Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 17 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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..«Ali n •#/,-, d H« raubgegeben bmi Ur. W. >ah»er In Magd« bürg. Jtr JUrrtittuf ul -rirtzruß str ür jsnMsche JtirnUir. Inhalt Ontel Aettz. Ei« Erzühlung aus ixm jüdischen FamUlenleb.n L«n I. Herzberg, kromberg. — Ei» Leider in der i»r. Bolkttüche in Berlin — Ein seltenes Jubiläum — Der neu« Heine. Bon Hugo Lndriessen. — Siillhsel-Ausgaben. — RLthsel-SSsvngen. llludefngter Richdrnck <uw diese« VUttc ift »ntrrsngi.) H»Let Aeitz. Ein« Erzähl»»- au» de« jüdische» Familienleben. Bon I. Herzberg, Bromberg *1 (Nachdruck verbalen l> Ja der Wallstraße deS ostfriestschen Städtchens A-, einer laugen, schmalen, in der sogenannten .Neustadt' belegenen und meist von Juden bewohnten Straße, herrscht heut« «in ungewöhnliche« reges Treiben. Doch ist es nicht etwa, wie man annehmen könnte, der Jahrmorktstrubel, der, wie sonst immer, namentlich in der genannten Straß«, ein solches Menschengewühl hervorruft; — dazu herrscht, trotz aller B«. wegung, eine zu geheimnißvolle, >a, nahezu beängstigende Stille, hat sich rin zu tiefer Ernst aus die Gesichter Aller Ä. Ist es doch auch kein gewöhnliches, alltägliche» mniß, da« heute Jung und Mt in dichten Schaaren hin uach der Wallstraße lockt. Nicht ist der ernste Akt, den au vollziehen man sich anschickt, nicht di« Befriedigung de« Bedürfnisse«, einem dahingeschiedenen Mitbruder da« letzte Ehrengeleit« zu seiner ewigen Ruhestätte zu geben, die Ursache jene« ungewöhnlichen Leben«. Ist doch der Todte, den jene« kleine, schmutzig-graue Häutchen birgt, kein« so hervorragend« Persönlichkeit. Vielmehr ist e« das Geheimnißvolle und Rächselhafte, mit den, di« geschäftige Fama Letztere umwoben hat. Knüpfe« sich doch an da« «»scheiden de« zu bestattenden Manne« Vorkommnisse der seltsamste» Art, wie sie einzig dastehen in der Geschichte der jüdischen Gemeinde zu A. Alle« horcht und lauscht daher voll Neugierde; rin Jeglicher verlangt immermehr Aufklärung über da«, wa« man sich zu erzählen weiß. Und in den drei Tagen seit dem plötzlichen und so unerwartet schnell eingetretenem Tod« des einsamen Bewohner« jene« Häuschen« hat man schon Dichtung und Wahrheit so innig miteinander verwoben, da« mail voll Neugierde und aus« Höchste gespannt dem lauscht, wa« aeheim- «ißvoll von Mund zu Mund geht. — Hier vereinzelt» dort in Gruppen stehen schwarzgekleidete Männer- und Frauengestalten, sich im Flüsterton« über da« unerhörte Ereigniß unterhaltend. Einer weiß den Anderen im Erzählen neuer Thatsachen der so rächselhaften Affairr zu überbieten, eine Bermuthung drängt die andere. „Ist es wirklich sein Sohn?“ fragt Reb Ehaim Brumm den eben näher tretenden Reb Mausche, den Vorsteher der Ehcwra kadischa. .Gewiß ist e« sein Sohn; ich habe e« ja mir eigenen Ohrengehört, wie er gerufen hat: »Mein Sohn 1" antwortete Reb Mausche. .Und ein Meschummed ist er auch?' fragt nun ein Anderer. »Ich sag' Euch. Onkel Feiß» olow hascholaum, kann gewiß nicht« dafür» wenn sein Svhu sich geschmadt hat. Ich laß nicht« auf ihm kommen!* Mit diesen Worten vertheidigt Reb Mausche de« Onkel Feiß. Eben ist ein alter, behäbig aussehender Mann im Begriff, an Reb Mausche eine Frage zu richten, im selben Augenblicke aber wird ein Sarg aus die vor der, kleinen Hause stehende Bahre niedergelassen. — Also Onkel Feiß ist es, den man in die'rm Augenblick zu Grabe tragen will. Und fragst Du, lieber Leser: wer ist denn Onkel Feiß daß sein Hinscheiden eine so mächtige Bewegung bei der Judenschast A.'S hervo'.zurufen im Stande ist. So wisse denn: Onkel Feiß, oder eigentlich Philipp .Hartwig, wie sein profaner Name lautete, lvar da« Faktotum der jüdischen Gemeint»! zu A. Jede andere Persönlichkeit von der Zunft, der Onkel Feiß angehürte, würde man mit .SchammeS' bezeichnen; bei diesem aber reicht tuest vulgäre Bezeichnung keine«wegs hin, da sie zu eng begrenzt wäre und sich bei weitem nicht auf all die mannigfaltigen Obliegenheiten erstrecken würde, die innerhalb seine« amtlichen Pflichtenkreises gelegen. Onkel Jeiß vereinigte schier alle Fähigkeiten eineS gewöhnlichen, jüdischen Gemeindebeamten in sich, wodurch er sich seiner Gemeinde im Laust der Jahre ganz unentbehrlich gemacht hatte Bei Erledigung der wichtigsten Gemeind«»Angelegenheiten konnte uud mochte man seine« Beistände« nicht entrathen. Würde beispielsweist die hochlöbliche Gemeindeverwaltung im Winter bei herrschender grimmiger Kälte im Stande sein, mit dem üblichen Aufwand von Z«t und Ausdauer über da« Wohl der Grmeindemitglirder zu berathen, wenn Onkel Feiß nicht für die behagliche Wärme innerhalb .Kohol'« Stub'" (GemrindIimmer) Sorge getragen hätte? Und wenn in schwülen Sommrrtaaeu nach langer, erregter und heißer Debatte die so beredte Zunge des ersten Vorsteher« vor Durst schier am Gaumen llebte, wer war e« da ander«, alt, wiederum Onkel Feiß, der ihm .da« Waffer reichte." Wohl nicht mit .Rach", doch aber mit .Thai" stand er dem hochlöblichen Gemeindevorstande treu zur Seite. Er war unentbehrlich in Freud wie in Leid. Diese Unentbehrlichkeit de« Onkel Feiß kann man schon daran ermeffen, daß man ihn heute gleich, an seinem eigenenzBrerdigungstage aufs schmerzlichste vermißte. Seht, mit welcher Nnbeholfeuheit der provisorische Nachfolger des Onkel Feiß die mächtigen Z'dokoh') Büchsen in den Händen hält. Alle« denkt mit Wehmuch daran, mit welcher Gravität sonst Onkel Friß bei Begräbnissen zwischen der leidtragenden Menge mir diesen Z'dokoh- Büchsen in den Händen rinherschritt, hin und wieder den Inhalt derstll>en aufrüttrlnd, um durch das entstehende Teräusch dir Umhcrstehenden an chre Wohlthängk^ttpflicht zu gemahnen. Trat ein Spender an ihn heran, und warf er schweigend seinen Obolus in den Orku« einer der mächtigen Büchsen, so sprach , Onkel Feiß für ihn den üblichen Spruch: .Z'dokoh taMlr / mimowes!' ’) Auch war er eitrigst bestrebt, den Wohlthätig- ‘) Xlmojtndüchje». ’) .•fmofrogttien bewahrt vor de« Tobe.