Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 46 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959608--1505-5374221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
frT<ur(<titcii tcn Sr. M. in Magtrkurg. Zn S*trr|illii§ int Kckhnmz fit lie isrnlitistze froüit. La» OcStthid). Silhouetten von Rathau Samuely. IV. Di« Sparbüchse. — Im dunklen Afrika. Rach dem Talmud, von >SfrtDfllt! Raptalt Herz Im der. — Allerlei für de» Famillentifch. Jüdische Diplomaten. — Bauernseld über dt« Juden. — V* " Papier, Tinte, Stahlfeder — Erfindung der Inden. —. W«i»heit des Brahnianen. — RLthsel-Ausgaben. — Räthsel-AuslSsungen. N1»»«i»<rrr »achdrnck an« diese« «litte tft nntersagt.) m vllder a«S meinem Gebetbnch. Bon Rathan Samuely. 1Y. Die Sparbüchse. v- Unter den verschiedenen Federzeichen und müssigen, mit 55kindeShand entworfenen Figuren findet sich auf einem der; leeren Blätter meine- Gebetbuches eine Zeichnung vor. in v welcher mein Groll sich einst als Kind Lust zu machen suchtt. Diese stellt irgend eine Karrikatur vor mit verwachsener Stirn« und unendlich langen Fingern, und unter ' dieser sind di« Worte zu lesen: Da» ist der rothe Bernhard. Wenn nicht mein Schullollege, der rothe Bernhard, so ^wärr ich sicherlich heute ein sehr reicher Mann, aber dafür auch der grüßte Geizhals, der je über seinen Geldsack gehockt. Ungefähr neun Jahre war ich damals alt, als mir «ein guter Bater «ine- Tageeine große, schöne Sparbüchse zum Präsente machte mit den Worten: .Siehst Du, Kind, wenn Du hie und da Kreuzer Dir beseitigst, werden diese mit btt Zeit zu einem Sümmchen anwachsen, für welches Da Dir anschaffst, wonach Dein Herz Verlangen hat, wie beispielsweise ein Geldtäschchen, ein Schreibzeug, ein schöne- Buch und noch irgend welches andere niedliche Dingelchen!* Freudetrunken nahm ich vom Bater da- Geschenk in Empfang und schon zeigte mir meine lebhafte Phantasie, die mir Allevergrößert und verschönert, eine Reihe von Büchern mtt Prachteinband und Goldschnitt, eine Fülle von netten Dingen und drunter ein schöne- Tintenzeug, ja auch «inen Schreibtisch, vor dem ich, wie eia großer Herr, mit der Feder hinter dem Ohre dasaß. Mein guter Bater, der die Freude merkte, welche sein Präsent mir verursachte, fühlte sich dadurch bewogen, einige Stloerstückr auder Tasche zu nehmen, die, wie er sagte, «ein Stammkapital bilden sollten, und nun rollt» Münze um Münze die Sparbüchse hinunter mit einem vollen, herrlichen -lang, daß emir das Herz ergötzte. Von jenem Tage an fing ich an zu sparen und zu sammeln. WqS ich von Bater, Mutter und Berwandten bekam, verschlang sofort meine Sparbüchse. Jetzt war es nicht allein die Aussicht, schöne Dinge zu bekommen, die mir Freude Machte, sondern auch das Sammeln als solches, der volle Klang von Kupfer» und Silbermünzen, di« tönend meme Büchse hinunterrollten, wo sie an eine Menge dort schon anaehäufter Münzen anschlugeu, di« ihre- Theils den Ton zuruckgaben, wie lustige Brüder, die mit fohlender Stimme neu angekommene Gäste begrüßen. Nach und nach erblaßte stnmrr mebr und mehr in meiner Seele der mir früher Freude verursachende Zweck de» SauimelnS, und da» Gammeln war mst jetzt Alles, Mittel und Zweck zugleich, die «ein kleine- Herz ganz und uimetheilt für sich in Anspruch »ahmen.