Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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der deutschen Litteratur die Achtung der Welt zu gewinne», auf« mannigfaltigste berührten, zugleich für die Aufklärung, die geistige, sittliche und nationale Hebung ctller Kinder de« Vaterlandes kämpfend. Herr Dr. Appel schilderte in einem volksthümlichen, in warmen Tönen gehaltenen Bilde das Leben und die Verdienste Moses Mendelssohns. Er stellte ihn als Menschen, als Förderer der deutschen Litteratur, als Philosophen und als Befreier des JudenthumS aus dem verderblichen Bann eines falschverstandeneu Zusammenhalten- und damit als den Mann dar, der die deutschen Juden für die Interessen des deutschen BatrrlandeS reif machte. Wir müssen es uns versagrn, den Gedankengang des lehrreichen BortragS, dem eine zahlreiche Versammlung von Damen und Herren mir gespannter Aufmerksamkeit folgte, ganz hier wieder» zugeben. Redner gab ein eingehendes Lebensbild diesejüd. Gelehrten, der eS aus eigenem Antrieb« und ohne je eine Gelrhrtenschule und Universität zu besuchen, geworden ist, und citirte eine Reihe charakteristischer Aussprüche auS seinen Schriften und seinem Briefwechsel mit gleichgesinnten Zeitgenossen, die ganz geeignet waren, den edlen Charakter ן Mendelssohnzu kennzeichnen. Mendelssohn, der leider zu früh, im 57. Jahr seines Lebens, verstarb, war kein Refor» mator, sondern «in Germancsator, denn er führte dajüdische Volk zum Deutschthum und ihm hierfür für immer dankbar zu sein, hat das Judrnchum heute nodj und für alle Zeiten, alle Ursache. Redner erntete für seine trefflichen Ausführungen lebhaften und reichen Beifall. Land«» 21. November. Gestern fand in den Räumen des ״jüdischen Arbeiterclub" eine öffentliche Sitzung des ,Schomre- Schasbath-Bereins" statt. AU« Plätze waren dicht besetzt. Der Chiefrabbi, welcher den Borsitz führte, erinnerte die Zu- Hörer bei Eröffnung der Sitzung daran, daß man durch Entweihung de« Sabbath'S den Grundpfeiler des jüdischen ReligiousgebändeS untergraben würde. ES wäre auch ganz unbegreiflich, wie dir, welche um der Religion willen aus Rußland entflohen, hier in einem freien Lande, wo kein Gewifsenszwang auf ihnen laste, dieselbe Religion unter die Füße treten könnten. Es wurde alsdann beschlossen: »Die Versammlung verpflichtet sich. Alles aufzubieten, daßssowohl von Leiten der Arbeitgeber als der Arbeiter Gelegenheit geboten «erd«, die Eabbotl-ftirr halten zu können.' Dr.Lrrnrr, welcher die Resolution unterstützte, erklärte: ״Wir wollen durchaus keinen Eingriff in die Domaine der Gewerbe-Bereinigungen thun; wir haben nur einen religiösen und Humanitären Zweck im Auge. Es ist unglaublich, zu hören, wie besonders die Schneider am Freitag-Abend übermäßig arbeiten, was nicht allein eine traurige Wirkung auf die Religion, sondern auch auf den Comfort und die Moral der ganzen Familie übt. Der Freitag Abend ist der einzige Abend in der Woche, an wclchem die jüdischen Arbeiter während einiger Stunden in religiöser Weihe und gemüthlichem Berkehr mit Frau und Kindern zubriagen können, deffen erhebende Feier sie gemeinschaftlich begehen und dessen Mahl sie gemeinschastlich in Ruhe und Gemüthlihkeit begehen können. Die Wurzel des Nebels liegt darin, daß man in diesem Gewerbe die Arbeit bis zu den letzten Tagen der Woche sich anhäufen läßt. Die einfache Einrichtung, die Hauptarveit am Mittwoch und Donnerstag zu erledigen, würde allein hin« reichen, die Sabbathfrage zu lösen. Die Arbeiter müffen die Arbeitgeber zu veronlaffen sich bemühen, ihnen in diesem Bestreben entgegen zu kommen." R«ß1a«d. Unter dem Titel »Eine jüdisch« Dynastie in Bulgarien", veröffentlicht die ,Rowoje Wremja" einen Arttkel, dem wir folgendes entnehmen: Di« beabsichtigt« Revision der talgaTifdieit Beifaffung »erbt nur tmtrmommtn, um tn Bnlgarie« tiot An jüdischer Dynastie ciuzufttzen!7-s c.uf dies« Weis« «in nurs mächtige« Reich aus der Balkeuhälbtnsel zu schassen. Es heitzr, Stambulow sei zu der Ueberzeugung gekommen. $ l und zwar unter Beihilfe gelehrter Korichnnoen, mit denen rin« ga«ch« Lommiision seiner Fr»nde beschäftigt an»eft« sei, best die Vulgaren gar keine flavtsche Ration, sondern eine ülkischung irgend eine« türkischen Stamme« mit Juden seien. Wir wollen, so schreibt die .Rowoje Wrrmja", so