Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 39 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959598--1478-5374200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Peste halte jetzt mit den rollende« Augen, mft de» zusammen- ' gebissenen Lippen und den geballte» Fäusten nicht« von j ihrer früheren Schönheit. Ein Glück, daß Lorche» in ihrer aufrichtigen feurigen Erzählung ihre Mutter nicht. anscbaute. Jetzt aber, als sie vollendet batte und mit den Händchen den Hals ihrer Mutter umschling» wollte — prallte sie entsetzt zurück. Wie ein Tiger, der auf seine Beute losstürzen will, hatte Prsse die geballten Fäuste grgen tos Haupt ihre« Kindes erhoben. Lärchen floh iu einen Winkel und schrie um Hilfe, aber schon war Pesse «it cinkm Sprung« neben ihr. Sie würde iu ihrer rasenden Wuth ihr Kind halb lodgeschlagen haben, wäre nicht ihr Mann, welcher bisher mit der größten Ruh« in den talmudischen Schriften studirt hatte, dem Kiud« zu Hilfe gekommen. Roch hielt sie die Fäuste, mit denen sie aus Kopf, Hals und Arme LorchenS wild und unbarmherzig losgeschlagen hatte, fest geballt und schrie mit schriller Stimme: .Ich will Dir schon die Lieb« saus Deiner Seele heraus» jagen und müßte ich Dich todt unter meinen Händen sehen." „Beruhige Dich doch, liebe Frau"', fiel LorchenS Baten ein. „Was ist denn vorgefallea? Was bringt Dich so in Zorn?" Pesse hörte nicht seine Frage. Fieberhaft zuckte es ihr im Hirne und ihr Blut tobte. .Also jetzt, wo ich das Ziel meines Lebens erreichte", rief sie heftig, .jetzt, wo ich die stolze Höhe erklommen habe, wo ich schon vor mir liegen sehe das schönste Wild, das ich mit meinem Herzblut erjagte, den besten Jiches- Echidech! jetzt will meine Tochter mir rntgegentreten, »ich hinabstnrzcn in die Fluth der Verzweiflung. Ah, ah —“ Sie stieß einen Seufzer au«, als würde es ihr« Brust zersprengen. Dann lachte sie wild auf: .Und diese zucker». süße Freundin, — ja die soll mein erste« Opfer sein." Sie eilte in die Küche und befahl ihrem Stubenmädchen, sofort Johanna und ihren Bruder zu holen. * * Während diese aufgeregre Szene im Hause Besse'« sich zntrug, fühlte Alexander die höchste Wonne, daß sein angebetetes Lorchrn für ibn gleich reine Liebe empfinde. Er eilte zu seinem aufrichtigsten Freunde, welcher auf demselben Platze, wo Pcsse'S Haus sich befand, wohnte. Auf dies« Weise war er in der Nähe seiner tzbeliebten und bei einem edlen College», dem er seine Freude mitthrilen und besten scharfsinnig« Rath er rinholen wollte. Jacob, so hieß dieser College, machte ihn auf die Gefahr aufmerksam, welch« seiner Liebe von Seiten der Frau Pesse, der Protrctorin des Chassidismus, droht. Al« beste« Mittel auf ihr ein» zuwirkrn wäre, den Dialosiker Rrbben zu gewinnen. Alexander wollte jede« Hinderniß, da« seiner Lieb« entgrgentteten konnte, sofort besritigea und beschloß; den Dialosiker Rrbben gleich zu besuchen. Ein Zehnguldenschein an besten AdlatuS verschaffte ihm den Zutritt zum Rebben. Solche reiche Gab« hatte der Adlatu« — wer wollen ihm diesen von den Studirenden erlheilten Ehrentitel lasten — noch niemals erhalten. Auch die Gunst de« Rebben gewann Alexander außerordentlich schnell und zwar mit einer Fünszigguldrnnotr. Alexander hatte mft seinem Bruder »ach dem vor einem Jahre erfolgten Tod« seiner Eltern fünfzrhntausend Gulden geerbt und ein kleine« Grundstück mit einer Ziegelei. Er konnte sich also diese Verschwendung zu Gunsten seiner Liebe erlauben. Außerdem versprach er den» Rebben da« Vierfache, wenn er ihm zu einer Parthie mit Lorchen verhelfen wollte. Ter Redbe hatte einen überau« glücklichen Tag. Bor einigen Stunden war an derselben Stelle die Parthie Lorchrn« mit Leib vereinbart worden und er rechnete, al« Bermittter — so geringfügig seine Thätitzstit hierbei auch war — eine» reichen Lohn zu ernten. Jetzt bekam er wieder Geld, dies« Parthie zu lösen. Frau Peste hatte ihm beim Einzug« in ihr Hau« vor Allem Klugheit anempfohlea. Er «trannoorrUchir «tctettenr: Xr. Vi. Säumer, Ä-AÄurg. Truck: i | wollte diese Lehre nütze». Eine so gute Gelegenheit war! ihm nicht jede» Tag geboten.