— Wieder kollerte eine Münze hinunter und wieder eine, die ich Bater, Mutter und Berwandten zu entlocken ~ e;u»d alleda» war nur einzig zu dem Zwecke» damit «m die andere meine Büchse verschlinge», die «st jedem Tage immer schwerer und gewichtiger in der Hand sich fühlen ließ. Mit jedem Tage war mir aber auch da» Sammeln immer brennendere Leidenschaft geworden, so daß meine Büchse jetzt nicht allein alle meine Sparpfennige verschlang, sondern auch meinen Imbiß, mein Frühstück und bisweilen auch mein Nachtmahl, die ich an Kollegen um Geld verkaufte, ja, nicht selten auch eure» meiner Bücher, für welche» ich Kupfer- und auch Silbermünzen erhielt, die meine Nimmersatte Sparbüchse mit lechzendem Munde aufnahm und in ihr Inneres verschwinden ließ, so daß sie vor Fülle schier bersten wällte. Es fehlte mir aber auch nicht an Borwänden, die meiner Sammelleidenschaft immer neue ^Triebe zuführte. ES handelte sich mir ewig nur darum, die Summe alzurunden. Heute zählte ich mir meine Barschaft aus —> acht Gulden fünfzig Kreuzer. Also nur zu, nur fortsammeln, bi» es sich zu einer vollen Zehnerbanknote abrunde. Und wieder nahm ich eine Woche später eine Zählung meiner Barschaft vor, und stehe, der Zehner ist um zwei Gulden noch überholt. Wie viel fehlt da noch zu einem neuen runden Fünfte? Nur zu, nur immer weiter sparen, sammeln, daß vor woülüstiger Habgier mir da» Herz ausquoll! DaS riß mich immer weiter mit sich fort! Einmal im Frühsommrr, da kamen meine Kollegen gleich mir m die Schule und jedem blinfte in der Hand ein Bündelchen ftischer, duftiger Kirschen, die sie eine um die andere mit unsäglichem Behagen verschlangen. Mir wässerte der Mund vor verlange», und gierig blinzelte ich nach der duftigen, fleischigen Kirsche hinüber, von welcher mein Kollege, der neben mir stand, eine halbe herunterbiß, während er die angebiffen« zweite Hälfte voll köstlichen Saftezwischen den Fingern hielt. — Ach, so eine Kirsche effen! Ich schlang den Speichel. Nur wenig Ueberwindung kostete e» mich und ich schlich mich zu einem Kollegen, von dem ich eine Kirsche bettelte, nur eine, die er aus Erbarmen mir awch schenkte. Schon war ich daran, sie gierig, zu verschlingen, da erfaßte mich mit dämonischer Gewalt , meine Leidenschaft: sammeln! Zum zweiten, dritten und vierten, , kurz, zu allen Kollegen schlich ich mich hin, von welchen ich, durch. allerhand Versprechungen, die ich ihnen zu machen wußte, je zu einige Kirschen erhielt, so daß ich von denselben ein volle», reiches Bündelchen in der Hand hatte. Nichts war mir aber jetzt ferner al» der Gedanke, diese Kirschen zu verzehren. Wohlverwahrt brachte ich sie mir nach Haufe, und hier war es mein kleine» Schwesterchen, die mir ihre Lüsternheit nach dieser duftigen Frucht mit einem Kreuzer bezahlen mußte, und dieser Kreuzer — wer wird e» nicht ahnen? — ging den Weg aller anderen Kupfer- und Silbermüuzen — schnurgrad m die Büchse, in di« unersättliche Sparbüchse...«. Roch Einen aber gab es, der reges Jnterefft an der zunehmeoden Füllung meiner Sparbüchse «ahm. Dieser war eben mein Sdjulfou«^, det röche Bernhard. Mit steigender Theilnah« vttfmqtc daS gedeihliche Anwachsen meiner