Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 47 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„Meine amtlich« Thätigkcit tu diese» fftnfiig Jahre» läßt i» wenige» Lorten fich darstell«».. Ich war 2'/, Jahre Rabbiner und Prediger in Rednitz in Böhmen« hentr vor SO Jahres, am Sedadda» L«ch-Lfccha, hielt ich daselbst vor der zahlreich versatmarltr» Gemeind« meine Antrittsrede. Ich war deshalb al» der beste deutsch« Redner anerkannt, weil vor mir gar kein deutscher Redner dott fungierte. Meine BorgSnger waren gute Rabbi'« aber auch Thasanim von der alten Schule, letztere mochten gut gesungen haben, die ersten aber konnte« nur den Jargon spreche». .Die Reduitzer Gemeinde war zu jener Zeit bedeutend, zahlte gut, verlangte wenig und zählte unter ihren Mitglieder» einige fein gebildete Leute, die den hageru jungen Mau» mit dem blaffen Gesichte, den langen Haaren und den unvermeidlichen Augengläsern» pm im .da« neue Licht* nannten. Ich wurde liebevoll und nachsichtsvoll von meiner Umgebung, selbst von den christlichen Beamten, Geistlichen und Bürgern behandelt, wofür ich ihnen noch lankbar bin. ES fehlte mir nicht« als Gemütsruhe, und die konnte ich daheim nicht finden. .ES war Nacht unter der Herrschaft de» Fürsten Metternich »nd dev absoluten Scepter« der Habsburger. Grabesruhe herrschte in allen, so auch in den jüdischen Gemeinden. Dazu kam noch meine Einbildung, daß keine Aussicht a»f Sefferung vorhanden war. Ich wollte hinaus in die weite Welt, gleichviel, wohin. In einem Antiguarladen tu Prag fand ich eimge vierzig Bände englischer Bücher und darunter amerikanische Zeitschriften au« de» Jahren 1775 und 1790. Diese Lectü.e bestimmte mich, nach Amerika auSzuwauderu. .Im Juli 1846 kam ich in Rew-Aork an, ein ungekannter und ungenannter Fremdling mit Frau und Rind. Ich hatte nur das voraus, daß ich die Sprache, dir Geschichte und Geographie, die Sitten und die Regierungsform de« Laude« deffer kannte als andere Einwanderer. Zu meinem nicht geringen Erstaunen fand ich rasch sehr viele Freund«, die, wie der verklätte Dr. Lilienthal, mir und den Meinigen brüderlich tulgegenßtkonimeu. Letzterer schictte mich nach New Haven und Syracuse, neae Synagogen einzuweihen. Auf dem Wege nach Syracuse predigte ich in Albany, wo Herr Mose» Schloß — jetzt in Rew-Aork — Borsteher war. Auf dem Rückwege predigte ich noch zwrimal in Albany in der B«th-El-Synagogr an den beiden Rosch Haschanah-Tagen. De« Abend« wurde ich einstimmig als Rcbbiuer der Gemeinde gewählt. Am Kol Ridre-Abend predigte ich die Antrittsrede. Gleich nach den Feiertagen gründete ich die erst« hebräisch-englische Senile in Amerika, in der auch die deutsche Sprach« gelehrt wurde. Schüler dieser Anstalt nud jetzt hervorragend« Männer und Frauen in verschiedenen Städten dr» Landes. dem .Obwohl ich sofort mit meinen reformatorischen Ideen Publikum mich vorstellte und so meine« Amte» waltete» giug doch alle« sehr gut. Umgeben vou einem Kreise von Freunden, wie noch selten ein angehender reformatorisch gesinnter Prediger sie besaß, wurde mir Albany eine theure Heimat, ich lieble die Gemeind«, wie da« neue Vaterland, .Im Frühling 1850 wurde ich i» Tharleston in gleicher Eigeuschast in der Reformgemcind« gewählt. Meine Freunde iu Albans ließen mich nicht fnt. Ich mußte am Peßa ch mich wieder wähle« laffen. Zu gleicher Zeit wurde «in Borsteher gewählt, der meiuen reformatorischen Bestrebungen unhold war, und der Tonflift war unvermeidlich. Da« fühtte endlich zu einem erbitterten Kampf in der Gemeinde, der am Rasch Ha schon ah in der Shuogoge in Thätlichkeit au«- «tere. Die Synagoge wurde von der Polizei geschloffen. SechSuudzwoazig meiner Treuen, darunter die Mehrzahl der Vorstandsmitglieder, mit dem ganzen Thorpersonal feinten den zweiten Rosch Haschauah-Tag in «einem Hause — e» war fu traurige Zeit — und Tag« darauf gründete« sie die »sche Gmeth Reformzrmeiod«, der