Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1892-04-08 · 15 (8.4.1892) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
23 (1892)
Issue
15 (8.4.1892)
Date
1892-04-08
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492344-5935084-5959786--1042-5374981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Unbf? doch müßte die allerneueste Zeit, in der man Lüaei wie!. 7 wie im finstersten Mittelalter Lugen und Märchen im Hellen Sonnenlicht der Oeffcntlichkeit über Israel verbreitet urs ein Mink, >ine Mahnung sein. Folgende Gleichnisse unserer Weisen düsten an den kommenden Feiertagen von unserer Jugend, von unserem Gebildeten gelesen und beherzigt werden. Ter Sohn eines Fürsten lies freudestrahlend zum Vater und crzählic ihm, welche Ehre man ihm in der Stadt erweise, überall begegne man ihm mit Achtung und zeichne ihn aus. Meinst du, ersetzte der Vater, daß dies deinetwegen geschieht? Man ehrt in dir meine Person, die als heilig gilr. Du wirst als mein Kind geachtet. Mein Ansehen verleiht dir Glanz. Sobald du dich aber dunkel- Haft überhebst, einen leichtsinnigen und gottlosen Lebenswondcl ^ührst, verstoße ich dich und Niemand wird dir mehr Verehrung zollen. Niemand mehr dein achten. י— Las aus Egypten zieh.'nde Volk flößte durch die zu seinem Schutze cingreisende Gottes Hand den Völkern Furcht und Achtung ein. wie es (Exod. 15, heißt: .Die Völker hörten »'i und erbebten, es überfiel sie Angst und Schrecken". Und so oft Israel in Noth war, hat die Furcht vor dessen Vater im Himmel seine Angreifer von allzuweit gehender Grausamkeit abgeschreckt. Israels Ansehen war stets ein Abglanz der Ehrfurcht vor seirem Gölte. Fiel es von! Vater ab. und er verstieß es in seinem Grimme, so kam Amalek, kam der kaoaanite und die Schaar seiner übrigen Feinde und drohten es aufzureiben. Denselben Gedanken drückt folgendes Gleichniß aus: Ein Kind sitzt auf den Schultern seines Vat׳>rs und fragt dir Borbriziehenden, rb sie den Vater nicht gesehen hätten. Da rief der Vater erzärnt: Du sitzest doch auf meinen Schultern! Nun ab>w, weil du aus deiner Höhe so wenig mich, deinen Träger und Beschützer, achtest, werfe ich dich ab, und du kannst seh:n, ob du auf eigenen Füßen so keck und stolz einher chrcitrn kannst. Das schwache Kind war jetzt verlassen, allen Widerwärtigkeiten und feindlichen Elewenttn schutzlos pr.isgegebcn und sah ein, wie es ihm gezieme, seinen Vater;u ehren und zu lieben. Israel, eben aus Egypten befreit, zwerfeltr und fragte: Ist ein Gott in unserer Mitte oder nicht? Da kam Amalek (Exod. 17) der hartnäckigste Feind — Wir oft vergessen junge, israrlitische Gvttverächter von heute, daß sie durch den Fleiß und Schweiß ihrer frommen Ellern zu einer gewisten Höhe cmporgestiegcn, daß sie auf den Schultern derselben nur so :roß scheinen. Tie meisten wollen nachher von der Religion der Väter, die den Eltern in ihrem Schaffe» und Erwerben, in ihrem fleißigen, gottvertrauenden, unverdrossenen Streben beigestandrn, wenig oder gar nichts wiffen. Bon einen, ״Verstoßen" solcher Kinder ist selbstverständlich ft, unserer toleranten Zeft keine Rede. Aber zu mehr Strenge wäre den Eltern zu reihen. Denn so oft die Kinder Israels ihres Beschützers und Hüters, des himmlischen Vaters, vergessen, da kommt Amalek, der Erbfeind, die Zuchtrmhe Israels. Ohne die Lehre vom Einzigen hat das Dasein und der Bestand Israels doch keinen Werch, ohne seine Religion hat es keine Mission, keinen Beruf auf Erden. Fehlt ihm de Lebensaufgabe, so fehlt ihm auch die LebeuSberechtigung Deßhalb rütteln zuglnch an desien Bestände Alle, die ar seiner Religion rütteln. In solchen Herzeusergüffen ergeht sich oft der Midrasch in seiner bekannten Gleichnißrrde. Er spricht einmal von einem Weingarten bester, der einen Zaun um sein Anwesen ziehen ließ und zum Schutze vor muthwilligrn Knaben, die selbst die Zäune durchbrechen, einen bissigen Hund hinein setzte. Aber siche! der eigene Sohn des Besitzer« war ein solch' muthrvilliger Burscht, der eines Tage» aus Urbermuth über den Zaunprang und von dem grimmigen Hunde arz