Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 3 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ihre sacht« in ft&fcCb.' „Sieter Batcr' — lieber Mmm!. heulten durcheinander di« Wittwe und chrc Kinder, .Wie läßt Du un» znrkck? Wer wird un« Brod geben?- .Wir roh, wie selbstsüchtig ist doch die Menschennatur!' flüsterte mir mein Freund zu. .Sie kleinen nicht um den Todtrn, sondern um de» Verlust desjenigen, der ihnen dm» Futter gereicht." .Geh. Du bist ein Händelsucher', sagte ich, .die Natur und die Menschen können e« Dir nicht «ehr recht thunl' .Ja, die Menschen", begann er; aber weiter vermochte ich nicht zu hören, denn in diesem Augenblicke entstand ein wirre« Durcheinander, ein Schreien und Toben, ein Gellapper mit Schaufeln und Spaten, von welcher jeder der Anwesenden eine ergriff; ein Geräusch von Erdschollen, die krachend in da« Grab hinuntcrkollerter und zwischendurch da« markerschütternd« Wchegeheul: ,^W«r wird un« jetzt ernähren?" Jndeß füllte sich die Gruft unter den emsig arbeitenden Händen, so daß i» kaum eirer Minute, an der Stelle de« offenen Grabe« ein Keines Hügelche» von frisch aufqeschichteter Erde sich erhob. Gewaltsam wurden Frau und ftinto vom Grabe fort» gerissen, und mit ihnen verloren sich bald alle Anwesenden, die nach verschiedenen Seiten sich zerstr nuten. T« Tummelftäite so vieler Menscstn war jetzt einsam und verlassen Ter Leichenwagen stand am Eingänge de« Friedhöfe« und die auaaespannten Pferde grasten friedlich »wischen den Gräbern. Wie zuvor rauschten dir vom Wind« bewegten Trauerweiden und goldiger noch senkte sich die Abendsonne aus di« stillen Grabmäler, di« in ihrem Lichte ahnungsvoll glitzerten und flimmerten. .Da« Strick ist aus, und Damen und Herren gehen nach Haue-!' zitirte mein Freund einen Ber« Heine'«, e.nen traurigen Blick um sich werfend. Eine geraume Weile wandelten wr stille zwischen den Gräbern . . .Wenn man nur wissen könnte" hul> wieder mein Freund nach einem laugen Hinbrüten an, ,waS eigentlich die Nftur von uns will — findet sie mehr am Tode oder am Leben gefallen? Denn mit gleichem Fleisft ist sie sowohl in dem «men als in dem andern Punkte thütig. Diesmal erwiederte ihm jemand anders für mich und Ovar viel nachdrücklicher als ich e« je gethan hätte. — Ein stilftiller, langgezogener Pfiff nämlich erscholl au« naher Gegend und tn demselben Augenblicke brauste vom naheliegendem Bahnhof« der Eistnbahnzua vorüber, au« txfsen Fenstern lachend« und blühende Gesichte c sich hervordrämften, dir grüßend ihre Taschentücher schwenkten. AuS dem Ldkomotivenschlvte jagten unterdessen wilde Rauchwolken hei vor, dir wie beflügelte Boten sich nach ollen Winvrichtuugen vertheiltrn und auch über den Frieihof in kräuselnden Windungen dahinschwebten. Wie fortgebannt waren auf einmal die traurigen Gestalten des Todes aus meiner Seele und das Leben lichte mich wieder aus tausend Bildern an. — Der weite, verklärte Himmel, di« lichten Wölkchen, die wie Goldfischlein in dem, Luftmeerr herumschwammen, die balsamische Abendlust, die!glitzernden Thautropscn, — alles ach net, duftet, leuchtet, ichelt und lächelt einem in die Seele da« allumstriädnde Zauberwürtchen: Leben! Litt.h. »««an an« »er Zett »er letzt« StnftattrtMtfM«« irt «ntzla»» *■» «rzafecn. *4] Bon H. «er,er. Neunzehnte« Kapitel. Der Sommer nahte heran "und die Fett, da der Stüdter sich aus,nacht, um in Seoul« erfrische» und Bädern Erholung nach den Arbeiten cinei^nstreng«»den -Üf „ _ _ gvetze Strom ' l*t* Zmnlfton kam aiikr jene Erholungsbedürftigen, welche ein für «re Longe und