Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1894)
- Issue
- 10 (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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77 Pflegerinnen «uttzubilden und eine Lentralstelle zu unterhalten, von welcher au» die Leitung und Su»bildnng der Pflegerinnen, sowie der Berkehr nach außen geregelt wird. Der Verein f will auch den Pflegerinnen selbst die Sorge für die Zeit de» » Alter» oder der Arbeittunfähigkeit abnehmen. Zm Erreichung dieses humanen Zwecke» wendet sich der Verein an alle edle GlaubenSgenosien um Beiträge zur Unterstützung und Förderung. Da» Eomitee besteht au» folgenden Damen und Herren: Julie Sters» »1-Ltebermaun, Louis k a ch », Sladtveroid., Malhild« Behren», Zerlinr kiseumau». Frau Dr. Aranti, Clara FiiedlLnder, Rena gstnsderft, ge» Walff, Anna Meyer-Bersan, tmma Jo ff», Ton, Lieb ermann, Kran Dr. F. Liebermann, Benho Mannheimer, Clara Nalhorff, Hermine Nathenau, Rosa Sa»», aed. Eintdera, Frau Dr. Seiften, Krau Proseffor Dr. Julius Solff, «anllälsralh Dr. Jul. Blumenihal, Geb. San. Rath Dr. Jul. Boa«, Rechisanwalt Dr. Heinrich Meher-Lohn, Dr. James Israel, birta. Arzi, «eh- Sanit. Narb Dr. M. Ntrstein, SanilLlsraih Dr. Jul. Lazarus. dirig. Arzt. Mort» Manheimer, «eh. Sanil. Rath Dr. Marcus», Alber! Philipp fitttr, Steh. Medici»al-Raih Prof. Dr. H. Senator, SanilLlsraih Dr. M. Wieseuthol. Berli», 5 März. Der »Verein zur christlichen Für׳ sorge für jüdische Proselyten' feierte Sonntag sein 58. Jahre»׳ fest. »Au» dem Bedürfniß heraus entstanden, schreibt salbung»- voll die «Kreuzztg.', den um ihre» Glauben» willen verfolgten (?!) oder sonstwie (?) in Not geratenen Christen au» Israel materiell« Handreichung zu thuu, hat der Verein seit seinem Bestehen still in kleinem -reise mit Segen gewirkt. Nicht zum Wenigsten ist er seinen Pfleglingen auch ein geistlicher Freund und Berater gewesen. Seine treue und geduldige LiebrSarbeit ist wohl der Beteiligung christlicher Freunde werth.' — Die pharisäische Gesinnung der ,Kreuzztg.' ist sattsam bekannt; aber ein solche» Uebermaß von Heuchelei babrn wir dem Blatte deunoch nicht zugetraut. Ist e» nicht gerade die .Kreuzztg.', die mit dem Stöcker'schcn ,Volk' uno dem Ahlwardtmouiteu: darin wetteifert, gerade die getauften Juden mit antisemitischen Rohheiten zu überschütteo? Ist fie e» nicht, welch« eine wahre Herzensfreude darüber empfin det, wenn sie feststellen kann, daß der Großvater oder der Urgroßvater eine» ihrer Gegner Jude war, und sich nicht scheut, den Enkel wegen de» Glauben; seiner Vorfahren zu verfolgen? Da» ist wohl die »treue und geduldige Liebcsarbeit'» von der die ״Kreuz-Ztg.' spricht? Berlin, 6. März. In einer »konservativen Volks- Versammlung', die gestern Abend bei Buggenhagen statlfand, härmte sich der ehemalige Hofprediger St ücker darüber, daß »man au den Stellen, für die man gekämpft, keinen Lohn u. Dank gesunden Hab«.' Allerdings schlimm für Jemanden, ber immer mehr einsehen niuß, daß er aus eigener Kraft politisch nicht» leisten kann. Von dem, was der Hofprediger aller Deutschen sonst noch vorbrachte, intereisirt un» seine Behavptung, Erwin Bauer, der bekannte leipziger antisemitische Redakteur a. D-, habe enge Beziehungen zum Reich»- - - kanzler; »offiziöse Antisemiten wolle man haben, aber keine konservativen Antisemiten-. (Er wird wohl den Alt- Reichskanzler gemeint haben, vom Grafen Laprivi glauben wir e» nicht.) MLssch»«. 28- Febr- In der heutiften Sitzung de» PetitionSauSschufle» kam die Schächtfraae wieder zur Sprache. ES lagen 5 neu« Petitionen für Erlaß eine» Schächtverbot» vor, ««»gehend von den antisemitischen Bolkrvereiuen in Würzbura. Nürnberg und Haßfurt- Referent Dr. Frank beantragt, diese :׳Petitionen durch die Beschlußfassung vom S. Februar für erledigt »u erklären. Dieser Antrag wird angenommen. Der Redakteur Geißler he» antisemitischen »Deutschen Volk»-׳ blatte«' in München, hat neuerding» eine 2t Seiten starke Petitiou tu der Schächtfraae eingereicht. Er petitionirt, daß die Dhtere vor dem Schächten zuerst betäubt werden sollen und entsprechende gesetzliche Bestimmungen zu erlassen seien. Referent?Mnalysirt die Petition.