Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 35 (27.8.1891)
- Date
- 1891-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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lediglich in der verkehrte» AnschemW^ solcher Elter» zu suchen, unveraniwortlich ist da» Verhalte« so mancher Väter, namentlich derer, die sogar verächtlich auf die Zeit zurückdlicken. wo noch im Hause früh und abend», vor und nach Tisch gebetet wurde, mit dem sündhaften Bemerken, da» sei eia glücklich überwundener Standpunkt. Hier kann ich den Eltern nur dringend die Mahnunq zurufm, mit aller Strenge auf das regelmäßige Beten am Morgen, Mittag, nach Tisch und Abend seiten» ihrer Linder zu achten und der ungläubige Vater selbst sollte mit seinen philosophischen Ideen nachgrben und bedenken, daß das Gebet seinem Linde doch eher heilsame Wirkung als Schaden bringen kann. In unseren Familien, wo zwar die hebräische Sprach dieGebetSsprache ist. sollte dennoch das Kind erst nur deutsche oder in einer ihm verständlichen Sprache al^efaßte Gebete sprechen, daneben später einige kleine hebräische Gebetstücke au» den vorgeschriebe»«« Gebeten bi» es die Fähigkeit besitzt, größere Srbetstücke aus dem Gebettuche zu verstehen. Die Sitte des vielen Beten» in einer dem Linde nicht geläufigen Sprach« ist meiner Ansicht nicht gut zu heißen, denn die beim Brteu nüthige Andacht verliert sich, der Name Gottes wird al» vergeblich gebraucht, die Weihe, die mit der Nennung des göttlichen Namen» verknüpft sein soll, geht ganz verloren. Daß das Gebet mit der unbedingt nöthigeu Andacht und Sammlung ver» richttt werden soll, ist selbstverständlich, diese ist aber nur dann vorhanden, wenn namentlich in der ersten Zeit die Gebete einen einfachen, kindlichen Inhalt in kindlichen Worten haben, wie z. B.: ״Lieber Gott, ich bitte Dich, ein fromme» Lind laß werden mich!" u. s. f., ferner: »Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe nieine Augen zu" u. s. f. Daß die Religion das höchste Besitzthum der menschlichen Gesammtheit sei, wird wohl jeder Unbefangene gern zugeden; weil sie aber etwas besonderes ist, darf ein Lind von vornherein damit nicht überschüttet werden. Die beste Absicht der Eltern, die bei alltägigen Dingen immer von religiösem Standpunkte aus sprechen, ist durchaus nicht zu verkennen, aber soll die Religion nicht zu etwas sehr (&* wühnlichem herabsinken, ihre rechte Weihe nicht verlieren, dann ist Sparsamkeit mit religiösen Ausdrücken, besonders mit Ermahnungen recht erforderlich. Damit ist schon das ,Wir" in der religiösen Erziehung angedeutet. Während im Unterricht die religiösen Begriffe planmäßig, ohne erst besondere Veranlaffuuaen abzuwarten, dem Linde zugeführt werden, sollten die ersten religiösen Belehrungen im Hause nur gelegentlich gegeben werden. So wnd die Belehrung über die Heiligkeit und Allwiffeuhett Gotte» das Lind weit mehr ergreifen nach einem von ihm belange»«» Fehltritte, al» wenn sie ohne weittrcs geschähe; «ne Belehrung über die gbulich« Allmacht wird weit mehr Eindruck machen bei eiuem Naturereignis, al« bei ganz ruhigem Wetter. Letztere Eigenschaft Gottes ließe sich ungefähr auf folgend« Weis« dem Linde übermitteln. Die Mutter spricht zum Linde gelegentlich, vielleicht gar al» Antwort auf eine von ihm gepälte Frage: ״Sieh, mein Lind, Dein Vater sorgt für Dich und Däne Geschwister, er besorgt für Euch so viel von dem, was ihr gebraucht; ebenso versorgt der liebe Gott all« Menschen, auch alle Thiere und Pflanzen. Dein Vater »ersteht so vieles zu machen, wa» Du noch uicht »erstehst. Der liebe Gott aber kann alle», er hat die ganze Wüt gemacht. In ähnlicher Weise ließe sich das Lind aber die Allwissenheft Gottes belehreu: Dein Vater weiß mehr al» Du. so oft er Dich ausieht, merkt er, daß Du nicht recht gehandelt hast; der liebe Gott aber sieht alle», er weiß immer, was Du denkst oder thust und er weiß es nicht nur " ־ eiltet ־־ ־י ׳־ "י wm Dir, er weiß es von