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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 51 (1890) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
51 (1890)
Date
1890-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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44*^'**'£/#// ™ Heraurgrgebrn von Dr. M. Alhmrr in Magdkburg. Jxr |itrr|iltxx| lud Kelehnmfir die isrxMslhe fimUir. _ t r. Rünstlerliebe. Eine Erzählung au» dem jüdischen Leben Frei nach dem Russischen von Sophie Aordon. — Allerlei fix ittDdll! den Familientisch. — Eine geniale Idee. — Au» der talmudischen Sagenkunde. Bon Lehrer Una in Hanau. 1. Der Bogel V"’'**" . «hol (Phönix). — Der Wille al» «orstelluug. — Räthsel-Aufgaben. — Rärhsel-Aufldsungen. <v»dek»,t»r Rnchdrnck ««I diese» Blatte ist »ntrrsagi.) «iinftlerliebe. Eine Erzählung au« de« jüdlscheu Lebe». Frei nach dem Russischen von Sophie Gordon. Tie große Synagoge unserer Stadt konnte dem Jfc großer Anzahl herbeiströmenden Publikum tauni Platz Hllwahrrn. Der Bersdhuungstag nämlich lockte zahlreiche Söhne Israel» in dieselbe, um daselbst durch Fasten und Webet die im Laufe de- Jahres begangenen Sünden zu sühnen. Der mit schlanken Bäumen bepflanzte Synagogenhof, deffen Blätter in goldgelbem Gewand« prangten, die sich jeder Brise graciüS verneigten, war leer. Die breite, "»nst so lebhafte Straße befand sich wie in einem Zauberilase. Geschäfte, Restaurants in der Näh« der Synagoge geschloffen, da deren Inhaber mristentheils Juden »ren. Am Haujrteingange zur Synagoge steht, einer Statue * mit gesenktem Haupte, eine schlanke, magere Figur. Gesichtsfarbe bedeckte die eingefallenen Wangen, aus —, tiefen Augenhöhlen trifft un» ein müder Blick und die lassen Lippen murmeln leise Gebete. »Denn so wie dein Name ist auch Dein Ruhm immer ewig. Schwer ist eS, Dich zu erzürnen, aber leicht, zu versöhnen, denn Du wünschest nicht den Tod t«S dschuldigen, sondern verlangst nur, daß er die bisherige ^enSweisc aufgebe, dann soll er leben" — so tönt eS von izähligen Lippen in der Synagoge, und in den Augen der dahin gedemüthigt und zerknirscht Lebenden leuchtet auf »mal ein Hoffnungsstrahl auf und wohlig wird eS dem -der Thüre stehenden Bettler zu Muthe; aus den tief* »den Augen rollen in den schwarzen Bart das Herz hternde Thränen. Der Tag neigt sich seinem AuSgange zu. Schräge rahlen der untergehenden Sonne spielen an den hohen, blendender Weiße glänzenden, wie Atlas glatten, lstetisch sich erhebenden Synagogensäulen. Wie in Feuer llt sieht da» von den untergehenden Sonnenstrahlen Allerheilige au», neben dem auf erhöhten Pläizen : Ehoristeu stehen, deren dunkelfarbige Seidengewänder und rz« Sammerkäppchen einen lebhaften Conttast zu den ganz weißen Gestalten bilden. Gleichmäßig erin diesem Tempel die frischen Kinderstimmen, wie geschmeidige Wellen ausgehaucht, die in der uner» lichen Tiefe de» hohen Gewölbe» allmählich verhallen, allen Stimmen ihm sich besonder» eine dünne, zarte r, zitternd, wie bei zurückgehaltenem Schluchzen. Un» ' sich hört man diesem krankhaften Wehklagen zu, „j an» einer gedrängten Brust dringt und sich mit Wie in einem Ton erschallenden Stimmen vereinigt, folgst Du diesen Tönen, in einer unbestimmten, llugigkeit haschst Du nach diesen leidenschaftlichen ie von silier noch schwachen Kinderbrust au»« . Gerden, Mit dieser ungewöhnlichen Stimme singt nicht, sondern weint der 14jährige Moischele, der schon längst die Aufmerksamkeit de» CantorS und der anderen Synagogcamitglieder auf sich gelenkt hat. „Wird einmal einen prachtvollen Cantor abgcben", versicherte der Cantor Reb Abram Bernberg dem reichen Banquier Marmorbcin. „Er hat eine großartige geradezu phänomenale Stimme." Marmorbein interessirte sich für den kleinen Moischele, er rief ihn oft nach dem Gottesdienste zu sich heran, streichelte sein weiches, seidenes Haar, überreichte ihm wohl auch ein Creditbillet, da er die dürftigen Verhältnisse, in denen seine Mutter lebte, kannte, daß sie kaum im Stande war, ihn mit Sonnabendgewändern zu versehen. Moischele nahm da» Geld und dankte verweint, er wußte kaum, wa» er damit beginnen sollte. Erst auf Reb AbramS Zureden steckte er dasselbe ein. Marmorbein kniff ihn gnädig lächelnd in die Backen und sagte zu Reb Abraham: „Ich glaub« auch, daß aus ihm etwas werden kann. Kümmern Sie sich um ihn, beaufsichtigen Sie ihn. denn er ist ja eine Waise, ich will e» ihm ermöglichen, sich emporzuarbeiten." So zeichnete sich schon Moischele in seiner frühesten Jugend vor seinen Kameraden aus und nahm seiner Stimme zufolge einen ansehnlichen Platz im Synagogenchor ein. .O, öffne un» die Thore des Himmels", ruft laut die betende Menge. Die Sonne verbirgt sich. Die lange« Abendstrahlen gleiten auf den Steinfließen hin. „Der Allewige, Tr ist unser Gott!", ertönte zum legten Mal der gemilchte Stimmenchor — und die Mitglieder nähern sich dem AuSgange d«S Tempel». Der Fasttag ist zu End«, der Versöhnungstag ist aus. * * * Moischele tauschte sein Gewand um und ging mit seinen Kameraden aus der Ckorstube der untern Etage zur Hauptpfortc. Da war aber immer eia schreckliche» Gedränge. Alle eilten nach Hause, jedermann wollte zuerst die Pforte erreichen und stieß seinen Nachbar. Moischsie wurde derartig an da» Eisengitter gedrückt, daß er beinahe ohnmächtig hinftel. Zum Glück dauerte eS aber nicht lange. Die Masse zog ab und er fühlte eine Erleichterung. Endlich wurde der Hof leer und Moischele bettat nun.die Straße, die jetzt einen grellen Conttast zum Anblicke bot, den sie vor einer Stunde gewährte. Droschken und Equipagen rollttn dahin, Menschen bewegttn sich haufenweffe. an de« HauSthüren und Straßenecken tauschte man Gratulationen au». Die hellerleuchtettn Fenster lockten förmlich an den Familienherd. Moischele hatte schon längst die Hauptstraße verlassea nad durchschritt nur schmale Quergägchen. Nach siuer halbe« Stund« ermüdeten Gange» erreichte er endlich ei« graue» zweistöckige» Haus und bestteg die unbeleuchtete in

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