fich rasch viele Andere schloffen. „Rach JahreSfttst hatte die neue Gemeinde eiue große- Lapttstrnktrche nebst Orgel «nd Famtlirnfitzer. käuflich erwarb«« und feierlichst eiugeweiht. Da« war dauu die viert« ausgesprochene Reformgemeiud« in Amerika. Die Kämpfe, die zu diesem Stege geführt, machten einen ttefen Eindruck auf daT gesammtr Judentum «nd erweckte» die reformatorischen Ideen jm ganzen Land«. .In der Treu« meiner Freunde fand ich reichlichen Ersatz für die Bitterkeit de« Kampfe», und e» ging wieder Alle« recht gut. Ich wohnte in Frieden und Liebe unter meiuem Bolle.. Da pochteEinciunati an meine Thür,erwählte ich ohne mich persäolich zu kennen einstimmig und lebenslänglich. Ich konnte i» Albauy nicht» mehr leisten, e« war olle» fettig. Ich hatte große Pläne t« Kopfe, die in Albany unausführbar wäre», und so nach einem harten Kampfe übernahm ich den RabbiuatSposten in der Lene - Jeschorun- Gemeind« im Herbste 1853 und trat da« Amt definitiv an am 26. Apttl 1853. »Gleichzeitig erschien mein erste« Buch: Hiitory of tbe Israelitüh Nation und im Juli erschien der „lsraelitv", da» erste jüdische reformatottsche Organ in der euglischen Sprache. Sin Jahr später erschien die .Debora." »Und hier bier ich noch. Ich bin zwar währeod der Zeit in drei anderen Gemeinden gewählt worden, konnte aber nie die Einwilligung der Bene» Jeschuruo - Gemeinde erlange» einen jeuer Posten anzunchmen, und so bin ich noch hier. Die hiesig« Gemeint« war damals zwölf und ich al« Rabbiner elf Jahre alt. wenu nicht für einander, so find wir doch gleichzeitig mit einander geboren worden. »WaS ich hier gelitten und gesttttten, geleistet oder verschuldet habe» ist Gegenstand der Geschichte von drei Generationen, die meiuen Freunden und Gegnern hinlänglich betannist. Ich kann blo» folgend« weniger bekannte Date« hinzufügeu: In diesen nahezu vierzig Jahren Hab« ich in Friede« und Einttacht in der Bene-Jeschurun-Gemeinde gelebt ohne Kamp' und ohne Zwiespalt. Wenige Männer meine« Staude« können fich rühmen in ihrer Gemeinde tttueu und wärmere Freund« zu besitzen. Alle Borstehrr und Vorstandsmitglieder, ja alle Mitglieder der Gemeinde waren immer meine persönlichen Freunde, denen ich mit warmen Herzen angehötte, und alS die lieben Meinigen bttrachtete. ES ist eia seltene« BerhältniS, da» zwischen un« beständig und andauernd bestände» . hat, vierzig Jahre lang. »Ich habe nie nach Ehre, Ruhm und Ansehen, nach Besitz uud Reichtum ein Verlangen empfunden, ja ich war nicht einmal bestrebt, Freund« zu gewinnen, ein mir selbst unverständlicher innerer Drang zwang mich — oft sogar gegen meinen Willen das zu thun, wa« ich gethan oder unterlasse» Hab«. Püuktlich« Erfüllung meiuer Amtspflicht, da« zu sagen und da» zu thun, was ich sagen und thun mußte, da» in dir Welt hiuau» zu rufen, wa» Herz uud Geist mir bewegte, war meine einzige Sorge. Wunderbarer Weise hat gerade diese« sorglose impulsiv« uud fteimütig« Handeln mir so viel« aufrichtige Freund« erworben. Darum kann keiner e« mir »er- 1 argen, wenn ich fest glaube» daß eine höhere Borsrhung mich^ geleitet — mein verstand hat e» sicherlich nicht gethan» mriar Gelehrsamkeit auch nicht — eiue höhere Vorsehung mich gedrängt hat, da» zu leisteu, wa» ich eben geleistet habe, mir die Herzen gewonnen und den Geist erleuchtet hat. — Ich habe de» Drang gefühlt mich auSzusprechen, au dieser Grenz« eiue fünfzigjähngeu Schaffen«, dem Allmächtigen zu danken für Gnade, und e» der Welt zur Belehrung zu verkünd». Schwachen im Glaube« zu stärken, die Saumseligen zur fttft That zu ermuntern, den Herrn der Heerschaaren zu preise» seiner Gnade uud seiner «eise» Führung." glich«II: Ke» Pedro n) sei« jüdischer »i,t»er. Erzählirug au» de« t«. gahrhmidert. sstortsetzung) ».ZemltnSty. — Künftl, Jechre i» Staife M Zu» von Ae». Zsaoe vis«. RchMtnr» I>r. »ab wer Magdeburg. Druck Friedrich Rasche A Cr. Madeburg. Verlag Robert Hrt