Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 50 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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$trau<gtgc6en von Dr. «. »etzmer in Magdeburg. Z« iitcrtiltui irt Srlchm» flr die iemlilische Jnttir. _ . . Such «ine Lhanuka. «an Id- Oppenheim. — «u« meinem G-beibuche ^"honetten von Rathan Samuel,. (Schluß — e»nbalt« Zu Lhanuka. - Ein Mischer «ulenspiegel, «an Ludwm Frank. (Schluß) - «in schöner Zug des Mayor «ranl. — ««rlri . yfit Familieniisch. — «-lhsel.«ufgaben. «Sthsel-Auflösungeu. <llnvet»atee «ach,ruck au« »iesrm «Intte tftnNterko^.) A«ch ei»e Eh«»«ka. Es ist ein düsterer, trüber Wintertag; graue Schnee» wölken bedecken den Simmel, ein heftiger Wind treibt eisige Flocken in raschem Wirbel durcheinander, die nicht gar an» Mnehm und kosend die rcihgefrorenen Wangen der eilig Dahinschreitenden berühren. Die MittagSglocke ertönt. Au» den geöffneten Pforten des Gymnasium», welches in einer der belebtesten Straßen Warschau'» liegt, slrvmcn schaarenweise die Schüler. Lachend, plaudernd, neckend und scherzend oder in ernste Gespräche, in lebhaficn Ditput vertieft, gehen sie ihren Wohnungen zu. Als einer der letzten ist rin etwa elfjähriger Knabe an der Schulpsorte e> schienen. Sein schmales, feines, gelblich blaffe» Gesicht zeigt Spuren ver» gofirner Thränen. Auf dem Straßen dämm, einige Schritte vom Schul» aebäude entfernt, stehen mehrere Knaben.' Sie scheinen den Säumigen erwartet zu haben, und als sie seiner ansichtig werden, fangen sie an roh zu lachen und rufen durcheinander: .He, he, Abraham, Mose» oder Jaczu V .Gestern Jud' und heute Thrist, nicht war?" „Bist kein Jud', bisd kein Christ, ivaS bist denn, he Abraham, h« Moses, he Jaczu V Der Knabe zuckte bei jedem dieser Worte zusammen. Seine Hände ballten sich vor Wuth und sein Gesicht ent» . färbte sich. Plötzlich wirst er die Bücher auf die Erde und : stürzt sich auf seine Feinde. Die Bücher treibt der Wind fort, die gelösten Blätter stiegen auf der Straße umher. Der Knabe achtet nicht darauf. Der ungleiche Kampf hat begonnen. Mit blutigem Kopf und geschwollenen Wangen bleibt der Arm: auf der Erd« liegen, während seine Sieger sjärwend und lachend weiterziehen. Minute» vergehe», eh« der Knabe im Stande ist, sich zu erheben, sein« Glieder -schmerzen. sein Gesicht glüht und m dem armen kleinen Gehirn wogen wild« Gedanken durcheinander. Er geht -heim — erst langsam, dann schneller und immer schneller, keuchend, «themlo« erreicht er sein Elternhaus. Bor der Thür des behaglich eingerichteten Wohagemache» 'bleibt er stehen, er zögen einzutreten. Sein Anzug ist be» schmutzt, er fürchtet die Seinen zu erschrecken, doch im nächsten .Moment wird die Thür geöffnet und er liegt in den Armen '.seiner Mutter, die ihn längst mit Ungeduld und Angst er lwartet, die seine Schritte gehöN und ihn entgegen gegangen war. „Abraham, Jaczu, mein Kino, wo bist Du so lange srn. m« siehst Du au«, was hat man Dir gethan?" t sie erschreckt und angstvoll aus. Uuter heißen Thränen erzählt der Knabe die Erlebniff« letzten Stunde. Abraham Gerfon ist mft seinen Eltern, seiner Gchwester -einigen Wochen zur griechischen Kirche übergetrrten und hatte bei der Taufe den Namen Johann (Jaczu) empfange«. Nach harten, schiveren Kämpfen, nach Anwendung aller möglichen Mittel, nach Aufopferung keines halben Vermögen« mußte sich der Vater entschließen, diesen Schritt zu thun. Mit diesem Moment« war der Friede, da» Glück von der Familie gewichen. Die äußeren Verhältnisse ließen wohl kaum etwa» zu wünschen übrig, aber da» häusliche Behagen war gestört. Etwa» sittsam Fremdes hatte sich eingenistet, ein« eige»» thümliche Angst und Scheu lag auf den Gemüther«, der Frohsinn, die Heiterkeit waren gewichen. Die Besuche dr» Geistlichen, die religiösen Prüfungen brachten bittere Stunde«. Die Lippen zwangen sich, das Gegentheil von dem ans» zusprechen, wa» das Herz fühlte. Der Vater war verstimmt, die Mutter weinte oft heiße Thränen und die Kinder wurden in der Schule gekränkt, gehöhnt, verspottet. „Was haben Dir denn heute wieder die Christ«» ge» than?" fragte die kleine Schwester, streichelte die thränr«» fruchten Wangcn de» Knaben. Erzähl' un» doch." Sie versuchte seine erfrorenen Hände zu erwärn und schmeichelte und küßte ihn. Der Bruder erwiederte Liebkosungen Nach wenige» Sekunden wird die Thür! öffnet und de Vater tritt ein. Hastig springt da» ~ ihm entgegen: - „Sage Vater, wa» bin ich nun eigenllich, ein JM^ oder rin Christ?" Der Vater wurde blaß. „Du mußt von jetzt ab! Thrist sein, mein Kind', sagte er und sein« Stin zitterte, „strebe nur, ein braver, guter Mensch zu wer „Aber warum muß ich ein Christ sein," ruft. ftin\ „Warum soll ich nicht Jude bleiben, ich bin als Jude geboren, wrr darf mich denn zwingen? Wie ich Allem fluchen, wa» ich bisher geliebt habe. Vater, den Popen nicht mehr kommen, laß ua« fortgehen von , in ein andere» Land, wo wir das bleiben dürfen, wa» wir bisher g,wesen sind. Sie kränken und höhnen «ich uy ' immer, obgleich man mich schon al» ihresgleichen i» der Schuir bekannt gemacht hat. Ich will nicht« mit ihnen gemein haben. Ich bin eia Jude und will ein Jude bleib««?'-. Mehrfach wollte der Vater den Knaben unterbreche«. da« erregt« Kind läßt ihn aber nicht zu Wort« kommen. Endlk^ hält der Knabe erschöpft inne. Die Mutter legt küh Tücher auf die heiß« Stirn und die Schläfe de» Sprechendes Liebevoll hebt ihn der Vater auf sein Knie und redet gütig und mild zu. „Nur Euer Glück habe ich im Auge gehabt, als diesen Schritt gethan. Lange Zeit Hab« ich gekämpft, ich zu diesem Entschlüsse gelangt bin. Ich will 4 meine geliebten Kinder, eine Heimath, ein Vaterland halten. Die Kinder hören still und aufmerksam scheinen aber sich doch nicht überzeuaen laffea zu woll „Dennoch bleib« ich ein Jude", saate der Knabe und fest, al» der Vater geendet. I« Herzen bin ich'»