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Jüdisches Familienblatt · 1893-01-01 · 17 (1893) · p. Seite 64

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1893
Issue
17 (1893)
Date
1893-01-01
Page
Seite 64 (sequence 2)
Language
German
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immer mehr von seinem Ursprünge, und gerieth in'» Maßlose: — nur daß jetzt der Prozeß in entgegengesetzter Richtung sich entwickelte. Um der vom Jodenthum nicht «forderten Abtötung de» Fleische» and Knechtung de» Geistes durch buchstabendüftelnde Frömmelei ein heilsames Gegengewicht zu bieten, predigte der Chassidismus jüngeren Datums heitere Lebensanschauung, innere, von den äußeren Observanzen unabhängige Gottseligkeit, und indem er allen vom Gesetze sanctionirten Genüssen Vorschub leistete, Befreiung der Materie aus den Banden einer trübseligen Grübelei. Das Talmudstudium, seiurn Jüngern z»r unerläßlichen, religiösen Pflicht und folglich im Laufe der Zeit zur Qual gemacht, suchte der Chassidismus auS dem Banne der Religion zu erlösen, indem er das Studium der heilige» Lehre zwar als verdienstliches Werk, durchaus ober nicht als oberstes Erforderniß zum Seelenheil aufgefaßt wissen wollte. Eine Sehaar Reformsüchtiger, die aus eigener Machtvollkommenheit aus dem sie beengenden Gedankenkreise nicht herauözutrrten gewagt l)ätten, strömten der Lehre zu, die, auf der Basis des erlaubten Epilnräerthums fußeud, ihren Adepten eine heitere Zukunstsperspeelive cröffnete Doch wie der reine Name Epikur's zur deckenden Flagge für allerlei Ausschreitungen dienen sollte, so auch seine Spätgeburt, der Chassidismus. Zu gemeinen Zwecken mißbrauch», niedrigen Mißdeutungen unterzogen, entfernte er sich bald auch that« säckilich von der ursprünglichen Reinheit seiner Tendenz und gab sich zur Hülle empörender Schändlichkeiten her. Aus der realistisch-heiteren Lebrnsanschauung entsproß ein wüster Sinnestaumel, aus der Freiheit die Willkühr, aus der durch das erzwungene Talmudstudium erzeugten Geistcsstarre die absoluteste Gedankenlosigkeit. Eine jeder Beschreibung spottenle, alles ideale Streben verhöhnende Unwissenheit blieb seither der herv.rsicchendste Charaktcrzug dieser Seele, der am krassesten bei ihren Anhängern in Polen zu Tage trat. Die russischen Chassidim hingegen verfielen eher dem moralischen. als dem geistigen Niedergang, da ihre stärkere intellektuelle Veranlagung sie vor völliger stumpfer Ignoranz und abergläubischer Verwahrlosung bewahrte. Sie wanderlen doch hin und wieder, wenn auch auf engem, vom mystischen Dunkel der Kabbala umgebenen Psade, durch den Zaubergarten des Talmud; ihr Blick, an den erweiterten Horizont gewöhnt, konnte eher wie der ihrer polnischen Brüder die Strah'cn des Lichtes ertragen, das vom Westen, allerdings sehr spärlich aus sie eindrang. Ohne Feindseligkeit, wir Jene, ob auch ohne persönliche Beiheiligung, folgten siebeobachtend der modernen Gcistesrichtung; ja sie ließen cs sogar hingehen, wenn ihre Frauen, von weiblicher Neugierde getrieben, diese Richtung einschlugen und eine winzige Dosis profanen Wissens in sich ausnahmen. Eine Gcistesspielerei, dachten sie, ihrer überlegenen, männlichen Intelligenz unwürdig, aber der weiblichen, ohnedies untergeordneten, ohne großen Schaden zu gestatten. Leie oder Lina, wie sie sich bald zu nennen erkühnte, maä.te sich diese Lockerung der Geistesfessel in ihrer Weise zu nutze, indem sie sich eifrig in das Studium der — dazumal modernen — Romanliteratur vertiefte, die ganz dazu angethon war, ihren angeborenen Hang zu krankhafter Sentimentalität zu fördern. Sie las ohne Urtheil und Sichtung, ohne selbst die Bedeutung der Worte zu erfassen, wie etwa: »Das Freudenmädchen von Lyon', weil der vielversprechende Titel eine heitere Lectüre verhieß; „Der Mann mit der eisernen Maske"; »Der Graf von Monte Christo"; „Die Schwestern der Nacht", und ähnliche Schauerstücke, dre nicht nur ihr Nervensystem aus den Fugen brachten, sondern ihr auch eine hohe Meinung von ihrer Bildung vermittelten. Je mehr dir Zahl der gelesenen Bücher, — die sie sorgsall ig