lang« die Resultate dieser Untersuchung nicht »ertssentlicht worden, keine Beweis« zu Gunsten dieser Idee der gelehrten Bulgaren Stambulowscher Schule anführeu. Stambulow kalknltr», dah mit Hilfe der Schule die Ueberzeugunz davon, daß die vulgaren Juten seien, bald in die Raff« der BevSIkerung dringen und Bulgarien di« Sympathie des ganzen Judenthums auf dem Srvball« geiviuneu werde, woraus daun ein« jüdisch« Dynasti« auf den Thron gelangen werde. E« handle fich nämlich darum, dah der Prinz von tkoburg sich in eine reiche Jüdin verliebt Hab«, welche de» Glauben ihrer Väter um der Ehe mit dem bulgarische» Fürsten tville» nicht ablegrn wolle. Die Unterhandlung«» seien unter strikter Wahrung des Geheimnisses mit de» Stier» der Braut > geführt worden. Schließlich sei man übereirigekommen, dah die Jüdin nominell lutherisch werde, doch unter der Bedingung, dah di« der Shr entlpringeude» Linder frei erzogen würden, »hu« bi« zu ihrem t«. Iah« irgend «in« der christlltde» «ouftifionr» anzugrhöre». Braut und Brüutigam kamen dieSbezügl'ch überri«, wobei »er Prinz von Sotzurg. im Stillen hoff«, diese Abmachung im Lauft der Zeit »mzuftvhea indem er sein« Gemahlin veranlaff«, ihre Ueberzeugung zn tndern; di« künftig« bulgarische Fürstin ihrerseits hofft, dah ihre Linder Inden sein werde», und daß die «norme» Geldmittel ihre« Vater« und ihrer Verwandte» eia« mächtige Stütze sein würden. Dftft She bilde das Tagesgespräch •\ im ganzen reiche» gndenthum. Da», so bemerkt die »Rowoje Srewja-, ■■■! sei die Ursache, weshalb in da» Projeft einer Revifio» her Lonstitntio» ,} der Paragraph Aufnahme gefunden Hab», laut »elchem die Linder de»- Fürsten fich ihren Glauben selbst wählen dürfen. Wir geben diesen alberneu Scherz der ״Nowoj« Wremja'z nur wieder, um zu zeigen, mit welchen Mitteln man in ׳: Rußland gegen Stambulow uud den Fürsten Ferdinand-: Stimmung zu machen sucht. Man darf dabei nicht vrrgeffertz : daß die ,Rowoje Wremja" ein offiziöse« Organ ist, da« mit Vorliebe zu Kundgebungen der Regierung benutzt wird. M^t«n, 12. Dez. Dem Bureau Reuter zufolge solle» demnächst .außerordentliche Maßregeln" ergriffen werde», um. die noch in Moskau lebenden jüdischen Handelsleute zu zwing«ch, 3 sich der griechischen Kirche anzufchließen Die Handelskammer^ hat eine Resolution gefaßt, wonach alle Juden von der Liste der Moskauer Kaufleute gestrichen werden sollen. Jüdische Kaufleute aber, welche die griechische Religion annehmen, sollen auf eine dreijährige Probezeit cach dem 10 km ent»^ feinten Dorfe Tscherkcjowa versetzt werden, wo sie uatett, Aufficht der lokalen Geistlichkeit ihre neuen reltgiöfen Pflichte« zu erfüllen hätten und je nach ihrem Erhalten wird ihnea dann die Rückkehr nach Moskau erlaubt oder verboten werden. WaS die Schüler des Herrn PobjedonoSzrw wohl noch aus» - denken, um Andersgläubig« zu bedrücken und zu vernichten l — «,chtrag. Aerki«, 14. Dez. In der heutigen Sitzung de« Reichstages kam der jetzige Führer der Ratau-Tonsrrvatlven und Vorsitzender auf dem Parteitage, Frhr. von Ma nteusfrl,^ auf die vorgestrigen Angriffe Caprivi'tz zurück und erklärt^ der Reichskanzler müsie falsch unterrichtet gewes׳m sein, die^ Conservativen würden .demagogisch" in gutem Sinne, d.^j h. ,volkSthümlich" aufkreten. Diese EiAärung rief lebhaftea^H Widerspruch und lautes Gelächter im :Hause hervor. — Der 5^ Reichskanzler erwiderte sofort, daß ec sein« Kenntniß über^ das Auftreten der Conservativen aus dem Parteitage auS-tz dem gewiß gutunterrichieten Parteiblatt, der,Kreuz-Zerturrg" j geschöpft habe. Die uvverhüllte Theilnahme des Partei«^ tagefür den verurtheilten Mann, der da« deutsche׳ Heer in einer bisher unerhörten SSeise angegriffen >1ndsA geschädigt habe, und besonderdie daselbst gefallene Aeuße->H rung eineconservativen Redner«, daß zehn ShlwardtS und^ Arrttsemitrn bester seien, als eia Freisinniger, mußten in ihm? die schwersten Bedenken gegen die konservative Partei an-: regen." (Lebhafter Beifall.) Im wettere» Nerleus der Sitzung wurde der von 3 Antisemiten 1 13 Doeialdemokrnten unterschriebene Antrag L. ». Sonnenberas Sinftelluna de« versah׳ en« gegen Ahlwarbt «ms Grnnd de« Art. der Verfassung (Jmmuntiät «er Abgeordnete») vom Staadpnnkt« > gleichen R«yt» für jede« vom Volke gewählten Vertreter angenommen. 1 u*M|