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Israelitische Wochenschrift · 1891-04-02 · 14 (2.4.1891) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
22 (1891)
Issue
14 (2.4.1891)
Date
1891-04-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Noch schlimmer erging es in diesem Jahr auf der großen K irnar-Meffe in Kiew. Man denkt nicht mehr die Zeit, wo eine Meffe so flau und geschäftsloS abgelaufen wäre. Nicht einmal die Hälfte der Waaren wurden verkauft. Trauriger noch war die diesjährige C harkower Messe. Von den daiekbst für 22 Millionen Rubel zugefübrten Waaren wurden nicht einmal für 10 Millionen Rubel abgesetzt. Auch die ^"chlüsse waren gewaltig geringer als seit vielen Jahren. ®1t wollen nicht die speziellen Geschäftszweige aufführen, -״« würde viel zu weit führen — aber die Getreidegeschäfte w Rußland — die ja wie bekannt sonst riesige Dimensionen annehmen — sind durch Mutlosigkeit und Apathie der jüdischen Händler in ganz Rußland und hauptsächlich in Polen aus die niedrigste Stufe in den letzten 2 Jahren gekommen. Welcher enorme Verlust ist das für den russischen — ur.l>, sagen wir es heraus — für den ganzen Welt- Handel! Wie viele Branchen sind in Rußland von Juden v*u entdeckt und einer riesigen Entwicklung zugeführt worden. Ich greife unter Tausenden z. B.' das Eiergeschäft heraus, Elches nur den Juden die Entwicklung verdankt. 90 Million Stück Eier — im Wert he von 2 Million Rubel — hat der bloße Hasen von Petersburg voriges Jahr abgeladen. Ter jüdische Großindustrielle BrodSky in Kiew setzt jährlich einige Milliarden Pud Zucker um. Die Auszählung der jüdischen Großhändler Rußlands ist säst unmöglich — ist doch jeder einzelne Jude in Rußland geschästsdienlich. Das Vorschnßgeschäft auf Werthpapierr bei der Reichsbank in Petersburg sammt Filialen ergiebt im Januar 1890 — 100,8 Mill. Rubel, ״ 04,2 -- 1891 ״ also weniger 36,ö Mill. Rubel, wo Börsen- und Spekulations-Geschäfte Platz greifen. Man möge nur den Handels-, Spekulations- und Börsengcist der Juden abzuschimpfen suchen so viel man will — man kann sich doch ohne ihn nicht so leicht degehen und will man es durchaus — so geht man dem j Ruin entgegen. Bor einem solchen Ruine steht jetzt der I nissische Handel. Ileberall in Rußland wird geklagt. Es Hehlt die vermittelnd« .Hand des Juden — und sein Unter- Mhmungsgeist. Ter russische Edelmann und der russische Kauer, der russische Fabrikant und Kaufmann, sie wollen auf ihre Produkte, Fabrikate, und Waaren Vorschüsse haben, sie brauchen Geld gegen Wechsel, sie brauchen spekulative Abnehmer und Käufer — und das sind nur die russischen Juden. Tausende von Juden gehen an solchen Spekulationen zu Grunde. Man übersieht sie, man schreit auf den Einen, dem die Spekulation gelingt. Aber diese Tausend« haben 1 einen Verfthr geweckt, welcher sonst im Schlafe verfallen wäre. Also aus rein materiellen Gründen sind die Juden in Rußland nothwendig.— Die Gründe für Menschenrechte woLrn wir hier nicht berühren, aber wie Tallyerand einst den Zug Napoleongegen Rußland als den .Anfang vom Ende' brzeichnete, so kann die Judenverfolgung der Anfang des Handelsruins in Rußlands sein. — B. . . In einem Leitartikel .Gott ahndet die Schuld der Väter', den Dr. Jellinek vor einigen Wochen in seinem Organ ,Die Neuzeit' veröffentlichte. — die ,Allgem. Ztg. des Judenth.' hat den Artikel jüngst ohne Angabe der Quelle, wie das so ihre Art ist, adgedruckt — weist der Autor in rhetorischer Weise auf das drohend« Strafgericht in ethischer Beziehung hin, daß aber nicht bloß über Rußland, sondern über alle Völker sich entladen werde, die in unterwürsigem Schweigen die russische Willkürherrschast gewähren lafien. Der Artikel schließt mit den Borten: .Solange die Lrd« nach dem ewigen Besetze von Ursache und Wirkung um dir Sonne sich bewegen wird, werden da» dritte und La« vierte »«schlecht büße», wa» ihre Verfahren durch Uebertretunz »er Otebott der Gerechtigkeit und der vdlkermoral verbrochen haben. In der französischen Revolution erfüllte sich di« Drohung de« Dekalog«; dl« Nuchtommen