« die iw ersten Tbeile sich mit der Borderritung de» Schächten» befaßt. Diese Vorbereitungen, behaupte Geißler, seien unbedingt Lhierguälereien. Mehrere Rabbiner (?) selbst da» Schächten al» Lhierquälerei -erklärt- Der kt wird in der Petition au»führlich geschildert Der der jüdsschen Schlächtwetbod« sei. da» Blut möglichst au» de» Körper zu «Manen, da der Jude Blut | 8 nicht genießen dürfe, weil er dnnimmt. daß im Blut da» Leben liege. Petent ftitissrt sehr ausführlich die Gutachten derjenigen, die da» Schächten für keine Lhierquälerei halten. Er de zeichnet diese Anschauung für einen wissenschaftlichen Skandal. Ein Verbot de» Schächten» sei vom Humanitären Standpunkte au» u erlassen. Die Juden wohnen al» Gäste unter im», sie baden a« Gastrecht mißbraucht. Referent Dr. Frank macht dazu folgendeBrmerkungcn. Er sei jüngst in der Versammlung de» antisemitischen Volksoerein» gewesen und habe dort 1000 Mkal» Preis auigesebt, wenn man Nachweise, daß er oder seine Vorfahren Juden gewesen seien: der Beweis steh« noch au«. Petent behaupte, daß in der Schrift nicht» vom Schachten vorkomme. Das sei nicht richtig- Im Lalmud find Vorschriften enthalten, die Mose» mündlich'erhalten hat. und die sich auf da» Schächten beziehen- Der Talmud ist für den Juden so wichtig(?!) wie die Schrift selbst Ja der Thora ist 40 Mal vom Schachten die Rede Petent habe sich auf die Rabbiner Stein und Stern berufen: diel« seien keine Autoritäten für die rechtgläubigen Juden. Alle Rabbiner Deutschlands haben wiederholt und encrgisch in einem Gutachten erklärt, daß da» Schächten eine religiöse Vorschrift ist- Da» Schächten ist so alt wie da» Judenthum. Wa» da» Schächten selbst anlangt, so bemerkt Redner, daß e» unrecht sei zu bebauvten, der Jude habe kein Mitgefühl für da» Thier. Die Juden sind nach dem Lalmud verpflichtet, dem Thiere die größte Sorge zuzuwenden. Der Jude wird niemals Lhierquälerei treiben. Die Juden sehen daraus, daß bei dem Schächten keine Quälereien Vorkommen Die geringste Verletzung macht da» Thier für den Juden ungenießbar. Dr. Frank theilt nun mit, wa» er neulich im hiesigen Schlachthofe wabrgenommcn. Da sei ersichtlich gewesen, daß keine Quälerei vorkomme. DrrSchächtakt ging schnell von statten. Wenn alle Vorbereitungen getroffen sind, kann keine Grausamkeit eintrercn. — Nun soll das Thier lange bei Bewußtsein bleiben- Die größten Gelehrten bestreiten da». Professor Dro. Boit und Geheimratb Dr. v. Pettenkofer hier sind von Dr. Frank befragt worden- Drv- Voit bat sich die Schlachtarten rm Schlachtthos angesehen und sagr. daß die Bewußtlosigkeit nach dem Akte de» Schächten» sofort eintreten muß. Geheimrath v- Pettenkofer meinte, daß ein Ochse wohl keine Todesangst haben könne, e» müßten das feine Ochsen sein. Bei den anderen Schlachtarten lasse sich viel eher Thierquälrrischcs derauSfinden. Herr Geißler kann für seine Anschauung nur zwei Gutachter ansühren. denen 230 Autoritäten auf diesem Gebiete entschieden gegenüberstehcn. Geißler weist auf die Schweiz bin: dort sei man aber nicht gegen das Schächten, sondern gegen die I u d e n vorgegangen. In Sachsen sei allerdingdas Betäuben gefordert, die Gutachten seien merkwürdiger Weise von der sächsischen Regierung nicht oerösteutlicht worden. In Oesterreich sei vor Kurzem ein Anttag, das Schächten zu verbieten, adg e l eb n t worden. Da die Juden bei uns Bürger seien, so seien wir vervflichtet, fie in ihren religiösen Rechten zu Ichützen und deshalb beharre er ans seinem Anttage, die »Petition Geißler' adzulehnen- Solle sic an'S Plenum gebracht werden, so sei der Anttag mit hiuüberzugehen. über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Korreferent Löwen stein schlicht sich den Ausführungen des Referenten an- Die ftühcren Petitionen seien sachlia» gehalten Abg. Frickbinger: Wenn 230 Fachmänner sich ausaedüngen entsprungen, die zu fördern wir keine Veranlassung haben Vorsitzender Reindl bemerkt, daß jedem AuSschußmitgliede die vorliegenden Gutachten zur Verfügung ständen- Er giebt interessante Stellen aus dem neuesten Werk« de» Hoftat Professor» De mbo bekannt, der da» Schächten für die humanste, rationellste und emvfthlenSwertdcste Schlachtmethode erklärt. Ministerialkommiffär OberregieruagLrath Hörmanu: Der Standpunkt der Regierung sei seit der Sitzung vom S. Februar kein anderer geworden. Sie könne der Petition keine Folge geben- Dem Reichstage liege ohnehin ein ähnlicher Anttag vor, da» Schicksal derselben sei adzuwarren- Für die Regierung seien die vielen Autoritäten maßgebend, nicht aber die von Geißler angeführten zwei. Die Regelung de« Schlachten» sei übrigen» Sache der äußere« Polizeibehörde. Gegen erwaige Mißstäude beim Schächten habe dir SlaatSregierung längst schon Verordnungen erlassen, ein weiteres Vorgehen sei durch nicht» veranlaßt. Reftreut Dr- Frank beantragt auf Grund der Lerhaudlungen, die Petition für nicht geeignet zur Erörterung im Plrnum zu erklären, obgleich erversönlich gar niäitt dagegen hatte, wenn die Sache im Plenum besprochen würde. Spreche aber der Ausschuß ein schärfere» Urtheil durch Ablehnung der Petition