Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 42 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„Umsonst ist all' Dein Sträuben, Du bist mein'" „Zu Hilfe!" schrie Judith, dem Au«gaüge zueileud. „Wir find allein, gar fern vom Hause und ungehört verklingt Drin Ruf um Hilfe." .Rührt mich nicht an, ehrloser, seiger Bube." Und wieder durchdrang ihr Hilferuf die Stille der Rächt. „Umsonst, umsonst!" lächelte Don Heinrich höhnisch. „Du bist mein!" und mit Gewalt riß er Judith vom Eingänge zurück. (Korffepuag folgt.) u Bei »ck Line Plauderei »an Adolf Pick. Schier unglaublich wird eS manchem der geehrten Leser erscheinen, daß in Berlin, der Stadt de« geläuterten Äotte«- dienstemit Ehorgesang und Orgelklang, sich auch .ein Ehaffidimstübel" befindet, in welchem nach streng chaffidischem Ritu« gebetet und Simchat Thora gefeiert, d. h. .Kosak" getanzt wird. E» find zwar keine echten Ehaffidim, die fich hier aus Galizien und Rufftsch-Polen zu gemeinsamer Andacht zusawmengefunden haben, statt de» »schmucken Stramel»" tragen sie antediluviavischr Eylinderhüte, statt der »Jubbeze mit dem Gerte!" Röcke und Ueberzieher »ach englischem, franzöfischem und galizischem Schnitt; ja selbst die schön geringelten .Peie»", diese höchste und heiligste Zierde am Hackpte eines polnische« Juden, weisen hier nur noch vereinzrlt kümmerliche Spuren ihre» einstigen .glänzenden" Dasein« auf — aber wie der wahre Ehoßid fich räuspert und spuckt, wie er fich .schockelt" und wie rr sich duckt, das haben sie ihm trefflich abgeguckt! Der Begründer diese« .Ehaffidimstübel" ist eia Herr Keßler, der sein Grundstück (Grenadierstr. 6) zum großen Theil religiösen Zwecken geweiht hat. Im Borderhause befindet fich eine recht hübsch auSgestattete Synagoge, in welcher selbstverständlich streng orthodorer, aber ruhiger, würdevoller Gottesdienst nach dem hier zu Lande üblichen Ritus abgehaltrn wird. Ihr geistiges Oberhaupt ist der berühmte Talmudist Auerbach, allgemein bekannt unter dem Namen der .Plotzker Row", welcher vor einigen Jahren au« Rußland au»gewiefen wurde. Die .Chaffidimschul", kurzweg daS »Stübel" genannt, liegt im Hinterhause, in einem allerdings sehr primitiv eingerichteten unzulänglichen Raume, der kaum die Anzahl brr Beter zu faffen vermag Versuchen wir nun, wenn auch ein wenig post kvstum, einen Eimchat-Thora-Abend bei den Berliner Ehaffidim zu schildern. Sobald man den kleinen Hofraum d«S Haufe« in der Srena« dierstr. Rr. 6 betritt, schallt Eiuem schon ein wahrer Höllenlärm entgegen. Jene eigenartigen, wilden Melodien, in denen Freude und Trauer, Ernst und Scherz in gar seltsamer Weise miteinander verschmolzen find und die mau heutzutage nur noch in lshaffibimkreisen kennt, werden, traditioneller Vorschrift gemäß, am Simchat-Thora im .Stübel" von einem Getrampel, Händeklatschen und Kindergeschrei begleitet, daß sicherlich Mancher Bedenken trägt, fich in diese« Thor hineinzuwageu. Mir aber, denen da» wohlvertraute HeimathSklLnge au« unserer seligen Krmpner Jugendzeit find, klimmen küho entschloffen di« schmale Holztrepp« empor, zwängen un« mit dem ganzen Aufgebot unserer Ellenbogen durch die dicht gedrängte Zuschauer- «engt hindurch und gelangen so endlich in'» Allerheiligste, wo ei» seltsames, zwechfrllerschütternde« Schauspiel fich unseren Augen darbietet. Innig aneiaaudergefchmiegt umtaazr eine Schaar Ehaffidim fiugeud und händeklatschend einige ThoratcZ*.», die von alten ehrwürdigen Männern hoch emporgehalten irrigen. Dabei gewährt e« einen gary eigenen Retz, die Pfchstognon^en der in frommer Verzückung da hin