Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 33 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ich gerufen werde!" und dabei machte er eine tiefe Berteugung, daß er mit der Stirn« den Boden berührte, als stünde er schon vor dem Kaiser, und deklamirte mit lauter klingender Stimme den Segensspruch. Inzwischen aber verrann Minute aus Minute. »Das beste wäre," sagte sich da» Schneiderlein, „ich ruhe ein bischen aus", und dabei streckte er sich auf die Bank hin, die er dort gewahrte, kiewaltsam wehrte er den Schlaf ab. der sich ihm aus die Augenlider senkte, denn er kann ja jeden Augenblick zum Kaiser gerufen werden. — Ja, sie haben ihm gewaltsam den einzigen Sohn unter dir Soldaten gesteckt, die bösen Menschen, .*] ist es ihm, als ob es jetzt wäre. Mitten in der Nacht bauten sie mit Kolben ihm die Thürc ein und reißen ihm den einzigen Sohn aus dem Bette. Was er bittet und flehet, die hartherzigen Menschen sind taub gegen sein Jammern und Bitten. Gut, da sollen sie es aber erfahren, was es heißt, mit dem Schneiderlein aubindenl Er spitzt sich die Jeder und schreibt dem Kaiser ein Brieflein, ein seines, rührendes Btieflein. Und was erfolgt als Antwort? Der Kaiser meldet plötzl'ch seine Ankunft in das Städtchen au. Niemand wußte warum, aber ihm ist es kein Geheimniß, der Kaiser komm», ihm Recht zu schaffen. Uud richtig, er kommt auch, der gute Kaiser. Tausend bunte Fahnen flattern in der Luft, es wogt ein Wald von Bajonetten, vor der Stadt prangt ein Triumphthor in Licht und Blumen, es schmettern Fanfaren von allen Seiten, es donnern Böllerschüsse, jauchzende Vivatruft erschüttern die Luft, und jetzt rollt es heran, Wogen auf Wagen und es blitzt und sunkelt darin von Gold und Diamanten, aber mehr als in allen anderen leuchtet es wie eine wahre Sonne in einem sechsspännigen Prachtwagen — aha, da kommt der Kaiser selber herangefahren! Merkwürdig. wie er ihn aber aus taufenden Menschen herauScrkannt, ihn, das arme Schneiderlein, und jetzt gar winft er ihn fteundlich zu sich: »Nicht wahr. Du bist das Schneiderlein?" „Ja, großer, allergnädigstex Kaiser!" »Und Du willst, daß ich Dir Recht verschaffe?" »Gelobt seist Du, Gott, der Du —' das Schneiderlein will schon den Segen über ihn sprechen, aber der Kaiser unterbricht ihn freundlich: »Später höre ich Dich ruhig an und Du sollst Dein Recht haben; inzwischen schicke ich Dich mit meinen Boten in rin Zimmer, von wo man Dich bald abholen wftd, um Dich zu mir zu bringen, denn ich muß mich mit diesen Leuten früher adsertigen." — Und horche schon kommen sie um ihn. die kaiserlichen Boten, eS knarrt ein Schlüffel in der Thür, die sich zur Hälfte öffnet, daß eine Handbreite goldenes Licht hineinströmt, und da ruft ihm der kaiserliche Bote laut in die Ohren, daß es wie eine lustige Trompete klingt: „He, Schneiderlein, so mach Dich wieder auf!" „Sofort!" und da- Schneiderlein sprang mft beiden Füßen auf den Boden, und siehe, es war kein Traum, denn da steht ja auch wirklich der Bote d«S Kaisers vor ihm und ruft ihm noch immer zu: »He Schneiderlein, so mach Dich doch auf!" „Sofort", wiederhbltc das