Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 16/17 (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Zum Pafiahfeft Der weise Sänger, den Deutschland freilich wehr ver. ehrt, als daß es von ihm lernt, hat es als der Weisheit letzten Schluß bezeichnet, daß nur der Freiheit und Leben verdient, der diese Güter sich täglich erobert; in diesem Sinn ist der Frühling ein Gleichniß der Freiheit; ein stetes Kämpfen und Werden und Sichentfesseln, das ist das Bild der Natur, wenn fie aus der Starrheit des Winters sich erhebt, und so kann nur der die Freiheit besitzen, der sie in jedem Moment sich erwirbt, der nie sorglos dem Genuß sich hinaieür, der immer auf der Hut ist und die zarte Knospe s»,.cmt gegen Frost und Sturm und Regenschauer. Die Völker, die ihre Unabhängigkeit wie' einen unbestrittenen Besitz angesehen haben, von denen lehrt die Geschichte, daß sie rasch von grausamer Enttäuschung betroffen worden sind; auch wer seine persönliche Freiheit wahren will, wem seine Selbststäudigkeit ein kostbares Gut ist, wer nicht tragen mag das Joch der Menschen, oder der Tagesvorurtheile, der thut wohl daran, niemals auszuruhen und durch rege Arbeit diesen höchsten Preis zu verdienen. Der Friihling bringt karge Gaben, wer sich an Knospen und Blüthen nicht zu ergötzen vermag, der geht leer aus bei all der Herrlichkeit der auferstandeuen Gottesschöpfung und faßt nicht der Sänger hochtönende Worte, die sie begeistert dem Frühling weihen. Nicht anders ergeht es der Freiheit; wem sie nicht das karge Mahl würzen kann, daß er sich reicher und glücklicher fühlt, als der Sklave bei üppigem Lebensgenuß, wer nicht vereinen kann חירות und •״ ,לחס עוגdie Freiheit- und das ״elendeBrot»-» der hat das Paffahfest nicht begriffen. Wie viele führen das herrliche Wort im Munde und denken nur an die Fülle der Güter und meinen, die Freiheit sei ein Baum, an dem die goldenen Apfel wachsen, die mühelos jedem in den Schoß fallen, der sich unter den Schatten des Baumes niedcrlegt. Da hat die weise Satzung Israels das Passah in den Frühling gelegt, daß die Natur selbst über das Fest uns austläre und melde: wie nur die reinen und hochgestimmten Seelen die rechten Frühlingsfreuden empfinden, so seien auch die FreiheitSwonnen nur das Erbtheil der Edlen, die Höheres kennen als irdffcheS Genießen. So mannigfach ineinander geschlungen ist dar Wesen dieses Festes; geschichtliche Erinnerung und Freude an der aufblühenden Schöpfung ergänzen und erklären sich gegenseitig und regen zu immer neuen Betrachtungen an, und unendlich wie das Weltmeer erscheint uns die heilige Satzung, daß Jeder, der niedertaucht, hoffen darf, Perlen an die Oberfläche zu tragen. Aber — so könnte man fragen — was ist denn an unserem Frühlingsfest Besonderes? Ein Naturfeft im Frühling«zu feiern, das war bei allen alten Böllern Sitw, in Zeiten, wo die Menschen weit mehr als heute mit der Natur gleichsam verwachsen waren, wo der Ackerbau die vorwiegende Beschäftigung war, da war ein festlicher Gruß an den Frühling geradezu selbstverständlich; jedoch das ist gerade da» Lerdienst der jüdischen Satzung, daß da» Passah;war den Charakter des' RatursesteS nicht aufgegeben 7, hat; aber dis Natur selbst wird dem Israeliten nur das j Symbol einer höhern Idee, das׳ Frühlingsfest wird hinauf- 1 gehoben aus dem Reich der Natur in da» Reich des Geistes, und die Geschichte und die R atur, diese beiden Offen» barungen Gottes,- ranken sich um den erhabenen Begriff der r . Freiheit. , " . Tiefsinnig ist hierüber die Betrachtung der Alten:. ,. ״Als Gott die Welt erschuf, da wurden feierlich von ihm > ausgezeichnet die Anfänge der Monde und der.Jahre; als er Jakob und seine Söhne sich erwählte, da wurde der Be- ';׳ ginn des Frühlingsmondes erkoren alder Neumond der Erlösung.' Was heißt das anders, als daß das Passah- ר fest der Israeliten neu und eigenartig sich abhvb von jeder FrühlingSfeier der Heiden, indem sie ihre Hymnen sangen nicht nur dem Gotte, der den Pflanzenkeim in die Erde ge- ' > legt' hat, sondern auch dem Gotte, der den Trieb zum Höchsten und Besten dem Menschen in die Seele gepflanzt hat, der ihn zur Unterscheidung von allen andern Geschöpfen zur Freiheit bestimmt hat. Die Heiden, die den Menschen von der Natur nicht trennten und fast nur ein physisches Dasein deffelben kannten und achteten, feierten ausschließlich Naturfeste; Israel, daan de Spitze seiner heiligen Bücher das Herrschaftsrecht de» Menschen über die andere Schöpfung stellt, feiert Geistesfeste; das lehren uns die Alten mit ihrem kurzen und kernigen Satze. Wenn nnr diesen vielumfassenden Gegenstand betrachten, da wird es uns kaum auffalle», daß die Weisest» obschon wol vertrant mit allen geschichtlichen Daten, mit allen Bräuchen des Passah dennoch bis Tagesanbruch darüber redeten, ja wir werden e» verstehen, weim, wie es in der Hagada heißt, die Thora in ficherm Siegerbewußtsein auch den böswilligen Frager zu sich herruft, venrauend, daß fie ihn umstimmen und der Heilslehre wieder gewinnen werde. Wir leseu es - in der Hagada: »Gepriesen sei der Allgegenwärtige, - gepriesen, der seine Lehre den Israeliten gegeben hat! ' Zu vier Söhnen spricht die Thora, einer ist der Weffe, der zweite ein Bösewicht, der dritte ein Einfältiger und der letzte, der weiß nicht einmal eine Frage zu stellen. Der Weise fragt: »Was bedeuten all diese Zeugnisie, Satzungen und Rechte, die der Herr euch befohlen-; der Bösewicht fragt: »Was frommt euch diese Arbeit?- Der Einfältig« aber fragt kurz: »Was ist das?- . ׳ Zu vier Söhnen spricht die Thora: der Bösewicht, der zu der eigenen Geringschätzung des alten heiligen Braucheauch noch die Verhöhnung der Frommen und Treuen hinzufügt, <r kann sich selbst ausschließen von der Gesammtheit, aber er wird von der Thora nicht ausgeschlossen, auch er gehört zu ihren »Söhnen-, auch zu ihm wendet sich die Thora und will ihm den scharfen Zahn stumpfen, mit dem er am Heiligen nagt, durch den Hinweis auf da- Wesen der Erlösung. - . Zuvörderst aber gehört der Weise zu ihrer Familie . Freilich wird dies heut von Bielen nicht zugegeben. ' Denen ist die Religion noch gerade gut genug für die große Masse der Einfältigen, während die ״Gebildete«' — und da» si»d bekanntlich noch nicht die Weisendie' ihre fertige Weis-