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Israelitische Wochenschrift · 1892-12-02 · 49 (2.12.1892) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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bert un* gar nicht: der ganze Antisemitismus ist ja nicht» weiter alS ei« großer Betrug. Vorspiegelung falscher Thal» scchen in gewinnsüchtiger Absicht, eine Mischung der Wahrheit, — wer in solcher Atmosphäre sich bewegt, der verliert allmähsich das Gefühl für Gerechtigkeit und jede Wahrheitsliebe, de« kommt'S auf eine Lüge, Täuschung. Fälschung, Betrügerei «ehr oder weniger nicht an.) MümSe». Die hics. .Neuesten Nachrichten" veröffentsichen an der Spitze ihrer ,Handelszeitung" folgende zeitgemäße Erklärung der Redaktion, die von allen einigermaßen liberalen Blättern nachgedruckt zu werden verdient: .Konfessionallsmus im Geschäft."-An der Spitze deS Jnseratentheils des neugegründeten hiesiger Antisemitischen Organs wird die Parole ousgegeben ,Kaust nur bei Christen!" Heber die grundsätzliche Verwerflichkeit der vielfach gemachten Versuche, konfessionelle und politisch« Gegensätze auf das bürgerliche und das Geschästslebcn zu übertragen, wollen wir kei» Wort weiter verlieren. Charakteristisch ist jedenfalls, daß in dem ״Boykottsystrm" die Antisemiten dasselbe Kampfmittel anwenden, besten sich die Sozia ldemokraten jüngst mit Vorliebe, aber meist ohne Erfolg bedienten. Ein solcher ist praktisch auch von der Aufforderung .Kauft nur bei Christen" kaum zu erwarten. Abgesehen von einzelnen Ouertöpfrn lauft alle Welt dort, wo sie an besten bedient wird, gleichgütig, ob der Verkäufer ein Jude, Christ, Türke oder Antisemit ist, und das wird auch in Zukunft trotz aller Verhetzung so bleiben. Denn schließlich will doch jeder für sein gutrs Geld gute Waare und reelle und zuvorkommende Behandlung. Wo in jüdischen oder anderen Geschäften es an diesen Houptcrfordernisten mangelt, werben ohnehin die Käufer ausblciben. Sind die jüdischen Kaufleute vielleicht hie und ta reger, so sollte das für ihre christlichen Genossen nur eitic Aufmunterung sein; ist der Christ bet reellere und aufmerksamere Kaufmann, so kommen di« Kunden ganz vou selber zu ihm. Durchaus zu verurtheilen ist es aber, wenn Cinzclne sich der konfessionellen Hetze anschließen, um vielleicht auf diesem Wege sich ohne größere eigene Anstrengung eine lästige Konkurrenz vom Halse zu schaffen Zugleich mbgrn die Betreffenden bedenken, daß bei einer Umkehrung des Spießes wohl auch mancher christliche Kaufmann zu Schaden kommen könnte, der bis jetzt jüdisches Geld nicht als anrüchig zurückwies. Jndeß ist ja vernünftige lieberlegung und, sagen wir einmal milde. Logik nicht Sache des richtigen Gesühls-Anti'rmiten. Wir möchten die antisemitische Bewegung, die bis vor Kurzem in Bayern keinen Boden harte, zur Ehre und zum Nutzen unseres engeren Vaterlandes von ihm möglichst srrnhalten. Deshalb unterstützen wir ihre Verbreitung auch nicht durch unnöthige Puüizirung bisher ziemlich unbxdeuiendrr Kundgebungen. Daß bedenkliche, aus doS Gescl üslslcden üdergrnsende Auswüchse, wie die Verfrhmung der jüdischen Geschäfte, nicht zu großen Schaden verursachen, dafür wird der gesunde Geschäftssinn unseres Volkes fchon von selbst sorgen. O» ststtretch-U »gar». Mte«, 26. Nov. In der gestrigen Budgetdebatte ergriff auch der Abg Dr. Bloch das Wort. Er wendetr sich zu»äch 1 gegen die Ausführungen des Abgeordreie» Schlesinger über den sogenannten jüdischen Mädchenhanixl. »Es fei allerdings rlchiig, daß i» der Hauptstadt Galiziens einige Juden «egen dieses saiand.arrnGrwerdiS vor iyeriä.i gestellt und ver- »rthrill wurden. Er selbst dedauere es aus as Ttesste, dag er solch« Vilaudenegenvsten hat»., die sich zu einem solch n Gewerbe «.niedrigen. Wäre es staaikgrundsüplich nutz» verboten, so würde er dies« Leuie in den Bann »egen. Die Jaieipellaiion des aniisem Abg. -äiiesinger aber sei «npreiiig eine de wußte Beleidigung d« geiammlen Judenheir. Weih er renn nicht, Laß in L der öfter 1 eich und Niederöftrneich in Schteften, Steiermark, Böhmen und Mähre», in jeder größeien Stadt Bordelle existtrrii? rHeitert,ii.) Dies«BordeUbejrper »in» Arier, «rammes-nnd Mtanbensgenossen dr» Abg rchlesinger. Das ist enr ein trugt ich«, Ge» werbe, »a lägt man keinen Juden zu (Heiterkeitj «Li» aulise-, itischer Lbe.goh« habe ja sei» oSirrltche« <!au» in «irr Bordell verwand«!; ■tmt werde ja auch Menschen waare gewechselt, wir Hab»» ja in Lesterreich selbft den reinsten Sklavenhandel und daritber halien Bi« (zu derr Antisemiten gewendet^ nicht lntervelinl