Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 4)
- Language
- German
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«belgrauer Vorzeit ober ein dichterische» Wahngkbtld«, sondern ein ganz prosaischer Sraukeutypu». Er ist ein Nervenleiden der armer Jude au» dem Osten Europa'», der vom Wandertriebe oder Reisrwahn beseffe», dem Elend uad der Sraukheit in der Heimat zu entrinnen sucht, ruhelo» durch die Länder irrt, endlich unfehlbar auch nach Pari» gerät uad in dem großen Irrenhaus« der SalpStriSre bei deu Gelehrte» Heilung sucht. Der Name, die Elasfifikation für dieseu Typu», ist gefunden: Dr. Meige bezeichnet ihn -lvo^a^eur", und nach seinen Angaben war e» nötig diese Sraukhett»form zu bestimmen, well fie ziemlich häufig vorkommt. Saum ist der ein« Patient wieder seine Straß« gezogen, so stellt fich eia anderer ein, wie jener eiu Mann in ärmlichem Saftau, mit langem Bart, mit tieieu Runzeln und SchmerzeuSfalten in den verwitterten Zügen, gebückt, verhungert und abgeriffea, der mit der gleiche« Geläufigkeit und Unermüdlichkeit wie jener dieselbe endlose Leideu»- uud SrankheitSgeschichte immer wieder herableiert und die geduldigen Serztr fast au» dem Gleichgewichte bringt. Im Laboratorium der Salpätriärr werden die armen Teufel einer wie der andere photographiert, und e» ist merkwürdig, nrie viele einander fast zum verwechseln ähnlich sehen und wie der ganze Typu» wieder dem Bild« ähnlich ist, da» au» auf alten Stichen und Holzschnitten von der Sagrngestalt de» .ewigen Inden" aufbewahrt wird. Diese Aehulichkeit beschränkt fich aber nicht auf die fichtbareu Aeußerlichkeiten, da» allgemeine Bild, sondern fie erstreckt fich auf manch« besondere Züge uad Einzelheiten, die von der Sage überliefert werden. Die französische Sage erwähnt, daß der ewige Jude, wo immer er wanderte, stet» de» Lande» Zunge redete. So erscheiut auch fein heutiger Nachfolger, namentlich dem Franzosen, al» eia vielsprachiger Manu, denn obschon er meist mit Vorliebe deutsch spricht, so ist ihm doch vielfach außerdem noch polnisch uad russisch, mitunter dazu noch englisch oder türkisch und diese oder jeue andere Sprache geläufig. Auch die eigenthümliche Armuth, die, wie in der franzäfischeu Sag« immer nur über fünf Sou», nicht mehr oder nicht weniger, verfügt, trifft bet den jüdischm Patienten der Salpetriöre zu. Sie fechte« fich» unterstützt von der Gastfreundschast und Mildthättgkeit ihrer Glauben»- ginoffeu uad der eigenen Bedörfnißlofigkeit» durch die Länder, irren stet» mit leerer Tasche umher und find doch der unmittelbarsten Noth, dem Hungertod«, durch die paar Pfennige in ihrer Tasche euttückt. Dir äußerste Charakteristik der Züge, Müdigkeit, Summer, Schmerz und Verzweiflung, ist bei dem heuttgen Wanderjuden dieselbe wie bei seinem berühmten Vorgänger» und eigenthümlicherweis« ist auch die Ursache der Krankheit in großu Nervenerschütterungen, in Schreck oder großem Schmerz, FeuerSbrünsteu. Blitzschlag, plötzlich«» Todesfällen und dergleichen zu suchen, grade wie die französische Legende den Eartophilu» durch da» Grauen, da» die Sreuziguug auf dem Calvarienberge über die aawesende Menschheit brachte, au» dem innern Gleichgewicht gerathen läßt. Wie der ewig« Jude der französtscheu Sage im Gekreuzigten nur «inen Zauberer sah, wie er sein« Wunder nur al» Zauberkünste bettachtete uad dann durch die Länder schweifte und allenthalben die Meister der schwarze» Suost avftuchtr, aber stet» wieder, bald mtt ihre» Werken unzufrieden, größere«, geschickteren Meister» an auderen Orten zueilte, so trägt auch der heutige Wanderjud« die Geschichte seiner Leide» von Ort zu Ort, von einem berühmte» Arzte zum andern. Hat er einen aeaen