de« antisemitischen Zeitalter« werde» für de» eifervolle» »ott a» Sinai Zengniß ablegea, und dir europäischen Rationen wer dr» l ln späterer Zell durch ihr «erhalten gegen dt« mo«k»»tttsche NUWlUG ihrer jüdischen Mitbrüder de« «ewri» liefern, daß der gSttliche Geist, der die Geschichte bewegt, ihre« Gang bestimmt und ihr« LntwiLnwG leitet, — eifervoll ist, nach de» logisch-ethischen »«setz« von Ursache »nd Wirkung handelt und daher die Schuld der «Ster ahndft.' J. «ShmischeDSrHer. ~11. Auffälliger wird cS aber dem auswärtigen Leser sein, wie es kommt, daß gebildete, im gesellschaftlichen Leben respectable Männer sich und dem Judeuthum so schwer« Blöße geben können, indem sie den geistlichen Eiertreter der Religion Herabdrücken, statt seine Stellung zu heben. Leider muß es gesagt sein, daß nur Ehrgeiz daran die Schuld trägt. Die Regierung soll nur in den Herrn Vorsteher« die Vertretung de» JudenthumS erblicken. Was sollte die Bürde dieses Amte», wenn man bei allen amtlichen Borstellungen nicht mehr ausschließlich die. Gemeinde repräsentieren, wenn man in Gesetzes-, in Unterrichts- und ähnlichen Fragen nicht das nothwendig« Organ für die Behörden wäre und das könnte ja so kommen, wenn der Rabbiner, da» geistliche Oberhaupt der Gemeinde und nicht mehr ihr Beamter oder ihr Bediensteter wäre. Wenn wir ausrichtig und erschöpfend die Gründe für die bei unseren leitenden Kreisen herrschende Feindseligkeit gegen dir Rabbiner*) darstellen wollen, so müssen wir noch einen zweüen Grund angeben, da« ist die Mandatsjagd. Die Repräsentanz der Landesjndenschaft ist eine Corporation, welche gewisse Fonds und Stiftungen zu verwalten hat und möchte sich gerne zu einem Lentralorgan der böhmischen Jndenheit erheben. Es ist nicht zu leugnen, daß ein solches Organ höchst wünsche»«- werth wäre und daß die Männer, welche von den Gemeinde» Vorständen gewählt werden, dieses Organ bilden könnten, wenn sie auch nicht zu diesem Zwecke gewählt »verden. Aber das Uebel ist. das die ominösen dreizehn Herrn Repräsentanten je einen Kreis vertreten und daß in diesen Kreise« wieder jene Duodezgemeinden die Mehrzahl bilden, welch; de» Name» von Gemeinden gar nicht verdienen, weil sie w:der den religiösen Bedürfnissen der Mitglieder genüg«», noch auch das Judenthnm würdig vertreten können. In solchen Gemeinden ist die-Borstehertyrannei zu Hanse und ihr« sögenannten Rabbiner sind in der Regel Lehrer oder Schächter oft mit sehr geringer Bildung und einem unglaubliche» Mangel an sachlichem Wissen. Diese Gemeinden wollen aber von ihren Mandataren in ihrem Bestände geschützt sein und darum hat dieLandesjudenschaftsrepräfentanz eine solche Furcht vor der unabhängigen Stellung der Rabbiner und vor der gesetzlichen Fixierung jenes Bildungsgradederselben, welcher den Bedürfnissen entspricht und von alle» befferen Gemeinden auch ohne Gffetz gefordert ward«. Nun muß aber der Centralverein, der seinerseits danach strebt, die Bertretnng der Landesjudenheit in die Hand za bekomme«, diese Popnlaritätshascherei mitmachen und muß für seineu Theil danach streben, durch Herabdrücknng der Stellung de» Rabbiner die Gunst der Herrn Bosoh-hukohoFcli•!! zu erwerben. Man fragt aber noch weiter: Warum haben di« Rabbiner sich keine bessere Vertretung gesucht? Warn« habe» sie ihre Jntereffen einem Manne anvertrauh der eine religiöse Richtung vertritt, die außer ihm kaum noch einen zweiten Vertreter im Lande und etwa «in halbe« Dutzend unter der civilifiertea Jndenschaft des Reiches zählt, eine Richtuug, für wAche Gemeindeordnnng Nebensache, Metzger und Bäcker aber die יי׳ eigentlichen Belebnngsmittel der Religiösität sind. Ja! die Rabbiner, nach denen hat Niemand gefragt. Der Minister verlangte wohl Vertreter der verschiedenen Richtungen, der Stadthaltereirath hat sich wohl auch bei de» Herrn danach erkundigt, aber die Herr» sagten: Wir vertreten all« Richtungen. ./ *) Di« jüngst auch i» Le« Berliaer varstantz«- untz^ »««eiude»^' bund-Orga», der ,«llg. Zeit d.Ju».', s» geell »m “ *־־־

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