Ruhe für ihre Nerven suchen. Anstalt de« Herrn Dr. H. ist «ine spezifisch jüdische Anstalt, deren Haushalt nach jüdischem Ritus ßcfttyrt wird, so daß es de« strvmaläubigen Kranken ermöglnbt ist, hier Vfcenfo-.Jf gut bm jüdischen Gesetze gemäß zn leven wie m Hanse, nnd kein Gewissenszwang den Erfolg der Kur fraglich macht, Trotzdem wird die Anstalt auch von Richtiuden besucht, und «ü herrscht nur ei« Stimme de« Lobe« bei allen Patienten sowohl hinsichtlich der Pflege als der Belüft» ung und Behandlung. Wie ein« große Familie die Patienten und der!fnt beisammen, und kein lauter Ton stört di« Harmonie. In diese Familie war Mirjams Rabbinowitsch eingetreten, krank und schwach. Die aufopferltde Pflege hotte ihren Körper gelrüftiot, und die Spuren jener bösen Lungemntzündnng, die stc in Bork durchgemacht hatte, zeigte sich nur noch in ei« Husten und in großer Mattigkeit, ivelch letztere wohl aber auch die Folge de« hier Überstunde nen Wochenbette« fetn konnte. Anfangs hatte sie sich zurückgezogen, mit Rückst auf ihren Anstand, und jetzt, da-sie sich kräftiarr fühlte, thät ihr diese AurückgeZogenheit so wohl, daß sie dieselbe nicht ans», geben wollte. Dr. H. hatte sich bereit nnd einverstanden er-, klärt, ei« Gesellschafterin für sie zu finden und seit acht ’■ Togen war diese in derPersonSittah's da.Mirjam war ganz «ntzüch^ von Sittah und konnte dem Geschick nickst dankbar genug für sein, daß es ihr gerade diese« Mädchen zugesaudt^ Diese Bescheidenhest, diese Freundlichkeit und Selbstlosigkeit, diese Frömmigkeit, die ans dem Herren kommt, birst K«n niffe in Verbindung mit stinen Manieren, und der besmr! Schönheit des Köcher», welche sich in Sittah hatte sie noch nirgends beobacht«!. .Du wirst bald eifersüchtig werden", schrieb Mirjam ihrem Man«^n.denn bin verliebt, närrisch verliebt in »»eine — Gestllschajteri» Aber nicht ich allein bin so närrisch. Men dn< sie sehen »ad kennen lernten, hat sie eS angctbaft. Si« perjteht.meine Wünsche von meiner Stirne abznleiot«, und che ich dieselben ausgesprochen, sind sie erfüllt. Äc' wachk über mich uqb mein Kind, wie ein Geizhals Über seine ^Schätze wacht,' und tyrannisirt mich mit mei«m Millen.^»-wrtnrm Besten. Kurz, es ist ein Kleinod; rin Juwel, ü» Ekhrl an Gesmlt und Schönheit." — Die günstige Einwirkung Ättah'S ans den Zustand de« GrmütheS Mirjam« war unverkennbar. Eine Heiterkeit de« Geiste« war bei der Kranken emzekehrt, dst^ wohlthätia auf die Kräftigung de« Körper« wirkte, und besstnÄs als alle Medizin und Ruhe da« Fortschreitrn der Ge«snng^^ förderte. De« Tages über hatte sie so viel Beschäftigung und Zerstreuung für Mirjam stet» bereit, daß die Langes weile gar nicht dazu kam, ihre bösen Begleiter, dst .Grillen',' zu stnden. Mirijam war ihr höalich dankbar und lieble sie, jetzt schon wie ei« Schwester. Auch Sittah fand Gefallen , an der jungen Frau, und in der kurzen Frist hatte sich, zwischen den beiden Damen «in so inniges Beichältmß gebildet,'? wie man es sonst unter gewöhnlichen Umstünden nach Jahren s nicht findet. Heute finden wir Mirjam mit ihrer Freund« im] tmulichen Gespräch auf stner Bank scheu, wo wir sie zu« trastn. Mirjam hat seine Handarbeit vor sich wäh Sittah aus der amerikanischen Zeitung, die sie in derl hält, vorgelestn hat. .Sind Sst auch müde-, fragt Sittah jetzt, .dann ich anfhürrn." .Nicht eigentlich müde", entgegnet Mirjam, .aber spannt. Hören Sie ans zu lesen und erzählen Sie mir.'c »Ja, gerne, aber wovon soll ich Ihnen erzählen?" .Sprechen Sie von Ihrer Kindheit, vcm Ihr« Elt sprechen Sie von Ihrer Heimach"