- .Zuerst binde», dann lösen — dann wieder binden" — murmelte er in seine» Bart — . „ich kaufe da« Hau«, wo ich jetzt wohne, bin ganz «nab- - hängig —Er rieb sich vergnügt di« Hände, machte aber gleich darauf ein bfttersaure« Gesicht und erzählte die beschlossene Verlobung Lorchen« mft dem Sohne de« Reb Motel«. Schreckensbleich hörte Alqcander zu. Jede« Wort de« Rebben war ihm ein Dolchstich in« Herz. Er mußte ' sich an einem Stuhle halten, um nicht vom Schmerze überwältigt zu Boden zu stürzen. Thränen, die seit dem Tod« der Mutter seine Wangen nicht benetzten, drängte« sich gewaltsam hervor. Die hohe Höne kräftige Gestalt des jungen Manne« stand plötzlich, wie Espenlaub zitternd. Der Rebb« sah dies« schmerzlichen Erregungen und hatte- Mitleid mft ihm. Ec sprach ihm Muth und Hoffnung zu und wollte alle« Mögliche zu seinen Gunsten verwende». Die« brachte Alexander wieder zu sich selbst und dem Rebben eine königlich« Belohnung -»sichernd, eilte er rasch zurück, um seinen Freund Jacob vom Geschehenen zu unterrichten. — Frau Pesse konnte lange nicht ihre Fassung gewinne». Sie raste wie eine gefangene Löwin, fluchte, tobte und erwartete mit größter Ungeduld Johanna und ihren Bruder. - Al« sie deren Schritte hörte, verschloß sie die Eeitenthüren. daß sie niemand belauschte. Die jungen Geschwister mochten nichts Gute« ahnen, denn sie traten sehr ängstlich ein. „Tretet nur näher," rief Peffr mit dumpfer Stimm«. „Ich werde Euch doch nicht fressen!" Der junge Mann, eine schlanke Gestalt mit wohl« geformten Krauskopf, dessen bleiche abgehärmt« Züge ganz besondere nächlliche Anstrengung bekundeten, trat chr einige Schritte entgegen und frug stolz: „Was wünsche» Sie denn von un«?" " „Wa« ich wünsche?! Ha, wa« ich wünsche? Mein Geld wünsche ich. Sie sind mir für zwei Quartale Miethzin» schuldig, auch auf den früher» Wechsel haben Sie nur dir Hälfte abgetragen?!" rief Peffe wütheud. Der junge Manu ließ die Augen nieder und er» wiedert« sanft: „Sie wissen sehr wohl. Madame, daß ich Ihnen die Hälfte meine« Gehalte« gab und Sie sind so freundlich gewesru, mir di« Abzahlung auf Raten zu gewähre«, da ich - Ihr frühere« Guthaben bei meiner Mutter nicht tilge» konnte. Auch meine Schwester zahlt ihnen die Hälft« ihre« . bescheidenen Erwerbe«, wa« sie durch Stickerei verdient. Ich bitte Sie also gütigst, weitere Nachsicht, zu übe« und wir werden die Schuld allmählich tilgen." „Nein! Da« ist schön!" keuchte Peffe, „Nachsicht soll - ich üben, damit Fräulein Johanna ihre Liebr-geschichte« treiben kann, damit sie al« LiebeSintriguantin mein Kind in- Berderben stürz« —" „Madame", bemerkte der Bruder Johanne« «it Würden. ‘ „ich bitte Sie, mein« Schwester nicht zu beleidigen!" „Nicht beleidig«?" fuhr Pest« voll Zorn und Entrüstung fort.. „Roch heute last« ich den Sequestrator- - kommen und laste Euch auf di« Wechselfchuld, die ihr Beide unterschrieben habt, und auf die MiethSschuld sequestrirr» und in» Gefänguiß werfe». Johanna brach in Thränen au« und fiA Peste z» y Füßen, indem Sie flehte: „Haben Sie Mitleid mit un« — beschimpftn Sieun« nicht." ,, - Auch chr Bruder stand gebrochen da. '-s „Ich will nicht untersuch«»," begann er zitternd, „wa«-" Sie gegen mich und mein« Schwester so aufgebracht hat. Sie haben ei» Recht, Ihr G»d von un« zu fordern..-,^ Weiß Gott, ich kann e« Ihnen jetzt nicht gttxn. Meine Buchhalterstelle und meine Nebenarbeit« bring« mir nicht (fMdttM tu bet BHIttt) »ont.iL BolIf.-BagUWV'&H.fl von ftoUrt fttt«!«,'j