikanen der Provinziali - coltusgemeinde-Pascha'» entlaufener Funktionär findet IN . Wien noch immer seinen Zufluchtsort. Ist er krank, so unter,lützt ihn die Ehewra kadischah und da» Rothschild- Hitat rc. rc. Gelingt eS gar einem solchen Manne, bei einem jüdischen Bereine vorläustg al» Lus Hilfekraft engagiri zu werden, da werden so schnell als möglich die Bisilkarlen angeschafft, deren Titel gewöhnlich nicht ander« lauter als: N. N. Rabbiner, Prediger. Religionslehrer, Oberlantor rc. der israelitischen Gemeinde in Wien. Eine solche Lisitenkarte macht in^der früheren Gemeinde nicht wenig Aufsehen I Der hat sein Glück gemacht, heibt es dann allgemein in der Laud-Kehillr, bis endlich einmal ein ' Neugieriger Borsteher vom Lande persönlich sich überzeugt har. daß der vieldewundene Funktionär in Wien hungert und darb»; denn feint Brotgeber haben selbst einen großen Kampf um chre Existenz zu bestehen und dies« Brorgeber sind eben trotzalledrm geoöthigl einen BethauSvrrrin zu untrrhallen, um wenigstens eine Stätte zu besitzen, an der ,'man wegen Urbersüllung der großen Synagogen an den hohen Feiertagen seine Andacht verrichtet. Daß Gott sich dessen erbarme, der genöchigt ist. unter dem Regentrnstade Mcher Bethaus'vereinSvorsteher!eine Existenz zu fristen I 'Wie so einer sich räuspert und spuckt, als hält' rr'S dem EultuSvorstande abgeguckt! Der Unterschied zwischen einem solchen Fnnctionärvorsteher und einem wirklichen Gemeinde- ' repräsentantea in Wien ist sehr groß; denn gewöhnlich gehört der JuutationSoorstthrr der bescheidmen Gilde de» cbtfamtn Handwerke«,, der Greißlern und oft auch dem Trödler- und Hausirergeweibe an. Der Herr Imitation»- vckrsirher hat selbst weder Hosen auf Brot, noch Brot auf Hosen, aber regieren muß er und befehlen kann er; denn er ist ja freigewähltes Vorstandsmitglied eine» Vereins, deff.n Mitglieds-Beiträge gewöhnlich in Quoten von 25 Kreuzern monatlich bestehen. Diesem Uebelstande, diesem 'Mißbrauche muß in Wien rin Ende gemacht werden. Denn tu dieser Vereinsmeierei liegt. die Quell« für alle Lockrufe nach Individuen, die die Laudgemeiuden zerstören und unmöglich machen, dagegey in Wim erneu Platz findm, wo sie der Gemeinde und der Eomauure zur Last fallen. Wen» in einzelnen Bezirken Beihäuser eiu Bedürfnis sind, so ist die EultuSgemeinberepräsrntanz verpflichtet, für di« Unterhaltung eine» derartigen BethauseS Sorg« zu tragen; denn unter dem Deckmantel eines Bethausv.reineS werden eben in Dien Vereine in» Leben gerufen, die in jeder Beziehung überflüssig und schädlich sind und nur Veranlassung bieten, unbotmäßigen und ränkesüchtigen CultuSgemeinde- Mitgliedern einen Mittelpunkl zu schaffen, von welchem au» Separatgelüste und besondere Wünsche über Reform und Orthodoxie beffere Verbreitung und Nahrung finden. Diese Sorte von BethauSvereinrn sind der Agitationsherd für allerlei Jntrigu<n bei CulruSgemcindewahlen. Sie bilden die Cortäge für Streber und Heuchler, die mit verab» scheuenSwerten Mitteln oft das Ehrenamt eine» Wien.r EultuSgemeindrvorstrher» zu erlangen suchen» um dann anderweil'ge Ehrenstellen in der Gemeinde und später in der Commune zu ergattern. Wir sind stolz auf unsere Gcmeindevertretrr; denn dieselben rrkrutiren sich aus den besten und ehrenwertesten Mitgliedern und Bewohnern der Residenz. Sie sind unabhängig, sorgenfrei und gut situirt und dadurch oft im Stande, mit Rar und Thar di.׳,e schöne und große Gemeind« zu fördern und zu verherrlichen. Wir sürchten aber, daß eine Zeit kommen kann, in der auch andere unabhängige Elemente sich in diese ehrenwerte Külperschaft «inschleichen könnten; da׳ um wünschen wir im Interesse der gedeihlichen Entwickelung unsercr Gemeinde eine rücksichtslose uns gründliche Säuberung de» AugiaSstalleS jener Sorte von Bethausvereinen, deren Mitglieder selbst einen Existenzkampf zu bestehen haben. E» muß da gründlich aufgeräumt werden, alle drraitigen BetqauSvereine müssen cufgrlvst und deren Synagogen auf Kosten jder Gemeinde übernommen und unterhalten werden. Wir sind dann vollkommen überzeugt, daß selbst die besser silmneu Wiener Bethausvereine von selbst einsihen werden, daß die Cultusgemeinderepräsrntanz allein da« geeignetste und b.ste Forum ist, von welchem au» für die religiösen Bedürfnisse der Gemeinde gesorgt werden kann und soll. Neueste und vermischte Nachrichten. Berlin- Die bekannten Stempel-Reklamen des Stempelsabrikanten Kaiser, in denen Stempel mit Inschriften, wie: »Schlagt die Juden iobtr rc-, empfohlen wurden und die den antisemitischen Blättern beigelegen haben, erregten wegen ihres vöbelhaften und aufreizenden Inhalts allgemeinen Unwillen- Wie wir hören, hat sich die Staatsanwaltschaft von AmtSwcgen mit der Prüfung dieser Angelegenheit beschäftigt, ist aber zu dem Resultat gelangt, daß das Vergehen der Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten um deshalb nicht vorliege, weil der Verbreitung nur ein rein gewerblicher Zweck beizumessen sei. Dahingegen fand die Amtsanwaltschaft in der öffentlichen Verbreitung dieser Reklamen eine Belästigung und Beunruhigung des Publikums und veranlaßte den Erlaß eine» Strafbefehls. Gegen diesen hat, wie uns wttgetheilt wird, Herr Kaiser einen Einspruch nicht erhoben, vie mehr die Strafe bezahlt. Damit ist für die Zukunft eine Verbreitung dieser skandalösen Stempelinschristen verhindert. Altona. Mit der Frage, ob die Bezeichnung ״Antisemiteine schwere Injurie sei» hat sich kürzlich bas hiesige Schöffengericht zu besassen gehabt. In einem BeleidignngS» Prozeß zweier Kaufleute, von denen nach einem Wortstreit der eine zu Thätlichkeiten überging, wurde dieser vom Schöffengericht freigesprocheu, dagegen wurde der Kläger auf Grund einer Widerklage zu 100 M k. Geldstrafe verurteilt, weil er sich einer gröblichen Beleidigung gegen den andern schuldig gemacht habe, indem ec denselben als Antisemit bezeichnet«. In der Beschwerde-Instanz wurde auch der andere Teil bestraft, wenn auch mit einer geringen Geld» büße. «Nordhoafen, 18. April. Zu Ehren UNsrreS seit 25 - Jahren ununterbrochen hier im Amte befindliche« Lantor»