Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 41 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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»tUk, $cnralgcg<fat Vm Dr. M. Uatzmrr in Magdeburg. ™ An WürrtzM»» n) §tiktzm>i str die i»r«MHk F«ilie. 0 Inhalt ftsci Freitagabend«. Novellen» an» dem jüd. Leben van Ludwig Frank. — Di« Jagd nach milie Bet t. — Allerlei für den FamUientisch. — Mthsel-Xufgamn.^SU^MSsun^m^^ Jiche»". (Fortsetzung). Bon an» vtest» Blattr ist ilnteri»^.) Zwei Freit<»g«He«de. Novelle«« an» dem jüd. Leben von Lndwig Frank. I« Hause de» reiche« jüd. Kaufmann- W. schlich an einem Freitagabend da» Dienstmüdchea zum zweite» Stock hiaanf und klopfte schüchtern an eine Thür. Auf da» etwa» scharf und unwillig klingend« „Herein' öffnete e» dieselbe langsam und bracht«, an der Thür stehen bleibend, die Worte hervor: .Di« Sabbatlichter brenne» schon, da» gnüdige Fräulein möchte zu Tisch herabkommen'. .Ich kann mich jetzt nicht stören lassen", war die Antwort, „bringt mir da» Essen herauf', und schnell verließ die Magd da» Zimmer. Die Bewohnerin de» Gemache» ist ein junge» Mädchen, Jda, die einzige Tochter de» Herrn W. In vornehmer Nachlässigkeit liegt sie auf dem Sopha ihre» Boudoir« au», gestreckt) die schwarzen Haar« hängen ihr aufgelöst über die Schultern; die dunklen, schwärmerischen Augen blicken bald hinauf zur Decke de» Zimmer«, bald in ein Buch, da» sie mit beiden Händen geöffnet hält, r» fft — Heine » »Buch der Lieder'. -Mir träumte einst von wildem Liebe». Kühe»', mit leidenschaftlichem Ausdruck la» sie di« ersten Strophe» der „Jungen Leiden * Daun stellte sie da» Buch zu mehreren anderen Klassikern, die ungeordnet auf de« Bücherschrank neben einander standen, legt« sich wieder auf da» Sopha und — träumte mit offenen Augen. I« untern Stock hatte die Mutter de» Mädchen» die Sabbatlamp« entzündet, den Segen über die Lichter gesprochen und alle» zum Empfange de» au» der Synagoge heimkehrend«» Vater» bereitet. Dieser ließ nicht lange auf sich warte»; »ach kurzer Begrüßung stimmte er da» herrlich« salomonisch« Lied zum Lob« der „braven Hau»fran' (Aoobo» Ohajil) an. dabei beglückt da» freudestrahlende Antlitz der Sattin »uend, oie alle» so schön zum Sabbatempfang her» et hatte. Wenn etwa» einen Schatten auf da» Stück ltern werfe» kauntt, so war es, daß di« geliebte Tochter »icht an de« Mahl« theilnahm. Sie la» beständig die modernen Klassiker und versenkt« sich ganz in die Poesie derselben, hatte aber die viel tiefere Poesie, die in tat jüdischen Famtlenfesten besonder» i» Freitagabend liegt, verloren. „wo nur Jda wieder bleibt', bqann di« Mutter, .ich habe sie schon ruftu lasse», aber sie kommt nicht, sie will sich i« Lese» «icht störe» lassen". — .Ach ja, als sie »och klein war, hüpfte sie mir, wenn ich au» -ta» Tempel kam. frendig entgegen, be»gte ihr lockige» Häuptche», daß «h sie state; aber mit jchem weiteren Jahre ihre» Schulbesuch», mtt jeder höhere« Klafft, »ahm ihre Freud« am Sabbctth ab.' — „Ja, ja, so kam r»', meinte die Mutter, .bald klagte sft sie habe zuviel Schularbeiten zu «orgtu, sie ha« Gedichte zu