allen Menschen. Und wie Dich D«n Vater bestraft für da» Böse, da» Du chust, so macht «» >ruch der lieb« Gott.' Mft letzteren Worten hat die Mutter oder auch ein anderer Erziehungsfaktor da» Lind schon auf die Allgerechtigkeit Gotte« hingepnesen k Zur Er» ziehung im religiösen Geiste gehört auch der Bestich de» öffentlichen Gotte-dienste». Bei diesem ErziehungSmfttel zur die Line« Kr Ansichte vertreten, da» Lind 12. Jahre au mit einem Gewinn für seine Seele in Gotteshaus gehen, meinen die anderen, es köuntr nts schade«, wenn Linder schon i» Alter von sech» Jahren sogar darunter in dasselbe genommen wettai. Versb di« Linder in diese« Alter auch noch nicht» von dem ganzen^ Gottesdienst^ so dürfte doch die feierlich« Stille, die ja in s allen Gotteshäusern herrschen sollte, die andachwoollt« Stimmung der Betenden, die Gesänge nicht spurlos an-demi jungen Herzen vorüberziehen, vielmehr einen nachhaltige»^ Eindruck bis in's spätere Alter auf dasselbe auSüben. Beides Ansichten haben einen richtigen Lern, wenn sie auch für sich׳: allein nicht maßgebend sind Mitunter ist rin Lind tar Alter von 13 bis 15 Jahren und sogar darüber noch nicht im Stand«, einer Predigt zu folgen, auf ein anderes Liich dagegen macht der Gottesdienst schon im neunten Jahre ו einen recht erhebenden Eindruck. Ganz kleine Linder im : Alter von & bis 7 Jahren zum Gottesdienst mitzubringe», ' betrachte ich als Unrecht, denn ihre Blicke schweifen überall:^ umher, stören die Nachbarn. e» wird ihnen langweilig und - sie werden so unwillkürlich an Faulheit, an Nichtsthu» gewöhnt. — ___ PSdagEßisch« »tief«. Bon U. »önlg sberger- -attowip IL . Eonfesfloaelle — simultane Schule. Wir hatten im Vorhergehenden aus der Vetrachtunl der herrschenden Zeitverhältnisse die Einsicht gewonnen, das die Aneignung und der Besitz einer festen religiösen Gesinnung von der höchsten Bedeutung für die Erziehung der israelitischen Jugend, für Israels Leben ist. Die Geschichte unserer Vergangen heit hat das ja auch zur Genüge bewiesen, und datu» steht «in Jeder, ob Jude oder Christ, staunend vor jener Heldengröße und jenem begeisterten Feuereifer, der aus den Unbilden der Jahrhunderte unser Volk gerettet, der r» de-" fähigt, der ״ewige Jude" zu s«n. Nur bei dieser Er» Wägung wird das mitleidige Lächeln, da» im Allgemeine« diesen schriftstellerischen Beinamen begleitet, sich verflüchtigen; nur wenn man den Ruhm bedenkt, der in der ewigen^ Brrrheidigung und Behauptung de« eigenen Standpunktes^^ beruht. Den bedeutenden, ethischen Einfluß, welche« äußere Stürme auf die Erziehungsgeichichte tinrs Volte», und be» sonders des jüdischen, ausüben, finden wir in rührender Weise in folgendem Gleichniffr des Midrasch angedeutet. In Schir haschirim rabbah heißt es zu 2,14: ״Einst hatte ein Lönig ein einzige» Töchterlein» dessen Stimme ihm so wohl klang, daß er sie öfter zu hören begehrte. Ai« snn Lind sich aber nicht willig zeigte, ließ er alle» Volk auf» Feld hinausziehen und heimlich sein Tüchtercheu von seine« Dienern überfallen. Da rief es: Vater, Vater, hilf wirk rette mich! — Bleib' ruhig, mein Lind! E» ist genug; denn ich that eS nur, um Däne Bitte zu hören uod Dir zu« Bewußtsein -m bringen, daß ich allezeit bereft bin. Dir za helft«." — Begreift auch Israel die Bedeutung und tat Zweck der Gefahren, erkennt es mit unerschütterlicher Ge» wißheit, daß Gott in seiner Näh« sei, wann eS ihn ruft? Wahrlich, eine herrliche Verklärung unserer Leiden erfthält da- Gleichniß! Doch wiederum ist e» Israel selbst, Israel, dem ma» doch recht gern ein zu starkes Selbsttavußtsein zum Bor» wurs gemacht, daß hier seine Größe venennt, sich auf Wunta verläßt, die. seine Zähigkeit fortrrhalten werden, und vergißt, daß Alt-Israel unter Gotte» Beistand sich selbst seine Widerstandsfähigkeit erworben, vergißt und weist nicht, daß wa» wft ererbt von unseren Vätern haben, wir ständig, von Geschlecht zu Geschlecht, neu erwerben müsse«״ um e» dauernd zu besitzen.