Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1891
- Issue
- 4 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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»■fl feiaufgtgtbcn von Dr. %. C(Inert in Magdeburg. 3ir Mkrhaltivg >«- Ktlehrvvg flr die israMsche F>«i1ie. ^Inhalt Da»Bußged«!. BonRathan Sa muely. (Forts.)—Lin jüdisch-moSlrmilischcr Pirat. Bon M. Adler in Lndon. — Ein jüdische« » volkSmönhen. — Allerlei für den Fümilientisch. — Da» Sabbathbrautlied. CIN,"V7>) Bon Salamoi, Halleoy Alkabez. 'In» Deutsche überseht von Ben Iehudah. — Srsthsel-Ausgaben. — Prei»rathsel-LSs«r. (Unkffnitrt Nachdruck au« diese« Blatte ift nnlersagt.) Da- V«tz«ebet. Bon Nathan Sam u/ly. fchi! (Fortsetzung ) Goldele verstand ebenso wenig diesen himmclsstürmischen .^Fries wie ihre Mutter, auch fiel es ihr nicht im entferntesten ein. sich nur einen Augenblick über ihn den Kopf zu zerbrechen ' und noch weniger dachte fie daran, sich mit einer Antwort abzuquälen, aber da war schon einer, der für sie daS besorgte, und daS war ihr Schreiblehrer, der als „wilder -Jlcnncr“ in der Stadt bekannt war. Auch er »ahm sich sehr zusammen, damit der Schreiblehrer in Bebrika cS einsehe, daß auch er waS zusammenbringcn kann, freilich nahm er nicht, wie jener, Himmel »nd Erde so unbarmherzig in Arbeit, aber auch cr hatte sein eigenes Genre. Er rr- > sich in einer Phantasie, iü der er einen müden Wanderer verte, der sich in einer Wüste verirrt, so daß der brennende Durst ihn schier verzehrt, und stehe, plötzlich gewahrt er einen silbcrsprudelnden Quell, an de» er seinen j, heißen Durst stillt und dann jubelnd weiter zieht. Dieser; müde Wanderer, heißt eS dann weiter in dem Bricse, sei ■ ste, die Schreibe rin desselben, der brennende Durst war das heiße Verlangen nach den Worten der theuren Schwiegereltern und der von ihnen empfangene Brief sei der silbersprudelnde Quell, an den sie den lechzenden Durst gestillt habe, und dann zog sie weiter mit den Worten: «Mehr habe ich Euch fein Neues mitzutheilen, nur daß ich gesund und stark bin. waS auch von Euch zu hören wünscht Eure G olde." Drauf folgte die obligate Nachschrift: „Auch ich grüße «einen Ehoßen soll leben!" Goldele kam sich selber vor beim Abschreiben diese» Vlieses, als hätte sie sich in einer Wüste verirrt, und batte bas einzige, große Verlangen, au« dieser endlich einen AuS- - gong zu finden. Warf sie nun, nachdem sie mit diesem - Schreiben zu Ende war, die Feder au« der Hand, dusch, (flog sie wie eine Lerche, der man den Käfig geöffnet, durch alle Zimmer mit einem lustigen Liedchen und schüttelte sich 'dar dem Spiegel ihr sonniges Haar auseinander, da« ihr wie Unbändige Lichtströme Nacken und Schultern überfluthete, nnd da lochte sie so hell in den Spiegel hinein, daß es aus ihr wie tönende Perlen hervorquoll, denn sie mußte sich - saber sagen, sie sei sehr schön in diesem herrlichen Schmuck, dm ihr Gott geschenkt, so schön wie die goldne Fee in dem Märchen. Ach, wie war sie damals glücklich, die schöne Ooidele, daß sie eine Braut sei; daß nun ernste Zeiten sie erwartetrn — das fiel ihr, dem vierzehnjährigen Kind«, nicht nnmal i« Traume ei»! Das sollte jedoch bald ander« werden. Ungefähr^ ein Jahr war dazwffchen verflossen und der einiae Monate -’t ihrer «nssein« Freude ihattr, beherrschte jedesmal ein neues Lustgefühl, so oft man ihr ein neues Kleid anprobirte. Wie war sic aber auch schön und wie hob sich ihre schmucke, schlanke Gestalt in solch einer neuen Robe! Eines Tages jedoch — es war der achte Tag vor ihrer Hochzeit — da brachte man aus einir Handlung einige lichtgrauc Scidcnbändcr mit einem weisen Streifen in der Mitte. Goldele fuhr beim Anblicke dics:r Bänder wie aus einem süßen Traum empor. Sie hatte vas Gefühl, als gefriere ihr daS Blut zu Eis. WaS die e Bänder bedeuten, war ihr kein Geheimniß. Auch ihre alt« Mutter trug ja so ein graues Seidenband statt eines Haar chmuckes, doch daß auch sie ein solches tragen werde, das fi:l ihr die ganze Zeit nicht einmal ein. Das schreckliche Dinx, das sie jetzt vor Augen hatte, entsetzte die Arme, daß sie sich kaum mehr fassen konte. „Mutter", schrie sie zitternd an al.en Gliedern, „waS ist denn das?" „Rarrele", lachte die Mutter, die ihre Aufregung nicht einmal merkte, „Du weißt denn nich: — das ist ja für Dich ein Haarband!" „Und wozu mir denn daS?" .Wie Du aber närrisch sprichst, nein Kind, Du weißt ja, man wird Dir, wie allen jüdischen Ki idern, das Haar ab» schneiden und da wirst Du unter dem Schleier so ein Haarband tragen!" „Mir da« Haar abschneiden'" Platzte die Arm« mit einem lauten Jammerschrei hervor, und wit^um, ihren kostbaren Schmuck zu vertheidigen, legte sie fihützend beide Hände auf ihr Haupt. .Bist Du von Sinnen, Goldele?!' schrie ihrerseits die 4 Mutter. „Mein Kind soll so sprechen -- weh' den Ohren, _.cf ingeptgr ein sapr war oazwqcyen verpaß it»tag Goldele'« nahet« heran. Schon eins beschäftigt« sich ihre Mutter effria mit Da« harnilHe Kind; da« an alle» fi die daS hören muffen!" Goldele erblaßte bis in die Lipper hinein und starrte ihre Mutter an. Die Mutter kümmerte sich nicht weiter darum und kaufte die Seidenbänder. Das waren entschliche Stunden, de Goldele in dieser Rächt verlebt. Wie eine Binde fiel es ihr auf einmal von den Augen — dahin, dahin ist alle Lu t und Freiheit! Ihr junges Leben wird jetzt wie eine Bl» me geknickt werden. Da wird kommen ein Fremder, den st« noch nie in ihre« Leben aeseben, ein Wildfremder, und it m, ihm soll sie ihre Lcbenssteude hinofrfern, ihr goldene« s nrar, da« ihr Stolz und ihre Freude ist — und warum? hat ihr nicht Sott diesen kostbaren Schmuck geschenkt, und warum soll sie ihn nach der Hochwst nicht tragen dürfen? Der Sott; der die Sonne und alle« Schöne in der Welt erschaffen, kau» es sein Wille sein, daß »an sie ihre« gov enen Haare« beraube und i^swtt dessen »st so eine« grr nen Seidenfetze« de«