lernen, die sie zum Wochenschluß so gern Lvortrug — sie schwärmte frühzeitig für die Dichter — so blieb sie allmählich vom Freitagabendtilch weg. Wir hätten am Sounabeno gar nicht nach der Schule schicken sollen, n hätten wir den Freitagabend gerettet, und damit daschönste Stück jüdisch - religiösen Familienleben». So sitzen wir unten allein und sie oben allein'. — „Ich dachte" meinte hierauf der Bater, „daß, wenn sie die Schule verlaffen haben würde, auch ihr der Sinn für da» religiöse Lebenwieder zurückkehren werde." — „Das war ein schwerer Jrrthum von Dir. Religion ist zum'großen Theil Gewohnheit, Uebung. Jung gewohnt, alt gethan. Nun hat sie sich aber davon entwöhnt und bleibt lieber bei ihren Dichtern." — '.Du hast Recht, 'aber ich habe noch eine Hoffnung. Sie wird sich schon noch ändern, wenn sie . . ." sprach begütigend Herr W. zu seiner Gattin, und reichte ihr zu gleicher Zeit einen Brief. „Der Brief kommt von meinem Freund K. au» der Hauptstadt; vielleicht wird da» helftu." Wir blicken etwa» indiöcret über die Achseln der Frau in den Brief und lesen: „Alter Freund! Wenn du glaubst, daß unsere Kinder jetzt alt genug sind, um ein Paar zu werden, so schickeich meinen Sohn, den Philologen, der Anstellung am Gymnasium erhalten hat, zu Dir auf die Braut» fahrt. Dein Freund K." Al» di« Frau den Brief gelesen hatte, nickte sie ihrem Gatten zu mit den Worten: „SRut ein gebildeter, tüchtiger Manu kann Jda von ihren phantastischen Weltanschauungen befreien; da» ist auch meine einzige Hoffnung." Im ober« Stock war unterdessen Jda auf dem Sopha eingeschlaftn und fuhr mrhrmal» au» unruhigen Träumen auf. Sie sah sich wieder al» kleine» Mädchen aut Sabbath- . tisch, wo di« Lichter lustig flackerten, wo «in ftl'ger Fried« ... hinweg, hinweg mit diesen Bildern-schon lange konnte sie sich nicht mehr freuen an diesem herrlichint Familienfest, da» sich jede Woche wiederholte. — Dann sah sie wieder da» Bild eine» jungen Fremden, der heute an ihrem Elternhaus« vorbeiaegattgen war. Sie sah immer wieder die tugendlich kräftige Gestalt im modernen Touristenanzug, den derben Knotenstock in der Hand. E» hatte ihr da» Blut in die Wangen getrieben, al» er seine Glutblicke zu ihr heraufsandte. In jenem Augenblicke war er vielleicht schon wieder «eit fort, hatte sie vergeffen;-und doch, wer weiß, vielleicht — — er hatte so sehnsüchtig herauf^eblickt — aber er war, nach seinem Aussehen zu schließe«, em Christ . Dann dünkte sie sich eine ganze Ewigkett traumlo» dazuliegen, bi» sie ihren Bater sah, der wehmüthig da« Haupt von ihr abwandte, ihre Mutter, di« weinend da» Antlitz ver- Sund endlich sich selbst, wie sie in einer evangelischen dem Tmtristen die Hand zum ewigen Bund« reichte. Eine wild« Freud« erfüllte sie, al» sie vor dem Priester oa» Ja sprach; al» sie aber an die weinenden Eltern gedachte, erfaß« sie namenlose» Weh — Thräuen rannen au» ihren Augen — sie erwachte. Die Strahlen der Sabbathsonn« leuchteten schon in» Zimmer; sie stützte gedankenvoll da» schön« Haupt auf die Hand und flüsterte leise da» Wort Heine'» vor sich hin Mtt träumte einst von wildem LttbeSglühen Sie tra-