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Israelitische Wochenschrift · 1893-06-23 · 26 (23.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
26 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Hk beit prophetisch«׳» Trost uns geben: ״mag der momentane Fehlbetrag auch «och so groß, die Aussicht in die nächste Zukunft auch noch so düster sein, nicht zweifelhaft kann e» Reiben, wem zuletzt die Palme des Siegewinkt/' Mit scharsem historisch geschultem Blicke zieht Verfasser -en Vergleich zwischen den stürmischen Ausläufern der letzten zwei Halbjahrhunderte und de», Abschluß des jetzigen uud gelangt zu der Erkenntniß, daß der ״Gesammtfonschriti" der Menschheit unseres Zeitalters ein überwältigend große-.׳ sei. In dieser Sentenz liegt scheinbar'ein Widerspruch m t der vorangehenden depnmirenden Schilderung; doch der Gegensatz liegt nur auf der Oberfläche, nicht tiefer. Der Autor schilden seine empfangenen Eindrücke folgendermaßen: ״S ets auswärts führt der Pfad der Weltentwickelung Mein nur in Wellenlinien steigt er empor. Auf jede Erhebung folgt stets die Wellentiefe. Mächte und Strömungen sind stets vorhanden, die das Niveau der Weltengänge herabzuziehen versuchen und zeiNveise auch wirklich abwärts drängen." Nachden, hierauf das am Anfänge diesesJahrhunderts mit voller Schaffensfreudigkeit begonnene als noch unfertig hingesrellt und auf die schweren Kämpfe hingedeutet wird, unter denen sich stets das Reue von dem aus seine ״durch tausendjähriges llnrecht" gleichsam gel)eillgten Rechte sich steifenden Alten losringt, sahn der Verfasser fvn: ״Daher die verzweifelten Bemühungen der Reiche, ihre zerstörte Autorität wieder zu gewinnen über die Geister und Gemüther der Menschen. Daher der heiße Kampf des dritten Standes, sich die Herrschaft zu sichern in der künftigen Gestaltung der socialen Verhältniffe. Daher die verzweifelte Gegeinvehr der Besitzer, ihre tausendjährigen Rechte sich zu wahren." Schade, daß der Verfasser seine .lebenswarme Schilderung hier abbricht und sich nicht über die aus den gleichen Voraussetzungen hervorgegangenen Kämpfe innerhalb des Judent h u in s ausspricht. Wir denken aus diesen! Gebiete hat er das Geständniß gescheut, daß ,,auf beiden Seiten" gesündigt wird: im Uebrigen enffpricht diese Zurückhaltung durchaus unserem in diesen Blättern häufig genug betonten Geschmack, während des Krieges nach außen der inner» Parteistreittgkeiten nicht zu gedenken, die laufen uns nicht fort. — Mit edlem Freimuthe und männlicher Consequenz verdämmt er — weil ungerecht und schädlich in den Folgen — die Ausnahmegesetze, sie mögen gegen Katholiken oder gegen Socialdemokraten gerichtet sein, — hier scheint dem Herrn Verfasser ein Jrrthum unterlaufen zu sein, da beim Socialistengesetz die Liberalen, welche zum Theil anläßlich der Maigesetzgebung bereits Lehrgeld bezahlt hatten, kein Vorwurf der Helfershelferschaft trifft —, genau ebenso als das Bestreben der Tivoli-Eonservativen, welche den Boden unter ihren Füßen wanken fühlen und aus Furcht, in dem ttefen, tiefen Abgrund der verdienten Vergessenheit uud der Ueberlebtheit zu versinken, nach dem von ihnen bei den Strömungen der Neuzeit im treuen Busen genährte», im innerste« Herzen sympathischen Strohhalm de» AnttsemitiSmu» ängstlich greifen. Dieser soll die Brücke sein, welche ihre unter dem Ernst