Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-ethan, um eine Zentralinstanz zu schaffen, da doch das Fehlen derselben ihm als ״ein wesentliches Element der Schwächt gilt. Wir wiffen aus sicherer Quelle, daß hervorragende preußische Staatsmänner diesem Verlangen entgegenkommen würden, wenn es ernstlich gestellt würde. Auch wird es ihm schwer werden, zu zeigen, wie denn die Berliner Gemeinde sich als ״führende׳' bekundet hat. ZweifelloS hat die Berliner Gemeinde diesen Führerberuf durch ihre Jnleüigenz, durch ihre Traditionen, durch ihre Grüße, durch ihren Reichtum, aber wir habenvon ihrer Initiative nichtverspürt. Herr M. spricht von einem neuen Gebetbuch. Dir Berliner Gemeinde hat, seitdem Herr Makower der Verwaltung angehürt, eine ganze Reihe von jüdischen Gebetbüchern eingefuhrt und abgeschafft: wir haben nie gehört, daß irgendwie auf Stimmungen und Meinungen außerhalb Berlin- Rücksicht genommen worden ist. Aber die Zukunft kann nachholen, was in der Vergangenheit versäumt worden ist. Berlin hat hier eine Aufgabe zu erfüllen; die kleinen Geiueinden erwarten von Berlin eine Direktive; aber daist nicht die richtige Form, wenn in Berlin ein Gebetbuch gedruckt wird und nun gesagt wird: Berlin hat gesprochen, die Sache ist fertig. Makower bedauert, daß die ״Hochschule zur Ausbildung von Rabbinern" nicht, nach seinem Antrag, in die Verwaltung der Gemeinde übergegangen ist. Das Bedauern wird vielfach geteilt werden, aber diejenigen, die den Antrag ablehnten, haben wohl nicht ausschließlich di« Vermehrung der Geschäfte befürchtet, sondern den Einfluß des Vorstandes auf den Geist der Anstalt. Sodann will Makower für Berlin einen Oberrabbiner- Jüngst hat der Vorstand in Wie» die Herren Dr. Güdrmann und Jellinek zu Oberrabbinern ernannt. Diese Männer sind zweifellos dieses Titels würdig; sie gehören seit langer Zeit zu den geistigen Führern des Judentuuis. Ja, sic sind so bedeutend, daß ihre Rainen größer sind als jeder Titel. Aber wir gehen wohl nicht fehl mit der Annahme, daß diese Herren selbst von der Standeserhöhung eigentümlich berührt worden sind, da der Vorstand sie ihnen entgegenbrachte. Der Vorstand kann das Gehalt erhöhen, das ist sein gutes, nur zu selten ausgeübtes Recht, ober er kann Männern wie Güdemann und Jellinek keinen höheren Titel verleihen. Etwas ganz anderes ist es, wenn der Staat Titel und Rechte verleiht. Sehr beherzigenswert ist das Wort MakowerS, vielleicht sogar in Berlin beherzigenswert: ״Es ist klar, daß die Laien- Vertretung einer Gemeinde auf -die rein religiöse Richtung im Judentum keinen wesentlichen Einfluß üben kann, auch wenn sie eS wollte." Das ist nicht allen klar, die unter uns am grünen Tisch sitzen und die Grenzfragen zwischen der Laienverlremng und dem Prediger und geistlichen Leiter werden nicht immer mit ״Behutsamkeit und Takt" entschieden. Der liberale Verein zählt jetzt etwas über hundert Mitglieder; das ist bei achtzig tausend jstdlschen Einwohnern von Berlin nicht viel. Die AuSführuuge» MakowerS bekunden einen weiten, klaren und durch Erfahrung geschärften Blick. ES ist unser lebhafter Wunsch, daß Männer wie Makower, Lazarus nichtzurückgedr-ngtwerden. Diese Männer passen ^nS, auch wenn ihre Ansichten uns nicht immer zusagen. Urtttsemttifche Uozialpolttikrr. Die in Köln erscheinende ״Westdeutsche Allg. Zeitung" bringt in ihrer Ni. 295 (v.,3l. Oktober) unter der Ueberschrist: ״Antisemitische Sozialpolitik««" eine« so trefflichen Leitartikel zur Widerlegung unerhörtrr Anoriffe - auf Juden und Juirentum, die sich eine in München erschei- ' «ende Zeitschrift ״Der Arbeiter" in einem ״Much der Zeit" betitelten Artikel leistet, daß wir un« für verpflichtet erachten. Angriff und Abwehr hier zur Kesntniß unserer Leser zu bringen Die ״Westd. Allg. Ztg." schreibt: Wir würden des Münchener Blatte» und seiner Leiflung nicht Erwähnung tbun. wenn ««nicht ein Hauvtorgaa der iu.Bayern wie allerwart« unter dtrekrer Leitung katholischer Geistlichen stehende« - Gesellenvereiae