Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 1 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959555--1291-5374046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dazu noch eine zahlreiche Nachkommenschaft. Kan betaut Jasef ein thätize« und artcitfane« Sehen. Anfänglich hatte er zu sich selbst kein Vertrauen und um Uehtng und Fertigkeit zu erlangen, stellte er sich auf den Scheidew«en auf, und kaufte bei den vorbeifahreuden Bauern Mer, Geflügel, Getreide in Keinen QuantitLten Flach«, Hanf und andere derartige Producte, welche die Landleute nach der Stadt fuhren, um sie gegen Salz, Naphta oder Baargeld »inzutauschen. Nach einjähriger Hebung hatte sich da» vom Bater empfangene Sümmchen verdreifacht, Josef streifte seine bisherige Aengstlichkeit ob und gewann Muth und Selbstvertrauen. Jetzt besuchte er oft die Dörfer, bei der Landbevölkerung diverse Gegenstände entweder gegen Kaffe einkaufend, oder sie gegen Waareu, welche er in seinem ambulanten Krame mit sich führte, eiutauscheud. Hie und da lieh er auch einem Bekannten einige Gulden, gewann auf diese Weise die Zuneigung der Landleute und ein Renommee. Nach einigen Jahren einer solchen Lebensweise fühlte er sich stark genug, um mit einem ziemlich bedeutenden Kapitale größere Geschäfte zu mache». Er handelte mit Getreide, Holz, knüpfte Verbindungen mit Grundbesitzern an und noch öfter« mit Wirthschaft«beamten, Gut«Verwaltern, Branntweinbrauern und anderen »Hof-Würdenträgern.' Dabei erging et ihm verschieden: bald kam er unter, bald auf den Wagen zu liegen; bald riskirte er eine» bedeutenden Betrag und gewann, bald wieder erlitt er trotz der größten Vorsicht und Berechnung starke Verluste. Dabei mußte er viel leiden und ansstehen, sich auf den Jahrmärkten und in den herrschaftlichen Borzimmern herumplagen, bi« er sich in seinem 26. Lebensjahre mit einem nicht häßlichen, nicht alten nnb nicht sehr reichen Mädchen verheirathete. Jetzt ist Josef Zwiebel ein ernster >md reicher Manu. Bon hohem Wüchse und edler Haltung, ttägt er einen »deutschen' Kock, schneidet sich die »Petes" ab und haßt da« übliche .Schadbes-Streimel' — eckenreiche Mütze —, dafür aber pflegt er mit Sorgfalt seinen prachtvollen, schwarzen Bart, um welche» ihn so mancher Jankee beneiden würde. Innig und heiß hängt er an der Religion der Borfahren, beobachtet scrupulö« ihre Borschristen, aber in de« Leben« Stürmen und Wirbel hat er so manchen Aberglauben und manche« Dorurtheil abgestreift, wofür ihn die pedamischen Glaubensgenoffen einen »Mißnaged' — Skeptiker — nannten. Ihn hatte die Strömung der Livilisatiou erfaßt. Da er mtt der Intelligenz aus dem platten Laude in Berbindnug stand und dabet neugierig und wißbegierig war, verachttte er keinesweg« die zeitgenössische Cultnr, ihre Früchte und ihre RepräsentaMen. Bon der Büchergelehrsamkeü hatte er eine große Borstellung, ein Gefühl der Bewunderung, mit welche« der Ungebildete die Zaubereien und Wunder anstaunt, welche mittelst der Physik und Chemie »ollbracht »erden. Joses gab sich sogar Mülle, sich etwa« von diese« wiffeu anzueignen, in seinen Mußestunden la« er verschiedene polnische und deutsche Bücher und war ein ständiger und treuer Zeivmgsttser. Die „K. fr. Irrste" und die, Oanat» Narodo wn“ — polnische« Blatt — waren seine beliebten Journale. Politische Ueberzeuguugen besaß er wahrscheinlich gar mcht, denn da« wa« nicht mit seiner nächsten Gegend und seinen geschäftlichen Verhältnissen in Berbindnug stand, war ihm so ziemsich gleichgültig: deßhalb las er auch «tt derselben kalten und gleichgültigen Miene die beiden oben genannten Zeitungsblälter, indem er nur ihre Informations-Nachrichten schätzte. Und damit kam er gut au«. Mtt de» Laadedelmann konnte er über Poltttk und bie neuesten Tagesereignisse sprechen, und da er dabei eine passive, uemrale Haltung de- «buchtete, verletzte er Niemande« Ueberzeugnugen und Gefühle; den Bauern und seinen ungebildeten Glnndätsgenoffen hingegen inqwairte er «tt seine« wissen und großer Weisheit. Die Intelligenz liebte ihn and nannte ihn «tt einer