Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 15-16 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 4)
- Language
- German
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Leib streng hielt, hotte sehr gefühlvolle Stellen, doch versck>loß seine eherne Prüft diese Gefühle tief im Innern. Wie bekannt, befindet sich die Prager Josrfstadt, das ehemalige Ghetto im Ucberschweminungsgebiete, und wurde dieser Smdttheil i'cit der ältesten Zeit fast alljährlich von der Moldau überschwemmt, zu mancher Zeit drohte hier die größte «Kesahr. Im Winter des Jahres 1764 nahm dir Ueberschivemmung daselbst die höchste Stufe ein. Nach einem strengen, anhaltenden Winter, trat plötzlich im Februar Thauwetter ein, die Schneemassen schmolzen rasch, das Ei« brach und es stauten die Eismassen. die wild > heranitürzende Flut durchbrach plötzlich die Dämme und j drang alles vernichtend in die tiefer gelegenen Räume, die i zumeist von ärmeren Familien bewohnt wurden. Alles eilte zu retten, euch Bcrl arbeitete mit übermenschlichen Kräften, UNI Menschen und Einrichtungsstücke aus den überschwemmten Wihnungen zu retten. Die ganze Nacht stand er bis zu den Hüften im Wasser und rettete, was möglich war. Den Morgen darauf mußte er sich zu Bette legen, er hatte sich eine Lähmung der Füße in Folge der Erkältung zugezogen. Drei Wochen war er bettlägerig. Im Hause ging cs immer schlechter. Taube mußte fast alle Einrichtungsstücke verkaufen; Bettstellen und Betten, die Kommode, die Uhr, welche die GeburtSslunde seiner Rinder und von zweien die Sterbestunde geschlagen hatte, waren schon dahin. Taube kaufte für das erlöste Geld Fisch.', buck selbe und ging damit hausirrn, für den Gewinn schaffte sie dann Nahrungsmittel und Medikamente, zumeist reichte der Gewinn aber nicht aus und sie mußte das Kapital hiezu verwenden. Eines Abends fehlten alle Hilfsmittel, die Wohnung war bereits leer, nichts war mehr-zu verkaufen dort. Die arme Taube und ihre Kinder kauerten an der Asche eines spärlichen Feuers und sahen mit hungrigen Blicken in die motte Glut, denn den barschen Pater wagte» sic nicht aufzulchauen. Eines der Kinder bat um Brod, es habe Hunger. Taube wand sich ab und weinte. Urplötzlich sprang mit einem Male Berl, seinen krummen, schmerzenden Füße trotzend, von dem Strohsack, auf dem er lagerte, auf, vcrriegllre die Thüre und holte die in einem Winkel hängende, staubbedeckte Ofeige. Niemals hat wohl ein Musiker die Töne seines Instrumentes mit dürstenderer >fst:r in sich gesogen, als Be rl, da er den staubige» Bogen j ül>:r die noch vorhanvcnen drei Saiten seiner lieben Geige führte. „Still, still," flüsterte die Mutter ihrem ältesten Knaben zu, .still" wiederholte sie und brach aufs Neue ,n Thränen aus. Der Kleinste, ihr Liebling, jagte mit bläulich zitternden -lippen: „Mamma, soll ich tanzen, der Vater hat nicht gespielt seit die Kinder gestorben sind." Berl schien kein Wort zu hören, er spielte fort, bis sein Herz sich an Tönen gesättiget hatte, dann blies er de« Staub' torgfältig von Geige und Bogen, band ein Tuch darüber und nahm sie unter den Arm. „Berl!' rief Taube erschrocken, .Du wirst sie doch nicht verkaufen? Bcrl thu'S nicht, Du hast ja selbst oft gesagt, daß Tu lieber sterben würdest, bevor Du dir Fiedel hergiedst. Dreißig Jahre schier hast Du sie schon, Berl lieber, thu'S nicht," setzte sie bittend fort, als er, ohne ihrer Worten zu achten, das Zimmer verlassen wollte. .Berl laß sie da, ich bitt' Dich hoch und theuer, laß sie da, war sie es doch, die uns zwei zusammcuführte, und Du warst nur dann mit unS freundlich wenn du gespielt hast, sie hat dein Herz erweicht und war unsere einzige Freud« auf der Welt. Berl es wird wieder der Tag kommen, ivo unser Herrgott auf uns schauen, wo wieder uns die