strampelnden Gestalten zu -dachten. Einige wenig« scheinen sich bereit« in Hefterster, brautwetnseligster Stiummng zn befinden; de» Kopf «nf die rechte Schulter geneigt und die Augen halb geschloffen, so tnrke n tU den große» tzkigen mft und lallen «ehr, alb daß fie fingen. Die Meisten aber — darunter recht ansehnlich«, imposante Erscheiuungen — tragen, trotz der Heiterkeit de« Feste«, einen auffallend würdevollen Ernst znr Schau. Man merkt e» ihnen deutlich an, daß nichtllebermuth »ad rohe ' Lust am Lärm sie zu diesen wunderlichen Aufzügen veranlaßt. E« ist vielmehr wahre, aufrichttge Begeisterung und innige, verstäuduirvolle, nicht erheuchelte oder erzwungene Freude mft der Thora, der fie in diesen pur fremdartig scher», oende» Eaprioleu und Gesängen Ausdruck zu' geben suche». De» komischsten Eindruck machte ein kleine« putzige« Mänchen mit einem zierlichen Spitzbärtchen. Rach Art polnischer Eantore» hilft er fich die rechte Menge, sprang wie ein Perpendikel beständig hin und her und entlockte seiner heisere» Kehft Töne, die un« schaudernd durch Mark und Bein gingen. Und immer weiter rast der Tanz, immer wilder und stürmischer wurden die Sprünge und Armbewrgungeu, immer lauter da» Trampeln, Schreien und Händeklatschen, im Taumel der Verzückung wälzt fich einer auf den ander», und bald gewahrt man nicht« weirer, al» ein fich auf und niederbewegrnde» Eonglomerat von schreienden Ehaffidim, bi« schließlich die Füße und Kehlen den Dienst versagen und der .Akt" zu Ende ist. Hierauf werde» zur Erholung einige Gebete gesprochen, dann beginnt derselbe Reigen von Neuem, nur die Rollen find vertauscht. — — .Muß uicht etwas derartige« AntifewittSmu« erzeug«»?" Diese Worte richtete an mich ein junger Mann, der neben mir stand und voller Entrüstung dem komischen Treiben der Eha» . ffidim zugeschaut hatte. »Nein, durchaus nicht!" eutgegnele ich ihm in ganz entschiedenem Tone. .Die Antisemiten kümmern sich herzlich wenig um diese zumeist armen Leute, die fich einmal im Jahre im geschloffenen Raume einer haruilosen, wenn auch sehr lärmenden Freud« hingeben. Der Antisemitismus wird durch ganz andere Dinge und in andern Kreisen hervorgerufen, alSdiese hier find, die mau allerdings sehr gern für die eigenen Sünden verantwortlich machen möchte." Der junge Maun entfernt« fich nachdenklich und auch ich verließ da» „Ehaffidimftübel" mit der Empfindung, hier einen schöneren Festabend verlebt zu haben, al» in jener Synagoge, wo da« „MizweSversteigern" de» wesentlichsten Theil der. Simchat-Thora-Feter bildet! Von »er Londftrnße de« Leben« vo» via; Weinberg. (Nnchdinck verboten.) Der Eine dantt'« dem Glücke, Der And're seinem Fleiß, Und wem e« dantt der Dritte, Er oft kaum selber weiß. Doch wenn sie e» nur nützen. Zu Gotte« Ehr' uud Preis, Sei gleich, ob e» erworben, Durch Zufall ovtt Schweiß. G . G Frag' ich de« Kindes Angesicht, So giebt'« hier Leid und Elend nicht. De» Liebchens Antlitz ist ein Fließ. E'ran steht: Hjer ist mein Baradie«. e« Greisen Antlitz' Furchenzabl. Sagt: Erbe ist ein Jammerthal. Was glaub' ich mm und wer spricht wahr, Grei«, Jongftao oder Kinderschaar? «edankensptttrr von «. Schwer ist e«. zum Besten walten, Leichter schon: da« Beste wollen; Doch viel leichter noch al» wollen, Ist und bleibt: »um Besten halten! Do» Pedro ui fei» jitoitzher «iwster. Hi« ■I aiti brat 14. Jahrhundert. (AoNjetzuUg). «u e«ltn»Bti de« .^khaffÜitm". Eüu^ Hn«»b«r»i ». _ »»olsPick.— td« Landstraße »««LebuM. Vo, «an Wetnber Ber-: nvortl. Redakteur Rahmer, Magdeburg. Druck: Friedrich Rasche * Eo„ Magdeburg. Berlag: Roh. Fries«,