Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 33 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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*\U n Hernutgegrbe» von Dr. M. Nttzmer tn Magdeburg. 3it |(itrr|iltxx| nl -tlrhnns str die isrirütische Ftmlie. f, Sttiah. Roman aut der Zeit der letzten Maffenautweisungen aut Rußland und Preuße». Bon H. Berger. (Fortsetzung.)- l Da* verrückte Schneiderlein. Bon Rarhan Samuely. (Schluß). — Räthsrl-Aufgaben. — Rathsel-LSsungen. ** — (Unbefngtrr Rächtnuk aut diele» Blakte ist »uterltg».) Litt ah. Rama, tut der Zeit der letzten Maffcnauo-eisnngen unt Rußland und Preuße». Bon H. Berger. IV. Tiefe Nacht lagerte auf der Erde, Grauschwarzes Gewölk bedeckte den Himmel. In dichten, großen Flocken fiel der Schnee herab und deckte die Erde wie mit einem weißen Tuche zu. Heulend zog der Sturm über die Fluren und er brach feine Gewalt an den Häusern der Stadt. Gewaltige EiSmassen zogen flußabwärts, sich hier und da stauend, aber stets wieder von der Gewalt der Elemente fortgetricbcn. «rächend und laut dröhnend stießen die Massen an die feste Brücke, die sich über den Fluß wölbte, sie in ihren Grundvesten erschütternd. Dunkelschwarz wälzte sich das Wasser dahin, alles verschlingend, was in sein Bereich kam. Wie ein schwarzer dicker Strich auf einem weißen Bogen sah die . Linie aus, die der Fluß beschrieb. Kein menschliches Wesen ist in der Nähe zu sehen; selbst der Brückenwart hat es sich in seinem Wachthäuschcn bequem gemacht und sitzt schlaftrunken aus seinem wackelnden Stuhle. Als wolle er das Häuschen von der Brücke herab in den reißenden Strom stürzen, also umtobte der Sturm mit seiner tollen Wuth die chm ohne Schutz auSgesetztc Brücke. Aber die Brücke war stst gebaut und vergebens rüttelte er daran; sie wider staub einer Wuth. Einige hundert Schritte unterhalb der Brücke lagen zwei alte Schiffe seit langer Zeit verankert; sie dienten - dem Uferauffeher und seinem Gehilfen zum Unterschlupf bei * stürmischem Wetter. Heute jedoch war den Aufsehern der Interschlupf nicht sicher genug. Sie gingen patroullirend ... am Ufer auf und ab. Eben hatten sie ihre Schritte flußabwärts gewandt, als auf dem hohen Ufer eine Frauengestalt erschien, welche an jeder Hand ein Kind führte. Da sie sah, | daß kein Mensch in der Nähe und der Ufrrweg, der zur Brücke führte, frei war, schritt sie rasch, die Innder jmit ■ sich ziehend, der Brücke zu. Der Sturm heulte furchtbar , und trieb den Schnee in ihr Gesicht, als wolle er sie von . der abschüssigen Bahn, die sie wandelte, zurücktreiben. Aber '• sie achtete weder auf da» Heulen de» Sturme« noch auf da» Stöhnen der Kinder, die kaum noch weitergehen konnten; mit aaseinander gebissenen Zähnen, in einem gefaßten Entschluffe beharrend, schritt sie dahin. .Mutter,' stöhnte da» kleine Mädchen, .Mutter, ich kann nicht weittr.' .Nur «och eine kurze Strecke, «ein Mäuschen, und wir sind am Ziel. Du wirst doch Deine Mutter nuht allein gehen S': lassen?m .Nein, Mama, ich gehe mit, wohin Du gehst,' und seine 3j> letzten Kräfte zusammenraffend, stampfte da« Kind mit fernen Seinchen den Schnee, um der Mutter zu zeigen, daß e« ^bereit sei, überallhin zu folgen. .Wohin willst Du eigentlich, Mama, in dieser gräßlichen fragte der etwa« ältere Knabe. .Wir sind schon am Ziel', entgegnete die Mutter, indem sie zur Seite rinbog und auf der Brücke stand. An der Brücke war ein niedriges Geländer angebracht. Auf diese« setzte sich die Mutter, drückte ihre beiden Kinder ans Herz und schluchzte und weinte. Ach, e« war doch gar zu schwer, das zu vollbringen, was ihr so leicht schien. Mit all seinem Fühlen und Denken hängt der Mensch am Leben, und aus freiem Willen bat noch Niemand sich getvdtet; in dem Augenblick, da der Selbstmörder Hand an sich legt, ist sein Geist verwirrt, ist er unzurechnungsfähig, weij' er nicht, wo« er thut. Würde er die Herrschaft über seinen Geist wiedergewinnen, wäre ihm in dem kritischen Augenblick die Macht über seinen Körper geraubt, so würde in der folgenden Minute da« gewiß nicht geschehen, wa« soeben geschehen sollte! Wie herzte und küßte da» arme Weib ihre Kinderl Wie rang sic mit sich, sobald sie die lieben kleinen Gesichtchen sah, die Neinen Herzchen schlagen fühlte! »Wohin ich will, ftagst Du, mein Otto', begann sie; .wir haben eine weite, weite Neise vor. Wir wollen zu unserem Papa und zu unseiem Arthur. Die Menschen hier verjagen uns, und da geben wir zu Papa, der nimmt uns gerne aus.' Dies sagend, zog sie beide Kinder an sich, und legte segnend die Hände auf deren Haupt. Dann umfaßte sie dieselben blickte gen Himmel und sagte: „Du Bater im Himmel nimm uns gnadenvoll auf!" und stürmte sich, die Kinder fest umarmenv, hinab in den tosenden Strom. Ein Schrei ertönte, dann schlugen die schäumenden Wellen über ihrem Opfer zusammen; ein letzte« Aufgurgeln des Wassers und dann war wieder alles stille.- r elnd suchten die beiden Uferauffeher ihrrn Bezirk war alle« in Ordnung und selbst, wenn da« Ei« sich stautt, war da« Ufer hier so sicher, daß keine Gefahr zu befürchten war. Sie gingen, ohne sich zu unterhalten und scharf über den Fluß lugend, stromaufwärts. Da, al« sie fast die beiden alten Schiffe erreicht hatten, blieben sie plötzlich stehen; sie hatten einen Schrei gehört, wie ihn ein Mensch auSsiößt der sich in Gefahr befindet; beide sahen sich an, jetzt war wieder alles stille. .Halloh!' ries der Eine, aber er erhielt keine Antwort. Der Sturm heulte wie zuvor. »Und doch war r« Jemand, der um Hllst rief', sagte der Andere. Sie beeilten sich, zündettn die rasch herbeigeholten Fackeln an und suchten flußaufwärts; sie holten den Brückenwart, auch der half such«, — vergeben«; sie sahen nur die schwarzen Wassermaffen, di« sich zischend und brodelnd weiterwälztea. Red Jakos wurde die Zett nickt lange. Er dachte, nachdem er die üblichen Gebete verrichtet hatte, über da« Unheil, welche« die Gemeinde bettoffen hatte, nach. Ja seinem langm Leben hatte er schon manchen Schlag vom Schicksal empfangen und jedeSmal war fein Wahlspruch: gut