Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 43 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 170 — Lin Jeder schwingt sich ans sein Nosi. De» wiehert nnd stampft «ft den Hufen, „ 8ft reiten hinan» in dt« klirrend« Bett, Und di« Trompete» rufen. Die retten gut, fie schlagen gut, Sie habe» auiigefchlase». Der Kaiser hält ei» strenge» Gericht, Er will die Mörder bestrafen — Di« Mörder, die gemenchett «inst Die teure, wundeisame» Goldttxkigt« Jungfrau Germania I — Sann«, du klagend« Flamme I Wenden wir unS zu Heine'S Profawerkeo, so stehe» die .Rrisebilder" gebührend an der Spitze. Gleich deren erster Teil, die köstliche, ewig junge .Harzreise' ist von deutschnationaler Gesinnung erfüllt — man muß fie nur zu lesen «iffen. Mitten in einer Spottred« über die Rechtschaffenheit der Deutschen gegenüber denselben Fürsten, die fie so oft mit Füßen getreten und bis auf» Blut aukgesaugt haben, lesen wir die wahrempfundenen Worte (I, S. 16): .Andere Völker mögen gewandter sein und witziger und ergötzlicher, aber keine» ist so treu wie da» treue deutsche Volk. Wühle ich nicht, daß die Treue so alt ist wie dir Welt, so würde ich glauben, ein deutsche» Herz habe fie erfunden." Au» dem Jahre 1822 stammen dir »Briefe au» Berlin", die ebenfall» in die „Reisebilder" aufgenommen find. Da findet sich (l. S. 178) eine Stelle, dir gleich der schon oben angeführten als eine im Voraus erfolgte Abfertigung der heurigen deutfchtümeladen Heine-Lästerer bezeichnet werde» darf. Der Dichter schreibt: „Ich merke,mein Lieber, Sie sehe» mich etwa» sauer an wegen de» bittern, spottender Tone», womit ich zuweilen von Dingen spreche, die andern Leuten teuer find und teuer sein sollen. Ich kann aber nicht ander». Meine Seele glüht zu sehr für die wahre Freiheit, al» daß mich nicht der Unmut ergrelfen sollte, wenn ich unsere winzigen, breitschwatzenden FreiheiGhelden in ihrrr aschgrauen Armseligkeit betrachte; in meiner Seele lebt zu sehrLiedefür Deutschland und Verehrung für deutsche Herrlichkeit, al» daß ich einstimmen könnte in da» unfinnige Gewäsch« jener Pfennigmenschen (sollte Heine schon den 20—25 Pfennig-Redner Ahlwardt geahnt haben?!), di« mit dem Deutschtum kokettieren." Da» ist alle» ohne Abänderung auch nur eine» Buchstaben» geeignet zur kurzhändigen Erledigung de» heutigen „unfinnigen Gewäsche»" der Anti-Heine-Schreier. Wie ernst e« Heine mit allem ist, wa» unsere nationalen Güter betrifft, da» zeigt sehr deutlich seine Klage darüber, daß der deutsche Geschichtsschreiber Echottky seine „Zeitschrift für Vergangenheit und Gegenwart" in Posen herausgeben muß. Er sagt in dem Aufsatz«: „Ueber Polen" (I, S. 209):„Man muß im wirklichen Deurschlaud leben, wenn man mit einer Arbeit beschäftigt ist» die ein gänzliche« Versenken in deutschen Geist und deutsches Wesen notwendig erfordert. Den deutschen Altertumsforscher müffen deutsch« Eichen umrauschen. E» ist zu befürchten, daß der heiß« Enthufiarmu» für da» Deutsch« fich in der sarmatischeu Luft abkühle oder verflüchtige. Möge der wackere Schottky jene äußere» Anregungen nie entbehren, ohne welche keine ungewöhnliche Arbeit gedeihen kann. G» betrifft diese eine unserer heiligsten und wichtigsten Angelegenheiten, unsere Geschichte." - Wer hier nicht fühlt, daß Heiu« mit allen Herzen»fasern deutsch empfand, dem ist einfach nicht zu helfe«, der will de» wahren Sachverhalt nicht erkennen. Äne Empfindlichkeit, ja Reizbarkeit de» deutschen Natioaalgefühl», wie fie selbst heute selten sein dürfte, bekundet Heine in einer Bemerkung de» »Italien" betitelten uud atB dem Jahre 1828—29 stammenden Teile» der „Reis.ebilder" (II., S. 21): „Hl» ich vorigen Sommer in den gläuzenden Konzertsälen der Londoner fashionablrn Welt diese Tyroler Sänger (die Geschwister Rainer), gekleidet iu ihre heimatlich« Lolktztracht, da» Schauzerüst betreten sah, nnd von da herab jene Lieder hörte, die in den Tyroler Alpe» so rein uud ftomm gejodelt werde«, uud auch iu» norddeutsche Herz so lirblich hinabklingen — da verzrrrte fich alle« in meiner Seel« zu bitterem Unmut, da» gefällige Lächeln vornehmer Lippen stach mich wie Schlangeu, e» war