gesunde», so lebt di« Hoffnung bei ihm auf. Sei» Zustand beginnt fich zu brfferu und gibt scheinbar Au»flcht aus Genesung, doch nicht aus lange Zeit, deuu der Arme ist wohl unheilbar. Bald ergreift ihn di« Schwermuth wieder, er beginnt neu« Symptome leine» Leid«»» zu entdecken, belästigt alle Aerzt« deren er habhaft «erden kann» beginnt nach neuen Zauberern der Heil« künde zu forschen, der Wandertrieb erfaßt ih» wieder, und er' ist eine» Tage» verschwunden, verschollen. Bergeffru wird er nicht, denn sehr bald stellt fich ei» ihm seltsam ähnlicher Leidenibruder ein» der auf» neue die ewige Klage dieser besonderer! Art de» menschlichen Jammer« den Aerzten vorttägt. ES ist auf alle Fäll« ein intereffauter und geistreicher Versuch, den Charcot« strebsamer Schüler unternommen, in wiffeuschastlicher Beobachtung, unter Beifügung einer Kraut» heit«geschichte, die allgemeinen Züge der einzelnen Fälle diese» eigenthümliche« jüdischen Nervenleiden» zu einem Gesammtbild« zu vereinigen und diese» Bild der dunkel» Sageugestalt de» ewigen Juden gegenüberzustellen. Wohl mag tu vergangene» Tagen schon, al» der Aberglaube und die Unduldsamkeit größ« und die bürgerliche Sicherheit unendlich viel geringer war al» heute, unter grausamer Bedrängniß und wilder Berfolgnng bei dem unterdrückte», gehetzten und geängstigte» Volke diese KrankhettSerscheiuung fich mttunter. vielleicht häufig eingestellt habe». Auch ist e« denkbar, daß die Gestalt de» auffallenden, verstörtrn Fremdling», der «nter Schmerz und Slage ruhelo» durch tie Länder irrte und nach Meistern der Heilkunde und der schwarzen Suust forschte, auf die eiafacheo Gemüther, der Landbevölkerung zumal, einen ttefen, nachhaltigen Eindruck machte. Der Gedanke an irgendeinen schrecklichen Fluch, der aus dein unglückseligen alten Juden ruhen möchte, lag der herrschenden Sedankenströmung am nächsten, uad da da» Volk sich immer erinnerte, daß die Juden den Herrn Jesu» gekreuzigt hatten, und stet» vergißt, daß der Erlöser, die Gottesmutter und die Apostel allesamt auch Juden gewesen, so war e» am Emde nicht unnatürlich, daß der BolkSmund und die Volk»- Poesie deu fluchbeladenen Wanderer, von dem die Alten erzählte» und de» die Enkel gelegentlich nach der Beschreibung «iederzuerkennen glaubten, irgendwo und irgendwie in Verbindung mit der Leidensgeschichte und der Kreuzigung brachten. Möglich erscheint e« somit immerhin und vielleicht wahrscheinlich, daß der jüngsten einer unter den jungeu Doktoren der Meditzi» am Ende d«S IS. Jahrhundert» dir thatfächlich« Grundlage der alten Sage richtig erkannt und festgestellt hat und dach der unstete Wanderer, de» die Dichter fast aller Länder besungen haben, weiter nicht» war al« ein armer kranker Jude au» dem Osten, au» Rußland oder Polen. S. Z. Uewichtiges NeSenken Ein Esel la» im Buche Uad macht ein bedenmch Gesicht Und» dann verständnisinnig Er zur Frau Eselin spricht: .Ein» ist e», wa» am Dichter Ich uimmermehr versteh: Sintst stet» von Web' und Rosen, Und nie von Heu und Sin." — M. W. Mrr» dem Sprmchschsde» »aQoud. Boeltsch übertragen von Max Weinberg. Der muß nicht ckhr' noch Scham mehr kennen, ver bffrntlich fein Lfsen läßt anbrennem^ * m * wie oft auch Gntthat warb verkannt Leih' doch de« Guten gern di« Hand. (Sirach.) " * * Nimmt Lffigkrant der Sraner Ist anch fei« Lfpg faner. (Lcha rabda »«.) ») Tolmndttch« Reden««» fitr „tn schlechte» Kaf kommen". JpehM: »er pmttenf«,» Jahre». Historische «r»Iht«Wg »au Adolf ». Zemlintt,_Der umlft Jude" «» «demerSeliuch' t«W. — Gewichts«» Bedeute». Von vtaz Weinberg. — Au» dt^ «prEtzatz M Ztfaab. PoeNs« übrrirage» von Mar Weinber Verautwortl. Redakteur vr-. Rahmer, Magdeburg. Druck: Friedrich Rasch« *