Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 51 (17.12.1891)
- Date
- 1891-12-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Warünr«. Die .Nationalliberal«" treten endlich wst «ui gegebene Parole allenthalben an« ihrer so lange beobachteten Reserve gegenüber de« Antisemitismn« heraM. Ja seiner Derrmberversammlung veranlaßt« der hiesige nationalliberale Verein den DomLnäipächter Major a. D. Pestalozzi aus Haydau, der sich in der Bekämpfung der antisemitischen Agitation bereit« einen Name» gemacht hat, zu eine» Vor» trage über da« Thema: .Warum müssen wir den Anti» semitiSmu« bekämpsta?" Der Bortraaende wie« in fast zweistüudigm, von großer UeberzeugungSkast und HerzcnSwärme zeugenden Darlegungen die großen Schäden nach, die de« Sistig-fittlichen Leben de« Volkes aus der leidenschaftlichen gitation der Antisemiten erwachsen. Er gab dabei eine kurze und treffende Charakteristik de« Verfahren« der einzelnen antisemitischen Agitatoren, deren Beh uptungen er uamentlich vmu religiös-sittlichen Standpunkte au« eingehend widerlegt«. Nachdem Hiera»! Herr Professor Stengel ein besonder« bedauerlich^ Borkommniß der antisemitischen Agitatu»» in einer hiesigen Schule scharf charakterifirt hatte, ergriff Archivar Iw. Winter da« Wort, n» in länger« Erörterungen die praktischen Konsequeuzeu zu zieh«, die sich auden mehr tdcorrttschen Darlegung« de« Borttageuden für die politi^ch-wirthschastliche Seit« de« Autisemittsmu« und fctnc Bekämpfung ergeben. Tr sucht«, gestützt auf historische Argum«te, die Anwesenden zu überzeug«, daß es namenklich im hiesigen Wahlkreise die ernsst, sittliche Pflicht aller patriotisch dec.kndm Männer sei, durch einträchtige« Au» sammmwirtm, wie es durch deu ,Bern» zur Ab» hr de« AntistmitiSmes" bereits angebahnt fei, de- Geistes des lange angefacht« Haffe« und der Zwietracht uater dm einzeln« Bevölkerung-Nassen Herr zu werden» und iu langsamer, geduldigrr Arbett der Vernunft wieder zum Siege über Uuvcr« nunst und brutale Rohheit zu verhelfen. In'seinem Schluß- Worte schloß sich der Vorsitzende de« Verein«. Pros. Paasch«, dies« Ausführungen völlig an und gab der Hoffnung Ausdruch daß der heutige Ab«d dazu beitrag« werde; der antisemittschen Agitation durch eine Vereinigung aller Gegner, gleichviel welcher Partei sie angchüreu, wirEam entgegenzureteu. — So geschchen in Böckls Hochburg! Krnnkreick Vtiit. Hier existtrt eine Präparanden-Anstalt, Talmud- Thora-Schule auch .kleines Seminar" gmaant, weil daffelbe bst Vorschule für da« Robbinerseminar ist. Im Jahre 1853 gegründet, sollte dasstlbe ursprünglich nur den talmudffche» Studien gewidmet sein. Durch reichliche Legate ward« dst Anstalt erweitert und auch profaner Unterricht, wie auf einem Lyxeum, ertheilt. Es werd« halbe und ganze Pensionäre und auch zahlmd« zugelaffen. Der Divector ist Oberrabbiuer Lehmann. Die Aufuahmegesuche i» Oktober d. I. war« äußerst zahlreich; und kam« Schüler au« Rußland, Palästina, Vriechenland. dst Türkei w, weitaus ha« größte Touttngent sstllt Elcaß-Lothriagen. Der Großrabbmer Tblagon au» Canea (Creta) brachte sei«»« für das Studium der Theologst bestimmt« Sohn hierher. ,Wst erinnern uns der Zeit — sagen die »Archive-" — daß der Zudrang zur Talmudthoraschule und Dem Seminar (oefouder« nach 1870) minder grich war. als jetzt, ■9 Frankreich sein« alten Vorrang unter d« Ration« wieder erlangt hat, Und besonder« fest Kronstadt begreif« wir, daß selbst bi« in da« Heiligthum der Talmudthoraschule dieser Einfluß sich geltmd «nacht." (Wst frage» mit d« Alten: welche BkWhungm hat der Sinai mit dem Erlatzahre, welche Kroaswdt mit der Talmudthoraschule?) Hsari». Der Oberrabbiuer von Frankreich hat am 22. Rovenrter «ium Aufruf zur Sammluag für d«e rnffi׳ schm Israelit« erlassen, der «« Sonnabend in alle-Stznagag« Frankreich'« von der Kanzel verlese, wurde. Lu» dem warm geschrieben« Ausrufe gebt hervor, daß dst Sammln^« Mgrankeich bi« jetzt P»»eH«lbe Million Frauken ergab« und daß «au im HinRstl' aufv die mäßige Belostuug ntfetrr amerckanqch« Glaubeutzgmossen sich bst ans da« Höchste auftrengea müsse, damit d-.r gast-' liche» Ufer der n«« Welt »icht verschloss« »erd«. — Dst Haudelskaarmer Mt durch eine Delegation d« Mluister de« Auswärtigen Nidot ersucht; dahiu zn wirk«, daß der Verkehr Wisch« Russen und Fnnqos«. welcher Religion auch immer letzter: wäre, erleichtert werde,׳ damit dst ftanzvstschen Juden nicht vexatorischea Ausnahme-Be- Bestimmung« au-gesetzt wären. (Wirb wohl einHjrommer Wunsch bleiben?) ׳׳ ■■׳ti •!«llritamim. Dst Berichte über dst Absicht« und di« VI « Stellungnahme de« russischen Jfotfcri b« Jude» gegmübex stich immer mst Behutsamkeit aufzuuehm«; doch elur beruhigende Nachricht komntt au« scheiabaic wohlnuterrichtrst» Quelle- Rach derselben soll Se. Majestät sich in jünasier 'j Zeit geweigert haben, ein ihm vorgelegte«, dst fortgesetzt, - Berilstgu«« der Inden betreffende«, Dekret zu unterschreibest upd den Entwurf iu Stücke gcriff« Hab«. Dst elnstrsteu Bed«krn dürsten iu de« besorgten Herrscher »ahl da«h dst augenbtnLich« Lage de« rassisch« Säaate« mit eine» ihm ergebenen und treue« Bauernstände, de« der HurtgHs Äs tod droht, von welche« der Landesvater ihn nicht befreie^ H kann, «vachgernstn worden sein. Solch« Ereignisse lsnue»J) iunnerhin da« Herz de« Autokral« erwcicbt Hab«, so daß. M er zu z«oeistl« begann, ob sei« Rathgeber ihm nnrklich klng M aerathen hatten, al« sie ihn drängt«, den Faden dtt EMM schäftsorganisation, «velcher bi» dahm den Stotz der schlecht« Ernteergebnisse und anderer Zufälle abgeschwächt hatte, mit H einem Mat, z« zerreißen. Durch dst Ruinnmng bEjüdischeu Mäkler undKorn Händler hat dst russische da« einzige zuverlässige »ad wirksanst Mitttl. durch wrl seine unordachtsamr, Millionen ׳ arg« Hunger hätte» schützt «verd« könne«, von sich gestoßen; und da« «nag der ׳ Kaiser jetzt «ingesehen Hab«. Könnten «vir aber nicht auch'zu unserer Beruhigung ׳ aonet^wn. daß irgend eine eiufluKmche persönliche-Jntenk- -z vention zur Aenderung der Sachlage beigetrcw« hat? VW Hab« ja gesch«, wst eine liebevollr Mutter durch nmttttrr^- brochen« Reis« bei Tag «ad Nacht au« der Lttm hstrher-.'- eilte, u» ihr« in London stb«de» krank» Sohn z» pfl««.ÄV Da« zartsühknde Herz unserer allergaädigslr» Prinzessin^ von Wale« schlägt briannttich nicht nur für die Leides ihrer eigen« Familie, fände« sie Kal auch aekrut, für all, ' gemein menschliche Leid« Mitgefühl zu euchfinden. ohne für < da« Wehe und da« Uaglüch welch« dst Inden zu ertrage»:, Hab«, chr mitleidvolle« Herz zu verschließ». Einige hochbestellst Persönlichkeiten, welche sich wegen der Leid« Mt ׳>| russisch« Juden an dst Kaiserin wende« wollt«, ließ mani wissen, daß der Kaiser »erbot« hätte, sein« erhabene Ge», mahlin durch Mittheilunge» über dst Judensrage za b«Pl.VM hellig«. Eine Schwester aber hat da« Recht, auch die, Gelegenheit zum freche». Sie, der« Haiwt einst Krone England« schmücken wird, konnte ja «her als all» europäischen Diplomat« in ihrer einnehmend« und mehr' S"*י״ ־ ״־'“ " " '' ”־“ ־* "׳ daß dst Reise bnr Prinzesstn von Wale« nach Lwadsttst'V theilweist eine Botschaft de« Heil« war und daß sie ihrer Rücllehr nach Englangd Heiluu mitbrachst nicht nwr"' für ihr einem« Kind, sondern auch für Tausende nuglücklicher Wesen, der« Leid« wenigsten« aug«dltcklich kintz^׳-^ Stcngernag erfahr« »erden, »st wir diese« besürchtrttthwenn sie auch «och nicht ganz ihr Ende errncht Hab sollt«. ‘ 1 mi jC tir Vai'3^ .