mir, al» sähe ich die Keuschheit de» deutschen Worte» auf» Roheste beleidigt und dir süßeste» Mysterien de» deutschen Gemütileben» vor fremdem Pöbel profaniert. Ich habe nicht mitklatschen könne« bei dieser schamlosen Berschacherung de» verschämtesten ..." Ich ftage: Hat Heine deutsch empfunden oder nicht? Man könnte gegenüber dem Angeführten wohl eher die Frage aufwerfen: War Hein«'» deutsche» Nationalgefühl nicht in manchen Punkte« überreizt? An einer anderen Stelle de» Buche« „Italien" (II., S. 98) lernen wir Heine'» Swlz auf den Reichtum deutschen Geistesleben» kennen: „Al» Eaodido nach Eldorado kam, sah er auf der Straße mehrere Buben, die mit großen Goldklumpen statt mit Steinen spielten. Dieser Luzu» macht« iha glauben, e» seien da» Kinder de« König», und er war nicht wenig verwundert, al» er vernahm, daß in Eldorado die Goldklumpen ebenso wertlos find, wie bei un» die Kieselsteine, und daß die Schulknaben damit spielen. Einem meiner Freunde, einem Ausländer, ist etwa» Aehnliche» begegnet, al» er nach Deutschland kam und zuerst deutsche Bücher la», und über den Gedankenreichtum, welchtn er darin fand, sehr erstaunte; bald aber merkte er, daß Gedanken in Deutschland so häufig find wie Gold» klumpeu in Eldorado, und daß jene Schriftsteller, die er für Griste»prinzen gehalten, nur gewöhnlich« Schulknaben waren." Auch' in dtesem Falle könnte wohl eher von einer Uebertreibung de» deutschen Selbstbewußtsein» als vom Gegenteil die Red« sein. In der langen Reihe von ursprünglich einzeln erschienene» Schriften, die Heine dann unter dem Gesammtitel „Deutschland"' zusammengefaßt hat. sowie in dem Buche über Börne und in de» „Vermischten Schriften" begegnen un» eine solch« Menge von Ausführungen, die Heine'» deutsche» Nationalgefühl bekäftigen, daß ihre auch nur annähernd vollständige Zusammenstellung ei» kleine» Buch fülle^würden. D«»halb verweisen wir auf diese jetzt so billig gewordeuen Werke selbst und schließen diese kleine Blütenles« mit zwei dazu besonder» geeigneten Stellen. In den „Gedanken nnd Einfällen" nennt er da» deutsch« Volk (VIII., S. 196) „da» tapferste und gelehrteste Volk, ein Volk, da» auf tausend Schlacht- ' feldern seinen Mut und in hunderttausend Büchern feinen Tieffinn; bewiesen hat, ein Volk, deffen brriteBrust mit glorreichen Narben ' bedeckt ist und über deffen Stirne alle großen Gedanken der Welt dahin gezogen uud die ehrwürdigsten Furchen hinterlaffen haben!" Und endlich au» dem 1834 veröffentlichten Buche „Zur^ Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" noch)i eine Bemerkung darüber, „welche Bewandtni» e» hat mit der La »' kleineruug und Herabsetzung Deutschland»", deren fichHeine „bau Ausland« gegenüber schuldig gemacht haben soll." Er sagt (HI./, S. 4): „Aeußerte ich mich in meinem Unmut über da» a l t v, offiziell« Deutschland, da» verschimmelte Philisterland — da» aberJ' keinen Goliath, keinen einzigen große» Mann hervorgebracht hat -» so wußte man da», wa» ich sagte, so darzustellen, al» sei hier dta Red« von dem wirklichen Deutschland, dem großen geheimnisvolle», sozusagen anonymen Deutschland de» deutschen Lotte», de» schlaf«»» > den Souveränen, mit deffen Szepter und Krone die Meerkspielen." Hier wird e» wohl für jeden deutlich, um wa» e» fich hau» delt: Hein« weiß eben, daß Nationalgefühl haben heißt: Gefühl für seine Nation, d. h. für sein Bolj^haben, nicht aber mit .national" klingenden, hohlen Rrdenstckkten Lhauviai«mn«, Dünke! gegenüber anderen Völkern, Rassenhaß, kurz alle» da» brmä» wa» heute da» Wesen der gegen da» Heiae-Deukiual Hetzende» auömacht. Möge da» tragikomische Schauspiel dieser Hatz untergeordneter Geister gegen da« Andenken eine» der größten deutschst nalev Dichter «ad Schriftsteller «n» nicht aoch länger vorder ~ schänden, da» muß ma» vor allem vom Standpunkte deutsche« Nationalgefühl» wünschen. Dr. H. Fröntet ii \ 3 Inhalt: 9ra 9*n nt Gt» jüdischer Minister. Lrzöhtnng an» dem 14. Johrhnndert. (Fortsetz««»). ». Z«»lt»»ky. — Heinrich Hei« »1» dottsiGtattonaKr von Dr. H. »röntel. Verantwort!. Redakteur Dr Rahmer, Magdeburg. Druck: Friedrich Rasche.» Lo„ Magdeburg. Verlag: R ob. LrtSk«