Ist den» M fl« »usschlirstlich arische« «bewerbe, bah Sie darüber s« entrüstet sind, we-s et» paar Jude» Ihne» Konkurrenz «a«hen? <Hel»erke«t.l Redner erzähl«^ er Hab« einmal «ine, deulsch-nationalen Suedeai«« gefragt, »te «st de»» komm«, daß Schönerer sein Han» in der Krngerstraße zu eine« Borste» gewacht Hab« und di»!er Hab« daraus geantwcrtet: Da« ist ja eint alt» germaaisch« Jastilmion (Schalle»»« Heiterteit. Widerspruch »ad Ua» ruhe linkst.) Redner besprach dann di« Agltaüwieu der »misemite«. »eiche sich bi» aus di« Boltsschnl« erstrecken. Er erzählt« einen stall, in »eiche» ei» jüdischer Lehrer, Isidor Kaltltschek, einen epiteptistksea Knabe», der wuttctlo• nratbc, in sein Hau« genommen »»» unertgeiuich «aterrich.et habe, ivvraus ihm von der Schulbehörde auch tt« Auerkrnaung ausgesprochen «uid« So Hab« «I» jüdischer Lehrer an riaew ahriftrntnaden gehandelt Hingegen eziftire im S Bezirk «in anrilewstischer Lehrer, der, als man ih» wegen einer Sammlung für Waisenkinder ohne Unterschied der Konstssion herantra», da» «it Entrüstung »»rückwie« und «rwidene, er betheilige sich nur an Sammiaige» za Gunsten christlicher Kinder. Denken St«, ein armes, unglückliche« Kind, «ine Waise, ohne Vatrr und ohne Blatter, und »st Ist so r«,!glück. Ich, auch eia jüdische» Kind z« sei» — und diese« Kind dal doch sicher (!Um Mädchenhandel getrieben, «st hat auch nicht grwuchen, es hat auch da» Parlament nicht verjudet — und dieses arme Sa.stutiad wie» gezüchtigt vom Judenhaß! Es wird gesprochen von der jüdischen Litt» ltchkeir: sagen Sie wir, wo Ist oa Jore Sittlichkeit? Ich «ppellir« an die katholisch« Geistlichkeit. an die Mtmlieder der konservativen Partei«», .au jede» ehrliche» Menschen: Ist «in Lehrer, der so har-he zig ist gegen ei» unglücklichesWatsenkind. btos weil es jüdisch ist, geeignet, Mensche» zu erziehen? Redner kam sodann aus Rohling zu sprechen. <ks Hab« sich an« seinem Piozess« ergeben daß di« größere Häisie de» von Rohling angegebenen D-xtrs nicht zu finden, »>e andere Hälft« «ntil!llt war. Kein einziger Dezi war echt: im ganzen Talmud existir« »ich, eia Sah, in welchem di« Ebristen mit dem Stamen eines Thieres txlegt werden. Jetzt ist dieser Rohling ein Proseffor in Oesterretäh und ich frage die parlameniaiischen Parteien, wieso es gekommen ist »ß nicht eine einzig« Partei ausgetreten ist und gefragt ha», wie lammt eta solcher Mann dazu, Prosestor einer öst-rrelchischen U,iver,»ät zu sein? Der Redner kennzeichnete sodann di« unpattiocische und antidynastische -Haltung der antisemitifchrn Prrsse und bringt hiefür unter Anderem Beispiele aus den ,Unverfälschte» deutschen Worten". Er schließt mit den Worten, daß die Juden von den Antisemiten nicht» zu fürchten haben. RAßlARd. ^etersl»r§ In engem Zusammenhang mit denr Scheitern der neuen Anleihe hängt da» Wiederaufleben der Judenverfolgungen zusammen. Wir halten gleich bei Bekanntwerden des Fiasko'S auf eine baldige fröhliche Judenhetze aufmerksam gemacht, ahnten aber nicht, daß sich diese Voraussage so schnell bewahrheiten würde. Den ״Daily News" wird aus Odessa gemeldet, daß nach einem Ertaß der russischeu Regierung die Jude« fortan keine Aktie» kommerzieller und industrieller Gesellschaften in den südwestlich,» Gouvernements Rußlands mehr besitzen dürfen Ausnahmen sind in den alten Zuckerfabriken im Gouvernement Kiew gestattet, aber auch dort sind Juden von den Benvaltungsräthen au«- geschlossen; nur wo ein Drittel Aktionäre Juden sind kann ein Glaubensgenosse derselben Direktor, nie aber Vorsitzender werden. Alle Korrespondenz muß in russischer Sprache geführt werden. Weitere Beschränkungen und neue Maßregeln gegen die Juden werden auch aus anderen Orten gemeldet. Sämmtliche. im Gouvernement Taurien gelegenen Marktflecken, bis auf einen einzigen, in einfache Dorfgemeinden umgewandelt, was zur Folge hatte, daß die bwher in diesen Marktfl cken ansässigen Juden, welchen nach den bestehenden Gesetzen die Ansiedelung in Dörfern untersagt ist, ^den Befthl erhielten, ihre Wohnorte in kürzester Frist zu vMssen. Dir gleiche Maßreget ist auch für dasGoumruemen^herson und da» Berwa tungsgebiet von Bessarabien in Aussicht genommen. In Moskau waren die alte und die neu« Synagoge polizeilich geschlossen worden. Die Juden von Mockau benutzten, um am Rrujahrslage GoitrSoienst abhalten zu können, die Räume ihrer Handwerkerschule. Dagegen protcstirte jedoch der Polizcimeijter General Wanowsli. Hieraus beschwerte sich die jüdisch« Gemeinde bei dem General-Go -orrarur Groß-

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