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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 17 (1893) · p. Seite 66

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
17 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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»— Ich trinke längst kein Bier — gehe nur allein-." Aber trotz seine» Sträuben» zog ich ihn mit mir fori. .— Also nun herau» mit der Sprache, — Du warst immer ein Mann voll Lust und Leben, voll Geist und Humor — hottest immer sehr gute Stellungen als Prokurist und Buchhalter, — hast Dein beneiden-werthe» Heim und stehst im rüstigen ManneSalter. — Was ist loS mit Dir?" — Nur mühevoll konnte ich sein Schweigen brechen. Seine Worte waren jedoch matt hingeworfen — von halbunterdrürkten Seufzern begleitet. Nur hie und da färbte ein dunklrs Roth plützlich seine Wangen. — etwas wie Sckflimgefühl und Selbststolz, — etwas von jenem schönen, heiligen Feuer, das ihn in seiner Jugend mit besonderer Wärme durchglühte, schi.n eine Reflexion zu üben. „-Ich bin stellenlos,* sprach er, „Du kennst gar nicht die Bedeutung dieses Wortes. — Ein ganzer Abgrund. Jammer und Verzweiflung lagern rings um dies Wort und drohen mich jede Minute zu verschlingen. . Wie ist denn das so Plötzlich gekommen —?“ „— O, schon seit Januar suche ich vergebens einen Posten. — Meine Chefs haben am 1. Januar da» Geschäft aufgelöst.*- „Mit Deinen Talenten muß sich doch in Berlin etwas leicht finden lasten. — Du bist ein tüchtiger Buchhalter und Eorrespondrnt, hast die glänzendsten Zeugnisie und die hervorragenden Firmen, wo Du gearbeitet, als Primareferenzen. Hast Du bei Deinen früher« Vorgesetzten schon angepocht?* Ueberall — vergebens —.* .Du könntest doch auf Grund Deiner Empfehlungen an andere größere Firmen — Bank- und Waaren-Geschäfte hier, Offerte machen, — auch an die Zeitungs-Inserenten, welche Buchhalter suchen-.* m-Ich habe es mit alledem probirt, — ich habe Hunderte von Offerten geschrieben und darauf entweder gar keine Antwort oder das stereotype „Bedauere* in gedruckten und geschriebenen Briefen empfangen - * .So schwierig habe ich mir dir Sache nicht gedacht. — Du mußt aber selbst ein „Stellen-Gcsuch" in die.Vossische" einrücken — —." .^Bereits geschehen. Statt der ersehnten Arbeitszuweisung erhielt ich — Prospekte — von Stellenveimittlungs-Bureaus und Vereinen, sowie Agenten von Lebensversicherungen — .Hast Du damit probirt —?" „Den letzten Pfennig darauf verwendet. — Man hat ja kaum einen Begriff, welche Mängel diese Privatunternehmungen — trotz ihres Anprahlens — besitzen und wie wenig diese geeignet sind, einem ältern stellenlosen Beamten halbwegs entsprechende Arbeit zuzuweisen. Es wird meist schablonenmäßig erledigt, — der Andrang ist auch zu gewaltig. — Alles greift bunt durcheinander. Ich habe nach zwei Monaten kaum eine Empfehlung zu einer Firma erhaltenwo eine Unmasse Mitbewerber waren — und nur — wie fast immer — rin Beamter aus der Concurrenz-Ftrma die Anstellung fand. Ich hatte auch Empfehlungen an angesehene jüdische Kaufleute und jüdische Bankdirectoren —.