Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 3 (1890) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1891
Issue
3 (1890)
Date
1890-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/6492351-8722846-5959701--1551-5374660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heren kgegeben von Pr. W. Aahmer In Megdeburg. & Zn litftliltni ml Itriritnmf fit )it iiriMHe jndlit. * * Xu* vußgebei. "?"i Rathen Ramuely. — Der Schrecke n»«onat. Bon Nathan Samuely. (Schluß — Atnüqsamfrit. tjUnnll* Jüdische «jterthümer i« Sluny-Rusenm. — Der Traum. Der „AmtoHca" in Riga zum 24 Janu«r 18»1. — RSthj * Auflösungen (PreiSrSthsel). — Berichtigung. Mndeingnr iMUnrf an« diese» Blaltr ist nntrrsngt.1 Da» vatzOehet. Bo» Rathan Samuel y. .Berzeih«, vergieb un«. o Sott der Bersöhnung! Die Sünden, die wir begehen ohne zu wtffen!" Da sollte man sich da» große Bußgebet in meinem Gebetbuch« ansehen, wie e» bedeckt ist mit vhliaen, harzigen Tropfen, mit Fettflecken, die einen eigrnthümlichen düster» Schimmer von sich geben. Da» sind Thrünen, dicke, schwere Thränen, die viele Hunderte von Augen jahraus, jahrein drin hineinweinen. Ach, wie viele von diesen weinenden Augen hat der Tod ffir immer schon geschlossen, und wer weiß, ob er ihnen nicht dadurch ein« große Wohlthat erwiesen hat. Da taucht au» meiner Kindheit vor mir eine wunderliche Mädchengestalt auf, mit dem Gebetbuch« in den zitternden täisden, au» dem sie das Bußgebet mit einer so heißen nbrunst verrichtet, daß die Lettern sich beinah« in Thränen «uflvsen .... ’ Wahrhaftig, damals beweint« sie nicht ihre Sünden, weder die wisientlichen, noch die unwiffentlichen. Wa« hotte auch nur jene keusche Äädchengestalt mit den holdseligsten Augen der Welt mit Sünden zu schaffen? Sie war eine jauchzender Engel in der Gestalt eines vierzehnjährigen Mädchen», schmuck, keusch und schlank wie eine Lilie, mit zwei blauen, lachenden Augen und einem sonnigen Haare, daß ihr wie eine gold'ne Fluth Nacken und Schultern überschwemmte. Ni« sah man sie anders als nur heiter und lachend und zusehend» nahm sie wie eine frische, Ihauduftiae Knosve an Fülle und Rundung zu. Ging sie die Straße vorüoer, dann blieben alle Leute, ob jnng oder alt, wie festgebannt auf einem Orte stehen und gafften ihr nach. Sah man sie auch nur von rückwärts, dann ergötzte sich noch immer der Blick an ihren rythmischen Bewegungen . und an ihrem schimmernd goldigen Haare, da» in zwei langen Flechten ihr bi» zu den kleinen Füßchen herunterfloß. Täglich in der Rachmittagstunde verfehtte sie nicht zu ihrer Mutter in die Handlung zu gehen, u« ihr beim Verkauft behülflich zu sein, und da kamen just um diese Stunde alle Beamte de» Städtchen«, jeder unter einem andern Borwande, in di« Handlung, um sich an dem Anblicke dieser Huldgestalt ut laben, ja, sogar der alte Bürgermeffter, ein sieHigjähriger Grei», kam jeden Tag zu derselben Stunde, und aar oft Sir er ihr glättend mit der zitternden Hand über da» Idige Haar, da» sich seidenweich aufühlte, jo daß der alte ann ein unsägliche» Wohlgefühl bei dieser Berührung empfand. Während alle die verschiedenen Herren sich an dem Anblicke und an den klugen Antworten de» hmden Tächterchen» ergötzten, sah die alte Mutter, di« Wittwe Debora genannt, au» ihre« Gebet buche, da» sie immer vor schlagen hatte, jede»«al verstohlen hinüber und Laicht ohne ei» Gesthl de» Stotze» auf ihr Tächterchen, da» mit ihrer Klugheit und Schöhnheit alle Welt eroberte. »Sie gehen nach ihr aus, alle die Herrn Beamten", sagte sie darauf später zu ihren Nachba en und HauSlrutrn, „o, daß ihr nur Gott recht bald den echten Bräutigam zuschicke!" Um jene Zeit empfing auch die Wittlve Debora sehr oft bei sich den bekannten HeirathSvermi tler der Stadt, der ihr, wie er sich in seine Redeweise auSdlückte, eine gar .gehobene Parthie" für ihr schöne» Töcht« rche» vorschlug. — .Ein Jünaele, wie ein Eßrog'), nur cii.e Beröche über ihn zu machen'), und dazu von der schönste! Famlie, und überdies von sehr reichem Hause. Die Wittwe Debora war auch vollkommen dazu berechtigt, von eil er Parthie für ihr Tächterchen alle diese Dinge zu verlange, denn sie selber gehörte der besten Familie an, war auch zottlob im Stande, ihrem einzigen Kinde eine reiche Mitgift zu geben und erst ihr Goldele — ist sie nicht ein Juwel v, n einem Mädchen? Allerdings hat sie kaum erst da» 14. Jal r zurückgelegt, aber ist sie nicht bereit» zu einer vollen Knospe a ifgeblüht? Und war sie nicht selber im 14. Lebensjahre ftion eine Ehefrau? Uebrigen» ist e» immer vortheil Hafter, ein Mädchen, und namentlich so ein Brillant von einem T tädchen, ganz jung zu „verschleiern", denn da redet sich lald der erst« beste wa» ein — hat ihr ja erst jüngst de' junge Doctor der Stadt so ohne alle Umschweife herauSge ägt. er würde sich so eine Goldele zu seiner Frau wünschen Run, wa» nicht so ein Schmadnik') sich alle» einfallea ltßt! Meine Goldele da» Weib eine«'DoctorS — daß Gott a le jüdischen Kinder davor behüte!" An einem jener Tage geschah e«, daß die Wittwe Debora mit noch einigen ihrer Berwardten sich auf eine Reis« begab, und da sagte sie vor txr Abfahrt zu chrer Goldele, die sie mit einem Kuffe in ihre Arme schloß: „Wenn e« Gotte» Wille sein wird, wer »« ich Dir ein« ganz schön« Uelerrasthung nach Laufe bring«." Al» die Mutter der Reise zurückkehrte, hing sie um nach riitjtn Tagen von ihrer Tochter eine schwere goldene Ketr sanunt Uhr ui den Hal» und sagt« ihr: .Siehst Äoldte, da hast Du ei Geschenk von Dnnem Ehoßen'l, Du bist zu Glück eil cm eine aufa Geschenk Kalle') geworden. In dem erste« Augenblick blieb sie etwa» verblüfft, aber schon nach einigen Minuten, dacht« st« nicht weiter daran und hatte ihre Freude an der Uhr mit der goldenen Kette. Daß sie ihren Bräutigam nicht einmr l vor ihren Augen gesche«, da» machte sie gar nicht stutzt j, sie hatte ja auch gar kein Verlangen nach ihm. Sie wai ein Kind von vierzch« Jahren, dazu voll«.' Ledenßfreux, voll sprlchender Lust, ihr Herz öffnete sich wie jene Blr me nur der Soane zu und schloß wie jene die Klappen z usammen vor jedem *) «in f^toWrtoW. >) «ott «er th» »u loben. *) Oottlefer. ') Brt utiga«. •) Braut.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.