gebiffen wurde. Und so oft nachher der Sohn sich ungehorsam und übrrmt ihig geberdete, drohte ihm der Bat» Ü; mit dem bissigen Thier. Was di« Jabel für unsere ueue- '■ij Zeit lehrt, brauche ich nicht hinzuznsügru. Wer Obig«- * aufmerksam gelesen, wird unschwer den Sinn verstehen. Wohl aber soll für di« Leser, die ihren Atheismus, ihre Gleichgültigkeit gegen daS Judenthum, au« der Naturwiffenschaft oder aus den Fächern, di« auf der realen Natur-' anschauung basiren, schöpfen, zum Schluffe noch eine von mir vor geraumer Zeit schon andenvert veröffentlichte Erklärung der bekannte» Hagadafabel hier Platz finden: Gott oder Natur. Ein Lämmchen, ein Lämmchen; Ter Vater kaust es gern — Für zwei Drachmen von seinem .^err». — Die Katze kam mit Girr — sind fraß das arme Thier, — Darauf faßte sie der Hund — Und biß sie tödtsich wund. — Da kam ein Stock lohende — Und macht dem Hund ein ®n&e. — Auch er den Meister fand, — Den Stock erfaßt der Brand. — DaS Waffe! kam heran. --- Löscht das Feuer sodann. — Ein Ochs stürzt nun heraus — Und trinkt das Wasser aus. — Der Schlächter ihn er׳ griff, — Das Messer scharf er schliff. — Der Todesengel kam, — Des Schlächters Leben nahm — Auch dem Tode Gott vergalt, — Der Freiheit lieb», nicht Gewalt. — Gott will Freiheit und Gesetzmäßigkeit, nicht Zwang. Vergewaltigung und Druck. Die Egypter, die Israel geknechtet, kannten nicht den le'rendigen Gott, der die Menschheit schützt und leitet, sie belrien Thftre, die Gestirne und andere Naturgrgrnftände an. In der Natur aber herrscht keine Freiheit, herrscht überall nur Gewalt, da besiegt da« Stärkere das Schwache, das mächtigere Element bändigt, überwältigt, verzehrt. vernichtet das an Kraft und Macht geringere. Die stolze Ceder wird vom Sturme ersaßt und entwurzelt, der Glanz des Mondes erblaßt am Tage vor dem mächttgeren Sonnenlicht. Ein BeraeSrückcn. majestätisch himmelanstrrbend, schaut seit Jahrtausenden hinab auf die - vorüberziehende ihn anstaunende Menschheit, bis ein furchtbarer Orkqn über denselben dahinfähtt u»d ihn zerreißt, zerbröckelt und in einen weftrn Steinhaufen auflöst. Es liegt ein tiefer Sinn io dem Märchen, welches an den Passah» abenden gesungen wird. — Da wird das Lämmchen von einem stärkern Thiere ergriffen, und dieses findet wieder in einem noch stärkrrn den Meister. Das Element des Feuers wird darin von dem noch furchtbareren des Wassers überwältigt. So besiegt ein« Kraft die andere; aber vor der Allgewalt Gottes kann keine Macht bestehen. Di« Völker. de- Alterthums, die, wie viele heutige Naturwiffenschastler es noch thun, eine Naturkrast allein und keinen Geist, keine» Menschengeist und keinen Gottrsgeist anerkennen, «affen naturgemäß dahin gelangen, die Nebrnmenschen zu knechten und zu unterdrücken, wie ja in der Natur immer daS Starte das Schwächere, der Hund die Katze, das Waffer das Feuer überwältigt. Pharao, der Naturanberer, konnte daher als mächtiger Tyrann gar keine Sünde darr» finden, ein schwächeres , H Volk nach Lust und Laune zu seinem Nutzen auSgubeuren. Wer keinen barmherzigen Gott, keinen Herrn über sich au-, ' erkennt und wie dieser Zwinghrrr ruft: - Wer ist der Gott, auf dessen Stimme ich hören soll? Der kau» auch folgerichtig den Rebenmenschen keine Freiheit, kein Recht zugesteben, der hat keine Theilnahme, kein Mitgefühl, sondern haudrlt despotisch, eigenwillig nach Laune und Willkühr. Seine s Gottheit, die Natur, kennt keinen freien Willen, warum sollte - f er ihn seinen Unterthanen laffen, seine Gotcheit ist aedanken- ':P und verstandlos, warum sollte «s Sünde sein, de« Mensche« •ri zu einem gedankenlosen, stumpfen Werkzeug zu erziehe»? Die Anschauungen von Naturkraft »nd Raturgewalt, deß müff« auch unsere neue Zeit eingedenk bleibe«, fühnru : zur Knechischast, zur Rechtlosigkeit.-. Nur der Glaube, einen höchsten, gerechten 9Hc$et, a» eine» erlösende» und befreienden Gott erzieht zu« FrriheftSgcdankn^ M und Menschlichkeit. D>» israelitische Bott de« alten Nalu1a«b«ter» -r-enüber d« ttt ihre, MlWtzl 3 J Ü 7 i ויר

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.