und daher von bedeutendem Einfluß bei den kleinen Leuten wäre. Da« Blatt nennt sich katholisch und bietet Blattes zu viel Kovfjchmeyen bereitet, so glauben fie, die soziale Frage sehr einfach und bwuem durch die sogenannt« Juden» frage lösen zu können. ,,Schlagt die Juden tot. oder plündert sie wenigstens au« und treibt nt au« dem Lande, dann hört alle« soziale >md moralisch« Elend auf, dann ist dt« Zeit de« mesfla- Nischen Frieden» gekommen." Gibt e» eine einleuchtendere und schlichtere Theorie der Welwerbesserung? Und warum soll diese originelle Theorie keine Anhänger finden? Wer an die bösen' Leidenschaften und die Dummheit der BolkSmaffen appelliert hat. dessen Bestrebungen waren stet» von vorübergehendem Erfolg gekrönt. Hören wir, wa» diese ftommen Herren, die stet» die Worte Gott und Nächstenliebe im Mund« führen, predigen: ״Da« jüdische Geschättssystem, da» Stteben nach Gewinn um jeden Brei«, ist der Fluch unserer Zeit " Soll ״jüdische» Geschaftssystem" etwa heißen, ein System, da» den Juden durch da» alte Test ameut oder durch ein ondere» heilige» Buch vorgeschrieben ist? Oder ist da» vielleicht jüdische» GeschästSsystem. wa» zufällig zwei oder drei Trödler tteiben? Dann könnte man mit demselben Recht u"d derselben Logik die Betrügereien irgend eine« Satholiten — u"d e» ist nicht zu leugnen, daß sehr stamme Katholiken vettüger gewesen find — katholische» GeschästSsystem nennen. Ist den« der Handel eine spezifisch jüdische Eigenschaft? Wer die jüdische Geschichte nnr oberflächlich gelesen hat, ber weiß, daß die Juden ursprünglich ein Ackerbau tteibende» Volk waren, daß der Handel nicht ihr natürlicher Beruf ist. da» er rhnen durch die unseligen Berhältnifle im Lause der Geschichte aufgedränat worden «st. DaS Streben nach Gewinn, nach Befttz und Macht hat niemals zu den Tugenden der jüdischen Kirche gehört. Da« Gesellenvereinkblatt fährt fort: ״Die Jude« find bei unS schon mächtig geworden. Die Zelt ihrer Mästung waren die Jahre de« Kulturkampfes: sie thatcn ihr Möglichste», die aeistlrchen KoNfesstonrn zu verhetzen und hatten ihr lebhafte» Interesse daran, den Kulturkampf nicht zur Ruh« tonimen zu lassen." Wenn eine falsche Behauptung durch tausendmalig« Wiederholung wahr werden könnte so müßte man nachgerade an die hier wieder vorgebrachte Mär glauben. Allein e» steht doch fest, daß die Juden mit den sogenannten Kulturkampf nicht» zu thun hotten. Wer waren denn die Juden, welche die Konfessionen verhetzten? Wer die Juden, die davon Borteil zogen? Wir wüßten keinen zu nennen. E» genügt aber durchaus nicht zur Begründung einer so ungeheuren Behauptung gegenüber einer ganzen Religionsgemeinschaft, daß man die nichtssagende Reden«- art gebraucht. ״Natürlich r« steut sich der Dritte, wenn zwe sttettrn!" Der gemütvolle Gesellen- und Arbeitersteund Nagt weiter ..Heute herrschen fie <die Juden) und geben den Ton an, denn in ihren Händen ist die Presse. So ist e» denn leider zur Wahrheit geworden, da» kbvvvv Juden 4V Millionen Deutsche am Nascnring führen.׳' ES ist ober, bei Licht besehen, eine ebenso gehässige wie unfinnigc Lüge, daß die Presse in jüdischen Händen sei. Sieht man von einem Dutzend Berliner Zeitungen ab, so liegt die ganze Presse in Deutschland zum oller kleinsten Prozent« satz in jüdischen Händen- Un» ist beispielsweise in ganz Rheinland und Westfalen, welche Provinzen wir genau kennen, kein ttgendwie nennenswerte» politische» Blatt bekannt, welche» einen Juden -um Redattem oder Verleger hätte. Und auch von den« enigen politischen Zeitungen, die von Juden geleitet oder beeinlußt werden, ist noch nicht eine, die spezifisch jüdischen Zwecken »iente. DaS ist auch begreiflich, denn jede» Blatt muß ßch, wenn es existieren will, nach seinen Leier« richten, und die Leser find eben nicht Juden, sondern zum weit größten Teil Christen. Die 49 Millionen Demschr« lassen sich als» von den paar Juden am Naseuring führen, wie unser Gewährsmann sich ge» schmackvoll au»drü«. Die große deutsche Nation, die an