Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 2 (7.1.1892)
- Date
- 1892-01-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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«t&ärttn durch ihre Organe, daß keine Rücksicht auf die Bortheile, welche sich hieraus füi ihre Glaubensgenosse» ergeben würden, sic bestimmen könnte, ihren politischen Grundsätze» untren zu werden. Diese Enttäuschung erregt: BiSmarcts heftigsten Zorn und er trug sich nun mir den! --edanken, die preußischen und deutschen Jude» zu »ülhigen, ihm zwangsweise zu bewillige», was sie ihm freiwillig »ich! gewähren wollten. Und so ließ er denn die Angriffe de! antisemitischen Judenfresser, deren es in Deutschland eine beträchtliche Zahl gibt, gegen sie los. Durch Wort und J Schrift, in öffentlichen Versammlungen und im Parlament dursten diese die Juden beschimpfen und verläumden, ihnen das Leben verbittern und über sie herfallen. Auf's Neue erscholl der Ruf: .Hep, Hep!* Eine gewissenlose Creatur, ein Falschschwörcr, verhalj i dem Antisemitismus zu der Bedeutung, welche er in der *nti• : seantenpartci erlangt hat. Religiöser Fanatismus, Neid! über die hervorragende Stellung oer Juden und Rassenstolz! waren die Triebfedern der Agitation. Die Regierung zeigte sich indifferent gegenüber der Bewegung, welche der hochselige ן Kaiser Friedrich, als er noch Kronprinz war" eine Schmach unseres Jahrhunderts nannte. Es erfolgte ,ine Ftnth von Petitionen und eine Biertelmillivn Unter ,^ichner verlangte, daß die deutsche» Juden wieder unter Ausnahmegesetze gestellt werden sollten. Bismarck gab halboffiziell zu verstehen, daß er, wenn die Petition zwischen 1 und 2 Millionen Unterschrift tragen würde, in! Parlamente tie :--tzichung der den Juden gewährleisteten Recht: in Anlegung dringen würde. Er konnte dieses früher nicht ernstlich gemeint haben, er wollte die Juden nur in Ar.gft versetzen und sie hierdurch nur geschmeidig wachen. Es half j drei«lg. daß eine Anzahl hochgestellter Christen im Jahre 1880 gegen die berunruhigendc antisemitische'Agitation Protest erhob: dieser war machtlos gegenüber dem überlegenen Angriffe. Der deutfcke Antisemitismus verlor keine Zeit, sich nach Rumänien zu verpflanzen Die Juden dieses Landes wurden mißhandelt und beschimpft und sind hier und da sirgar ermo-det; die Justiz beslrastc aber diese Mörder nicht. Me rumänischen Min fter bauten aus Lisuiaicks Geduld, die er mit der Bewegung hatte. Trotz der Bestimmungen Berliner Vertrages wollte dieser dem neuen Staate seine Anerkennung nicht vorenthalteu. Die Minister erklärten in ss-itzfindiger Weise. daß die Juden von denen die meisten. schon sehr geraume Zeit in Rumänien gewohnt hatten,; Fremde freu, die man nicht den Christen gleichsteUen dürste,;!andern z»m Lande hinausjagen müffe. Aus Deutschland wurde der Antisemitismus aus hinterlistige W.isr auch nach Rußland übergesührr, woselbst er die Gestalt einer Schreckensherrschaft annahm. Kaum war> Alexander H duich Mörderhände gefallen, als im Jahre 1881 unter seinem Sohne Alexander HI sch-ectliche Auftritt« durch die zu den Städten Südrußlunds gehörig« ländliche Bevölkerung hcrdcigesührt wurden. An maiirl/en Orten gehörten Plünderung und Raub, Mord und Frauenschänd> ng zur Tagesordnung. Da die russischen Bauern von Äarur gutherzig sind und trinc Antipathie gegen die Juden heben, so mußten sic aus künstlichem Wege zur Ausübung dieser Gewaltthärigkeiten gereizt werden. Mau spiegeite ch len vor, der Czar habe die Ausrottung der Juden befohlen. Di: Behörden sahen den Gräuelscenen mit verschränsten 8cmrn zu. Eine Folge oer Excesic war die Flucht von Zeimto usenden von Juden und ihre Auswanderung nach Westen. In zahlreichen Städten Deutschlands, Englands unk Frankreichs wurde eine rühmenSwerthe Thärigkeit zur! Uvterztützung der unglücklichen Flüchtlinge und zur Erlcichterung ihrer Reise nach Amerika entfaltet. Auch viele christliche Freunde der Humanität gaben ihren Abscheu über die im