notirte, — auwuchs, desto mehr wuchs sie in ihren eigenen Auge», bis ihr Größenwahn eine solche Höhe erreichte, daß keine Gespielin, kein Freier ihr ebenbürtig erschienen. Zu wiederholten Malen pochle der Schadchen an die Thür der ^kümmerten Eltern, die in ihrer siebzehnjährigen Tochter mit Schrecken und tiefem Weh »die Sitzengrbliebenr" zu betrachten begannen. Da gelang es endlich dem geschicktesten der Vermittler, den Nagel auf den Kopf z» treffen. Er schlug einen junge» Main vor. dessen Abstammung und äußere Lebensstellung dem Ehrgeiz der Eltern genügten, und der gleichzeitig da» Interesse der Tochter erregte, weil man erzählte, daß der kaum achtzehnjährige Jüngling mit seiner Mutter in einem ausländischen Badeorte gewesen und dort etwas von den außer Lande üblichen Sillen und Gebräuchen sich angeeignet hatlr. Der lange AtlaSkaftan ward in einen knapp anliegenden, bis zum Fußknöchel reichende» Tuchrock verwandelt, die herabwallmdcn Schmachtlocken vermöge eines kühnen Bürstenstriche» hinlcr's Ohr verwiesen und ein weißes, anstatt de» übliche» blaugrwürseltc» Taschentuches, hob den Reiz seiner ohnehin nicht unschönen Erscheinung biS zur Unwiderstehlichkeit. Da noch überdies verlautete, daß er seine Mutier, die dem einzigen, abgöttisch geliebten Sohn nichts versigen konnte, zur Anschaffung einer Salongarnitur sammt Salontisch mit wirklicher Marmorplatte veranlaßt hatte, und die vielzüngige Fama noch von vielen anderen Herrlichkeiten in jener Wunderbehausung zu berichten wnßte, so wurde die Phantasie des Mädchens so mächtig erregt, daß eS ohne Zaudern in die vorgeschlagene Zusammenkunft willigte Der junge Mann hatte seinen alttestamentarischcn Namen Aarsn auf den. moderner klingenden Arthur umgetauft, wa« seiner Zukünftige» sofort ein günstiges Borurtheil für seine Geistesgaben erweckte. Als sie überdies wahrnahm, daß er mit dem Dativ und Accusotiv auf weniger gespanntem Fuße sland, wie die anderen langgclocktcn Jünglinge des Städtchen-, glaubte sie schon ihr erträumtes Ideal das Ziel ihrer Wünsche, crre cht zu haben. Da wurde sie plötzlich durch einen graufanicn Umstand aus der Höhe der Glücksregion in den Abgrund der Verzweiflung geschleudert Bei ihrer anfangs zagt,asten, dann immer zuversichtlicheren Messung seine» Gei'tcsniveau's gerieth sie nämlich auf die bedenkliche Frage, ob er den »Grafen von Monte Christo" kenne. „Nein," erwiderte er bedauernd, »auch mein Vater hat nicht die Ehre, ihn zu kennen. Vermuthlich ist der Ihrige so glücklich, ihm in seine» Geldverlegenheiten beizustehen?" O Jammer! Schon wollte sie ihrer Entrüstung, ihrer Verachtung ob dieser unerhörten Lücke in seinem Wisse« Ausdruck geben, als die beiderseitigen Eltern zu den im Hofe Lustwandelnden traten und unter lauten Glückwünschen mittheilten. daß die Verlobungsacte zu allgemeiner Zufriedenheit aufgesetzt sei u»d nur ihrer Unterschriften harre. Feierlich in die Putzstube geleitet und bei dem bunten Stimmengewirr, den geräuschvollen Freudra usbrüchen ihrer Sinne kaum mächtig setzte Lina ihren Namen unter das in ihrer Abwesenhert stipulirte Dokument. Der wegen des vorgerückten Alter» der Braut sehr nahegerückte HochzeitStermin und die bei den Vorbereitungen hierdurch bedingte Eile, ließen sie auch bis dahin nicht recht zur Besinnung kommen. Wie im Traume erinnerte sie sich später des bei solchen Anlässen üblichen Trubel», des Kommen» und Gehen» von Schmiderinneu. die ihr die von der Mode geheischten schmalen, troz der Julihitze wattirten AtlaSkleider anfertigten; der Perlstickeriunen, die im Beisein der Mutter die unvermeidliche Stirnbinde aus schwarzem, perlenbesäetem Sammet anpaßlen; der stets sich erneuernden, lärmenden Festlichkeiten, die einen würdigen Anschluß in der Hochzeitsfeier fanden. (Fs. f.) Kerei« für jüdische Keschichte «nd «^tteratür i« Aosmmcket. Im Jahre 1821 gründeten Zunz, H. Heine, Moser, Ganz u. a. den „Perein für Cultur und Wissenschaft de» JudenthumS". Beides fthlte den Inden; zumal daß es außer Tclmud, Schulchan aruch und ihren Schildträgern noch eine '7'

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