Schneiderlein. „Kommst Du jetzt vom ftotfer, um mich zu ruseu?" Der Mann sah ihn eine Weile mit einem höhnischen Kopfnicken an. .Ja," lachte er endlich, »so lauf nur rasch zum Kaiser, denn cr erwaitet Dich!" Ter Arme ahnte nicht einmal, daß inzwischen eine Nacht vorüber war und daß man chm jetzt wieder die Freiheit gelben hat, weil der Kaiser bereit» die Stadt verlassen Hot, und nicht mehr z» befürchten war, daß er den Kaiser betzelligen werde. Das Schneiderlein, das ganz von seinem Wahne be« her»scl,t war. stürzte pfeilschnell'auf die Gasse hinaus. „Wohin?" fragten ihn einig« Vorübergehende. .Zum Koism^ jiN« Kaiser, er läßt mich»«ftn!" Bald lief ihm die Menge in Heller Schaaren »ach. — Ein neuer Verrückter, das giebt ein lustiges Spektakel. „Platz machen, das Schneiderlein läuft zum Kaiser!" johlte eS hinter ihm her. Beim Hause, wo der Kaiser ftüher wohnte, drängte erkeuchend und athemloS vor. .Wohin?" ftagten ihn die Hansleute. »Zum Kaiser, zum Kaiser, er läßt mich ruftn!" unft vorwärts stürmt er mit keuchender uud gepreßter Brust. Die Einwohner verwehrten ihm den Eiutritt: »Fort mit Dir, Verrückt r!" Das Schneiderlein hieb nach rechts und links und bahnte sich mit gehobenen Fäusten den Weg, wie er meinte, zum Kaiser, der ihn erwartet. Wieder wurde das Schneiderlein sestgenommen und ins Gefängniß geworfen. Nach zwei Tagen gab man ihm wieder die Freiheit aber die Gassenjugend hatte jetzt ihre Freude an ihm. denn innerhalb dieser zwei Tage reiste in chm der Wahnsinn zur vollen Blüthe aus. »Zum Kaiser, ich gehe zum Kaiser!" das war jetzt dascinzige, was man von ihm hörte und vor jedem, den er sah, machte er eine tieft Verbeugung und sagte laut den Segensspruch her, denn jeder ist jetzt in seinen Augen der Kaiser, der ihn zu sich rufen läßt. X 2 l Fünfzehn Jahre sind ftithrr verflossen. Vieles um das arme Schneiderlein hat sich verändert: sein Weib starb vor Gra« und Noth, sein Ahrele hat schon lange ausgedient und siht nun wieder mit seinem Weibe beim Nähtischchen, auch die Vorsteher, die sein Unglück verschuldet, stehen schon lange vor dem allerhöchsten Richter — an ihm jedoch ging allespurlos vorüber. Er weiß nichts von dem Tcwe seines Weibes, nichts von den geänderten Verhältaisien. In ihm steht die Zeit still, er geht noch immer zum Kaiser, der ihn zu sich ruftn läßt — der Zeiger seines geistigen Uhrwerk« starrt fort und fort auf derselben Stelle und zeigt noch, immer dieftlbe Stunde und dieftlbe Minute an, wft vor fünfzehn Jahren . I. ImeisPrachig« ^sgsgryPy. 8m C. in L. In Frankreich trifft in jede« Hau» Ja einer Silbe man eS an. Macht man der Eilbe» drei daran«, (Na« man in deutscher Sprache kann), «» wird eia Wort den Manu benranrn. Den wir als Onkel Arm« kennen. Wer »och einmal versetzt di« Zeichen, Den Namen einer Frau etftttt; Al« Königin, säst ohne (M&ten, Ein jeder Preuße hoch sie ehrt. II. AsSräts^es All« find'«, di« du«« und stolz; Dienlich ist'« für sie an« Holz. A«ßSft«A der Aitttzsel i» »»r. Ar. «erantmorUlaier «edakteur: De. «. «atzmer. Mag»e»nig. Den«: ». L. «alff. IL rqr (Prophet), (Daube), 'nff «. (. «. m. var (tBagm); (Poster, SaUeMfsen).