neu »zehnten Jahrhundert an unschuldige» Menschen oerübren «Grausamkeiten zu erkennen und diese Mitleidigen vethäligien ihre Gesinnung durch Beiträge in praktischer Wr ist. ,nj, dieser Krisis trat Baron von H i r s chD mit einem großherzigen. Plan« zur Organisalion der Auswan- Ixrung auf. , Um die Symp-.thie der Christen für die Opfer des Antisemitismus zum Schweigen zu bringen, ersannen die Erzjuixnfeindc eine boshafte Lüge, um die Juden in schlechten Ruf zu bringen. Ihre sophistischen Behauptungen, daß die Juden zu einer niedrigsten Raffe gehörten, daß sie in Eu ropa Fremdlinge wären, daß sie alle sich durch Wucher bereicherten, daß sie eine verhältnißmäßig überwiegend« Zahl zu den Verbrechen stellten und daß die ״Allianc: Jsraelitr" eine internationale Berschwörung gegen die Christen ins Werk gesetzt hätte, wollte nicht mehr ziehen. Als Gegenleistung für den Abscheu, den man bei unproaozirten lAewaltthaten äußerte, mußte etwas geschehen, uni die Christen zu über,zeugen, daß die Juden rituelle Morde begingcn, das; sic zu ihrer Osterstier sich des Chruteiiblutes bedienten und daß der Talmud dieses als religiöse Pflicht von ihnen fordere. Im Jahrc >882 verschwand i» dem ungarischen Städthc» Tisza-Eszlar ein ausgewachsenes Matchen, welches man kurz vorher in das.Haus eines Juden hatte gehen sehen. Sofort verbreiteten die Antisemiten das Gerücht, daß einige jüdische Metzger, weiche sich zu diesem Zwecke zusammengefunden hatten, an dem Mädchen einen rituellen Mord lxgangen hätte». Da aber nicht der geringste Beweis vorlag. daß das Verbrechen begangen worden sei, so wußte man einen jüdischen Knaben durch Hunger und Schläge so lange zu bearbeiten, bis er das Geständniß ablegte, seine eigenen Elt.rn hätten das Mädchen ermordet. Jntrigue folgte nun aus Jntrigue. Sogar lieberale Blättler ließen sich betrügen und verbreiteten die vcnvegcne Behauptung, daß für die durch Jahrhunderte hindurch wiederholte Beschuldigung vom tycbrauche des Christenblutes irgend ein Grund vorliegen müsse. Die Untersuchung nahm über ein ganzes Jahr in Anspruch. Endlich wurden die Beschuldigten (welche durch den beredtenAovokaten Etvös vertheidigt wurden, glänzend fteigesprochen. Während der letzten 10 Jahre und noch bis zum heutigen Tage ereignen sich in Rußland tagtäglich die empörendsten Auftnttc: raffinirteste Grausamkeit, ununterbrochene Juderversolg mg, Bedrückung über Bedrückung, Austreibung der Inden aus ihrer alten Hei! ׳arh, Zusammendrängen derselben in bestimmte Städte, die ihnen kaum Lust genug bieten — cm Maffengesängniß für Millionen! — Wohin soll diese ungeheure Menschenmenge auswandern? Wo soll sie ein Obdach finden? Conferenzen werden abgehalten wie im Jahre 1881, Comitees bilden sich zur Sammlung von Unterstützungsmitteln für die nnau-sprvchlich unglücklichen russischen Juden Baron von Hirsch stellte Millionen zur Verfügung, um den Auswanderern ein Asyl zu bereiten. Ewig unvergeßlich wird die Versammlung bleiben, »velche am 10. Dezember 1880 im Londoner Rathhaus« unter dem Barsitzc des Lorömahors Joseph Savory ihre Sitzungen hielt, eine Versammlung. an welcher die Elite derl englischen Nation sich betheiligte. anglikanische- und röhmisch-katholische Prälaten und Parlamentsmitglieder und Bürger aus den allerhöchsten Ständen und in welcher beschlossen wurde, dem russischen Czaren eine Bittschrift um Einstellung der an den ' Juden verübte» Grausamkeiten zu unterbreiten. Der Herscher auf dem Kaiserthrone weigerte sich jedoch, die Bittschnst entgegenzunehmen. Der fanatische Pobiedonoszew und der schlaue Jgnatiess, lvelche ihn vollständig beherrschen, halten ihn hierzu vermocht; der eine wünschte, daß bte Juden sich zu orthodox-christlichen Religion bekehren, der andere möchte sie lieber ganz ausgerottet sehen. Keöräischer VUrterricht. Die Fräs«, ob die Erlernung des Hebräische» i« israelitischen Rrliglonsunterrichi als Sprachunterricht oder als intrgrirender Theil de« Religio «sunterrichts au-