usie de» Zeitgeistes sich verstüchtigeude Stellung vor glttizlichem Verfalle bewahrt, und ihrer lanztnechtlichen, raulentterlichen Tradition getreu, in der bei ihnen zur historischen Eigenthümlichkeit ausgeschwellten krassesten Selbstsucht ist ei ihnen schon recht, ״eine ganze Klasse gleichberechtigter deutscher Staatsbürger ihrer bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte zu berauben und wiederum zurückzustoßen in mittelalterliche Schmach." Fort mit aller Leisetreterei und Schüchternheit! In diesem Sinne reißt Verfasser uns die Binde von den Augen und zwingt un» zu sehen. Wir sollen uns nicht begnüg^a mit den beruhigenden Brosamen, welche vom Regierungstische fallen; wir dürfen uns nicht in ׳Ruhe einwiegeu lasten, weil einmal vom Reichskanzler Worte gebraucht wurden, von denen wir uns einredeten, sie enthielten eine Verurtherlung des Anttsemitismus. Nur gegen demagogische Ausschreitungen hat er gewarnt, im Uebrigen hatte er fast ermuthigende Worte für die Judenhasser. Er wiesie ganz ruhig auf deu Weg der Verfassungsänderung ..." Wo hatten wir denn unsere Ohren, daß wir danicht heraushörten? Ohne Erbarmen weckt uns der Verfasser — und wir danken ihm dafür - au» unserer Traumseligkeit mit dem Tonnerruse: .Jede auch noch so platonische Förderung des Annseinitismus fördert direkt oder indirekt auch seine extremen Ziele. Eine Scheidung in ganzen, halben oder tausendstel Antisemitismus ist unlogisch und unhaltbar. Entweder: Der' Antisemitismus hat Recht, daun darf ich ihm auch ganz angehören, oder er ist im Unrecht, dann darf ich ihm auch nicht den geringsten Vorschub leisten .... Der Diebstahl einer Stecknadel ist ebenso Diebstahl, wie der einer Million. Nicht prinzipiell, nur graduell unterscheidet sich der Stecknadeldieb vom bankraubenden Millionendiebe". Wir können eS uns nach den einfachen und allgemein verständlichen Ausführungen des Verfasser» nicht verhehlen, wir können und dürfen uns seiner Ansicht nicht verschließen, daß der AnttsemittSmuS vor den Augen des deutschen Volkedie Regierungstaufe erhalten ha». Die Vogel-Strauß-Politik wäre hier verhängnisvoll, und wer mit offenen Augen sich in Gefahr begiebt, der hat es sich selbst »orzuwerfen, wen» er darin umkommt. ״Da ist es endlich höchste Zeit, daß alle gebildeten Menschen, alle, denen noch ein Funken für, auch dem letzten Huronen gegenüber heilig zu haltende Menschenrechte im Herzen glüht; alle, die nicht wiederum eine ganze Mensches»׳ klaffe gleichberechtigter Bürger, deren Wiegen seit mehr al»' tausend Jahren auf gleichem Boden gesunden, deren Väter in dem gleichen Mutterboden ruhen, die ihr Blut auf de« gleichen Schlachtfeldern verspritzt haben in Berteidigusg des gemeinsamen Vaterlandes, und an denen die Weltge- '■* schichte ein tausendjähriges Marchriuin wieder gut zu machen hat, wie es keinem Menschenstamme je beschieden gewesen hier - auf Erden: wir sagen, es ist wahrlich höchste Zeit, daß. alle die, die nicht Theil daran haben wollen, diesen Menschenstai wieder zurückzuftoßen in die Nacht der Jahrhunderte, sich bewußt werden, zu weicher Schmach, zu welchem der gerühmte»^ Kuitur de» IS. Jahrhundert» ins Antlitz schlagenden Hohne, ' auch die geringste Unterst ützug de» fluchwürdige«-: Antisemitismus die Hand bietet." (Schlnh folgt.) ■ג'.!

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