Sonne scheinen wird unl» Du wirst wieder spielen. Berl gab keine Antwort und verließ die Stube. Er schritt hastig, den Schmerz seiner Füße nicht achtend, den > Weg dahin. Seinen Schritten, seinem gebeugten Haupte, i dem ganzen Ausdruck feines Gesichtes, konnte man ansiHen, daß er sich zu dem Unangenehmsten entschloffen, und daß er es um jeden Preis durchführen werde. So kam er in die .goldene Gaffe" und trat ick den ersten Laden des ersten Trödlers ein. „Boraoh rofe oholim,') Berl, bist wieder gesund?" bewillkommte chn dieser. .Jak war die kurze Antwort, kauft mir dir Geige da ab." Eine Weile betrachtete der Trödler diestlbe, dany. sagte er: .Was kann das alte Grümpel werth sein?" .Einen Thaler", erwidert Berl. .Gott soll hüten!" schrie das rasch hinzugckoiumeue Weib des Trödlers, .es ist beinah« gar nichts weickh." .Nicht einmal das soll'» wetth sein?" ries Berl trotzig .so hätt' ich's nicht zum Verkauf gebracht, aber unser Herr»' gott weiß" — das Geständniß seiner Noch konnte er nicht über seine Lippen bringen, er schwieg still und ging weiter. Bon Laden zu Laden, von Kramstelle zu Kramstelle, nirgend« bot man ihm auch nur l v Groschen für seine Geige und er hätte sich doch so gerne mit diesem Betrag begnügt. So kam er zur steinernen Brücke, die über die Moldau auf die Kleinscite führt. Es war bereits Nacht und nur wie einen schmalen Silberfaden warf die kaum sichtbare Mondsichel ihr Licht auf den Wasserspiegel. Da blieb Bert einige Minuten stehen, um sich zu erholen. Sein ganzes Elend zog an ihm vorüber und nun, da kein Auge nahe war, das ihn sehen konnte, rannen die heißen Thränen über seine braunen, tiefgefurchten Wangen herab. Da« sanft dahingehende Gewässer winkte chm zu, wie ein trauliche« Bett für den Müden, den die Welt mit seinen Kummer von sich gestoßen.- Er legte die mit dem Tuche umbundenc Geige auf die Brustwehr, stützt« den Kopf mit de» Händen und starrte wie geistesabwesend in den Fluß. .Wäre ich aus dem Weg", brummte er halblaut vor sich hin, .die Leute würden sich Taube und der Kinder annehmen, so lange ich leb' dürstn sie nicht« nehmen, ich Hab'« dem Rebbe versprochen. — ES giebt ihnen auch Keiner was, so lang ich leb', denn mich kann Keiner leiden, es hat mich auch nie Jemand leiden können, außer mein brave- Weid. Ich bin das einzige Hinderlich für Taube aus der Wüt so lang ich leb' hat sie nur Roth und Kummer. .Ich bin rin Unmensch, jetzt kann ich nicht einmal mehr was verdienen, drum fort mit mir, ich mach'Platz — doch hier nicht, mich 1 X 1 -s 3 darf Niemand finden, Keiner soll wissen, wo ich hingekommen ■ bin, diese Busche') thu' ich meinen Kindern nicht an." Er nahm wieder seine Geige und schritt reff im Entschluß, auf der Insel Kampa zwischen den Mühlen, durchs einen Sprung inö Waffer, seinem Leben ein jähes Ende zu bereiten. Er dachte, daß dort die Mühlräder seinen Leichna«n bi« zur Unkenntlichkeit zermalmen würden. Als er über dir Brücke kam, blieb er plötzlich vor einer Auslage» in welcher zwischen verschiedenen Antiquitäten auch einige Geigen hingen, stehen. „Ich probir' eS da noch einmal und wenn er mir «eine Fiedel avkaust, so schick' ich da« Geld meiner Taub«, demit sie morgen dm Kindern etwas zum Essen kaufen kann". — Gesagt, gethan, er ging in den Laden und bot dem Händler sein Instrument an. Dieser besah die Geige und dann Berl genau. Er dachte Berl hatte sie gestohlen, weil er zu so später Nachtstunde in seinm Laden, der zugleich be« Trödlers Wohnzimmer war, eintrete und mit beinahe zitternder Stimme, sie zum Verkaufe an bot; nachdem er Berl genügend sixirt hatte, stagte er, was er dafür verlange? — Berl getraut« sich keinen Preis zu nennm und antwortete, daß er die« seinem Berständniß überlaffe. fl Gesegnet, der di« Jhunten heilt. •) Scha»de. t,'iJj