gewissen Achtung den .Herrn Kanstuann', den.gelehnten, ordentlichen Juden' die Bauern begegneten ih« «tt Respekt, und dir Inden sagten: .da« ist ein gefcheidter Mensch', ,9t politistrt, er unterhält sich gleichsam, und »acht dabei gute Geschäfte.' Josef war in der That überaus rührig und erfinderisch. Er dachte fortwährend über etwa« nach, entwarf Pläne und führte sie au«. Unternehmend und »aßvoll vorsichtig, war er auf verschiedenen Punkten thätig und engag'rt. Seine Frau Ehaje saß» im Wirthshan« zu Matinee und besorgte die ländlichen Angelegenheiten. Lr hielt auf verschiedenen Stellen die Straßenmauth und bei Herrschaften die Mllch in Pacht, hatte «nthell bei verschiedenen Propinattoneu (Schänken), und Lompagniegeschäften, kaufte in großem Maßftabe Getreide und Holz zum Exporte, war auf jedem größeren Markte in der Umgegend, nah« au jeder bedeutenderen Unternehmung Theil, mit einem Worte: er war energisch und operirte vielseitig. Seine Negociatioueu wickelte er anständig ab. kam mtt den,«erichteu nicht in Lolliston. er lebte als» friedlich, allenthalben kam «an chm mit Zeichen der Achtung entgegen und so lebte er glücklich. II. Die Schenke in Malince unttrscheidet sich durch nicht« von ihren übrigen Schwestern. Auf einem niedrigen Hügel gelegen, hat sie ein breite«, gegen bte Chaussee wett in seinen Angeln »ffene» Thor. Zur rechten Sette befiudtt sich in der Nähe ein alte« mit Mo»« bewachsene« ruchentsche« Kirchlein und in einiger Entfernung mtt der Front gegen da« wirthshan» gewendet, ein neue«, reingeweißte« Schulgebäude. In dieser nicht durchaus gut gewählten und paffenden Gesellschaft ergeht e« dem Kruge, respective Lhaje der Schenkwirthtn, nicht Übel. In der großen Welt führen alle Wege nach Rom und in Malince geleitet jeder Steg in« wirthshan«. Dtt innere Einrichtung ist auch nicht glänzend. Die schmutzige, rauchgeschwärzte und gesprungene Zimmerdecke lehnt sich auf wände, welche sich keineswegs durch allzngroße Weiße auszeichnen. Die kleinen, seit langer Zett nicht gewaschenen Fensterchen, laffen nur spärlich dtt lichten Strahlen der eben untergehenden Sonne htneiudringen. Die große geräumige Schenkstube ist durch eine Barriere in zwei ungleiche Hälften getheilt. In der größeren find Fäßchen, Fässer und volle Säcke xäi» m«lo aufgestapelt, ferner befindet sich drin ein hoher Ofen von nicht kleine« Umfange und lange, schnrale Tische von niedrigen Bänken umgeben; dtt steine Hälfte beherbergt einen ungeheuren, eine« großen Kanzleittsche ähnlichen Schanktisch, auf welche« sich Gläser, Becher, blecherne« Trtnkgeschtrr, Flaschen und Bonteillen verschiedener Art, Form nab Größe befinden. Bei» Schanktische steht ein keiner Schrank, da« Ziel der heißen wünsche und Träume der Sandlente, n» welchen sie sich schaaren, wenn c« not thnt, den Kummer in Lethe zu enttränken. Dieser Schrank faßt verschiedenartige Fäßchen, welche da« glückseüge Lebenselixtt in Gestatt grauen Branntwein«, braunen Rum«, kastanienbraunen Methe« enthalten. Hinter dem G chank ttsche hantirt dtt .strendartn' «tt groben, verschwommenen Gefichtszügen, »tt großen leblosen Ingen, ohne Glanz ohne stnmnth — tu reiner bescheidener Kleidung. Da« ist Ehaje,! dtt Fra» de« Herrn Josef Zwiebel. Stt ist ein ganz gewöhnliche« Frauenzimmer, ohne de- ■ sondere Eigenthümlichkeiten. Möglich, daß sie immer so leb- ' lo« war, möglich daß auch stt einst ihren rosigen Frühling hattt. Aber da stt auf Befehl ihrer Ettern gehetrathet hatte,; nnb von Jugend ans an eine mechanische geistlose Arbeit gewöhnt war, wurde ihr eigener Wille, ihre ganze Individualität i und Selbftthättgkett abgestumpft. Ihren Mann liebte sie nicht, denn sie hatte ihn nur auf Ordre ihrer Mteru gehei- : rathet; im Uebrigcn wußte sie rücht, wa« dieser an« dein Wörterbuche der asketischen Inden Polen« gestrichene Ausdruck bedeute. Dafür achtete sie in ihre» Manne dessen überlegene Intelligenz, sie war ihm in alle« gehorsam» lebte nur in und für ihn, athmett seine Lust ein, und mtt der Zett wnrde sie sein gefügigstes Werkzeug, ihr etgewak »Ach' ganz etnbüßend.