* „Aha, ich verstehe. — Du wolltest auf die jüdische Solidarität einen Coup ausüben —* „ÄBoju greift man nicht in solcher unglücklichen Lage- Aber gerade der Hauptgrund, daß ich zurückgewiesen werde, ist, daß ich — Jude bin. Ueberall wo ich schon mit Be-! stimmtheit auf eine Anstellung rechnete — dröhnte es mir entgegen: „Der Jude darf a cht mehr den Juden prolegiren". Ich habe die Beweise in Händen. So stehe ich denn vollkommen rathlos da. Ich hatte in Rußland viele Jahre eine glänzende Stellung. — ich mußte solche verlassen, weil ich ausländischer Jude bin. Ich habe mich und meine Familre ruinirt, aber ich werde cs nie über mich bringen — eine Taufe aus materiellen Gründen vorzunehmen- — Es giebt Ereatrren,Aie auserlesen sind, eine gewaltige Probe bestehe« zu müssen. Ich gehöre wohl mit zu denen — aber ich will wie eia Hund verröcheln, von meinem erhabenen Glaube« werde ich doch nicht weichen!"?ch habe meinem Freunde allen Math zugesproche» — und leider kann er nur durch "physische Arbeiten, die ihn allerdings kräftigen — einen äußerst kargen Lebensunterhalt sich erwerben.-Sollte sich wirklich Niemand finden — der ihm einen seiner Befähigung entsprechende» Posten zuweisen möchte?! Er ist ein Mann in voller Rüstigkeit, großen Fähigkeiten und strengstem Ehrgefühl — der jede Vertrauensstellung verdient.*) Zur ^itteratur des Echod mi jodaa. In dem Buche .Materialien zur slavifchen Etnographie" von O. Kolberg (Serie ö) sind die „Volks Legenden* citirt, welch« in Krakau während des Festes der.Geburt Christi* gesungen werden, worunter eine von dem Teufel erzähl, der einem Knabe» mit der Ruthe drohend folgende Antworten entlockt. Sie lautet: Sog' an, Knabe, lernst Da in der Schule: «a» bedeutet ein»? öim* ist der Maria Sahn — der regiert im Fimmel und auf der Erde. tva» ist zwei? — Zwei find Gesetze»taseln von Mose» — ein» der Maria Sohn rc. . tva» ist drei? —Drei find Patriarchen — zwei Tafeln Mose» rc Iva» ist vier? — vier Evangelisten rc. tva» ist fünf? — Fünf Wunden erhielt Sott der Herr rc. tva» ist se cd »? — Sech» Wechsel der tilie (meratische Reinheit) rc. wa» ist sieven? — Sieben Sakramente, — sech» Lilien... rc. Iva» ist acht? — Acht Lugenden Gotte», — sieben rc. tva» ist neun? — Neun Lngelchöre rc. wa« ist zehn? — Zehn Gebote Gotte» rc. wa» ist elf? — Llftausend Märtyrer rc. wa» ist zwölf? — Zwölf Apostel, — elftausend Märtyrer rc. rc «Line dreizehnte Frage fehlt in dem Krakauer Liede. Es Wäre nun festzustellen, welches die Urquelle deS Liedeist; Steinschneider läßt das Lodo-t toi jode« nicht vo r dem IS. lZahrhundert entstehen, Kolberg hält das Teufelslied für viel älter. B. Aus dem Spruchschah des Talmud Poetisch übertragen von Max Weinberg. Niemand wird wohl ohne Rupen Durch Berbrechen sich beschmusten. * Oft «erden die lobten auSgegraben, Weil die Lebend'gen gesündigt haben. Und wo zwei Köche au einem Herd, Da bin ich ungern eingekehrt. Zwiefach der Kampf in jeder Menschenbrust: Hie Bottes ruf — hie Sinneslust. Oft möchte Sinuenlust mich abwärts zie^n, Wenn nicht da» befi're Ich den Mahner machte, Und da ich feine Mahnung nun beachte, Must ich v«r dem Versucher flieh'«. («erachot 61.> Wenn Königs Purpur am Wege feil, Bringt'» weder Käufern noch Händlern Heil. d (Midrasch Esther.) Beüogenswetth der Fürst, der jung vom Blück getrogen, Dem Unglück unterliegt tu seinen alten logen. d (Iatkut Echo »SS.) Nicht ist Dein Preis, den Du Dir selbst gesestt, Du giltst der Welt, wie hoch die Welt Dich schätzt. lSynhedrin 71.) •) Die Redaction dieses »laNes nimmt Offerten für ihn gern entgegen, uatrr der Lhiffie H. B. «rrontwonl. Redakteur: Dr. Rahwer. Magdeburg. Druck von Bendip <d Huhn (srüder: v. L «°lsf>, Magdeburg. Verlag R ob. Friese .Leipzig

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